Noch bevor die genauen Umstände geklärt sind, hat der Tod zweier Säuglinge Israel tief erschüttert und eine Debatte ausgelöst, die weit über den tragischen Einzelfall hinausreicht. In einer illegal betriebenen Kindertagesstätte in Jerusalem starben in der vorvergangenen Woche zwei Babys. Es folgten nicht nur Trauer und Entsetzen, sondern eine erbitterte innenpolitische und gesellschaftliche Auseinandersetzung über staatliche Verantwortung, Religiosität und strukturelles Versagen.
Leah Goloventzitz, vier Monate, und Aharon Katz, sechs Monate, wurden in einer Krippe im Stadtteil Romema tot aufgefunden. Sie starben in der überfüllten Einrichtung, aus der 53 weitere Kinder gerettet wurden. Viele von ihnen litten an Dehydrierung, Atemnot und Überhitzung.
Klage gegen die staatlich angeordnete Obduktion
Die Familien der Opfer sowie führende Vertreter charedischer Gemeinden klagten gegen die staatlich angeordnete Obduktion. Der Oberste Gerichtshof gab ihnen teilweise recht, setzte die zuvor genehmigten Autopsien aus und hob damit den Beschluss eines anderen Gerichts auf. Mit der Entscheidung hatten die Richter offensichtlich versucht, den Spalt zwischen staatlicher Rechtsordnung und religiösen Normen zu überbrücken.
Das Gericht betonte, dass ein Eingriff in die Totenruhe nur dann zulässig sei, wenn alle anderen nicht-invasiven Untersuchungsmethoden ausgeschöpft wurden. Der ultraorthodoxe Rettungsdienst ZAKA, der am Verfahren beteiligt war, unterstützte die Angehörigen und verwies darauf, dass religiöse Vorschriften eine umfassende Obduktion als Entweihung des Leichnams betrachteten.
Nach bisherigen Erkenntnissen sollen in der nicht-lizenzierten Tagesstätte zeitweise Dutzende Säuglinge gleichzeitig betreut worden sein. Augenzeugen berichteten, einige Babys hätten auf Matratzen geschlafen, die unter Toiletten, in Schränken oder in schlecht belüfteten Nebenräumen lagen. Ermittler gehen davon aus, dass ein defektes Heizsystem in Verbindung mit massiver Überbelegung zu extremer Hitze in den Räumen geführt hatte – ein Faktor, der zum Tod der Babys beigetragen haben könnte. Ein Ermittler bezeichnete die Zustände als »äußerst schockierend«.
Verdacht auf fahrlässige Tötung und schwere Vernachlässigung
Die genauen Todesursachen wurden bislang nicht offiziell bestätigt. Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln gegen mindestens zwei Betreuerinnen wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung und schwere Vernachlässigung. Währenddessen wächst der öffentliche Druck auf Politik und Aufsichtsbehörden, strukturelle Versäumnisse, vor allem in Teilen der ultraorthodoxen Gemeinschaft, nicht länger zu ignorieren.
Die geretteten Kinder wurden in mehrere Jerusalemer Krankenhäuser gebracht, darunter das Shaare Zedek Medical Center. Dort teilte die Klinikleitung später mit, dass 27 Babys und Kleinkinder nach einer Nacht zur Beobachtung in gutem Zustand entlassen werden konnten. Unklar ist, wie viele Kinder weiterhin behandelt werden. Ärzte beschrieben die Lage als »außergewöhnlich belastend« – nicht nur aufgrund der hohen Zahl der Betroffenen, sondern auch wegen ihres sehr jungen Alters.
Während die Familie Katz auf die Freigabe des Leichnams ihres sechs Monate alten Sohnes Aharon wartete, nahm seine Mutter Hani Katz mit einem Brief Abschied von ihm. Dieser wurde in den sozialen Medien geteilt. »Wie, Herr des Universums, kann man ein Kind würdigen?«, schrieb sie und fragte sich, was die »süßen Seelen im Paradies der Babys« wohl täten. »Ist der Himmel dort oben nicht zu weit für ein winziges Baby, das gerade einmal krabbeln kann?« Besondere Aufmerksamkeit erregte der Fall, als bekannt wurde, dass sich unter den evakuierten Babys auch ein Urenkel des langjährigen ultraorthodoxen Knesset-Abgeordneten Meir Porush von der Partei Vereinigtes Tora-Judentum befand.
Überfüllte und nicht lizenzierte Krippen sind in ultraorthodoxen Vierteln kein neues Phänomen.
Kritiker werfen Vertretern der charedischen Parteien seit Langem vor, Missstände in den eigenen Gemeinden zu ignorieren, während sie zugleich politischen Einfluss nutzten, um staatliche Kontrollen abzuwehren. Überfüllte und nicht lizenzierte Krippen sind in ultraorthodoxen Vierteln kein neues Phänomen. Kinderreiche Familien leben in oft prekären, äußerst beengten Verhältnissen.
Kostenlose staatliche Betreuungsplätze existieren nicht, lizenzierte Angebote sind häufig zu teuer oder entsprechen nicht den religiösen Anforderungen. Viele greifen daher auf private, unregulierte Einrichtungen aus dem eigenen Umfeld zurück – selbst wenn diese ohne Genehmigung, Sicherheitsstandards und staatliche Aufsicht betrieben werden. Meist befinden sich solche Krippen in privaten Wohnungen.
Der Streit um die geplanten Obduktionen mündete in massiven Protesten in Jerusalem, Beit Schemesch und anderen Städten mit einem hohen ultraorthodoxen Bevölkerungsanteil. Die Demonstrationen eskalierten rasch. Nach Angaben der Polizei blockierten Demonstranten Straßen, setzten Mülltonnen in Brand und warfen Steine auf Sicherheitskräfte. Mindestens elf Personen wurden festgenommen, einige von ihnen werden beschuldigt, Polizisten angegriffen zu haben.
Gemäß der Rettungsdienste wurde ein 18-jähriger Demonstrant in Jerusalem von einem Bus erfasst und verletzt, als er eine Straße blockierte. Zudem wurde ein älterer Mann von Protestierenden angegriffen und auf die Fahrbahn gestoßen, als er versuchte, Steine einer Blockade zu entfernen. Die Polizei verurteilte die Ausschreitungen scharf und kündigte ein konsequentes Vorgehen gegen weitere Gewalt an. Bereits vor zwei Wochen war bei ähnlichen Protesten ein 14-Jähriger von einem Bus erfasst worden. Er war später seinen Verletzungen erlegen. Brocha Goloventzitz, Mutter der gestorbenen Leah, meldete sich zu Wort und sagte, die Gewalt würde den Überzeugungen der Familie widersprechen.
Gemisch aus Trauer, religiösen Gefühlen, sozialen Spannungen und Misstrauen
Der Fall der zwei toten Babys, in dem ein Gemisch aus Trauer, religiösen Gefühlen sowie soziale Spannungen und Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen zum Ausdruck kommen, steht exemplarisch für den tiefen Graben zwischen der ultraorthodoxen Gemeinschaft und der übrigen israelischen Gesellschaft.
Besonders brisant ist dies vor dem Hintergrund, dass die Regierung gerade erst – zusätzlich zum regulären Budget – eine weitere Milliarde Schekel (rund 270 Millionen Euro) an ultraorthodoxe Schulen überwiesen hat. Diese vermitteln gesetzlich vorgeschriebene Kernfächer wie Hebräisch, Englisch und Mathematik oft nur völlig unzureichend oder gar nicht – und tragen so dazu bei, dass soziale Abschottung und Abhängigkeit von staatlichen Transfers aus Steuergeldern an die nächste Generation weitergegeben werden.
Kurz vor Redaktionsschluss wurde der Fall eines weiteren toten Kleinkindes in einer illegalen Krippe in Bnei Brak bekannt.