Israel

Tor zur Welt

Mehr als ein Jahrzehnt ist es mittlerweile her, dass Israel sich aus dem Gazastreifen zurückzog. Im Sommer 2005 rückten die Soldaten ab, packten die jüdischen Siedler ihre Sachen. »Und doch wird Israel noch immer als verantwortlich angesehen und ist in großem Maße die einzige Lebensader für das Gebiet«, erläutert eine Stimme auf Englisch in einem professionellen Werbefilm, den Israel Katz, Minister der Ressorts Transport und Geheimdienste, hat produzieren lassen. Katz glaubt, er habe die Lösung für die Misere: eine künstliche Insel vor der Küste Gazas.

Mit der Hintergrundmusik erinnert er an Hollywood-Streifen wie Fluch der Karibik, doch Katz meint es ernst mit seinem dreiminütigen Clip mit dem Titel »Initiative künstliche Insel Gaza«. »Sie soll eine Lösung für eine Situation sein, die sowohl für die Palästinenser als auch für Israel schlecht ist.«

Bereits vor einigen Jahren schlug der Minister vor, das Eiland errichten zu lassen. Es solle, durch eine Brücke mit dem Festland verbunden, von der internationalen Gemeinschaft finanziert und gebaut werden und ihr gehören. Die Kontrolle würde Israel übernehmen. Auf diese Weise könnte man, da ist Katz sicher, die schwerwiegendsten Probleme in den Griff bekommen. »Wir können es uns nicht leisten, zu warten. Wir steuern direkt auf eine humanitäre Katastrophe oder einen Krieg oder beides zu«, unterstrich Katz sein Vorhaben vor Kurzem.

Warnung Es ist kein Geheimnis, dass die humanitäre Lage im Gazastreifen nahezu unerträglich ist. Die zwei Millionen Bewohner müssen oft mit weniger als vier Stunden Elektrizität am Tag auskommen, die Arbeitslosigkeit ist nach Angaben der Vereinten Nationen mit rund 50 Prozent eine der höchsten der Welt. Die israelische Armee warnt seit Jahren, dass die Lage einem »Dampfkochtopf« gleiche und »die schwierigen humanitären und wirtschaftlichen Bedingungen im Gazastreifen innerhalb von zwei Jahren zu einer Explosion führen können«.

Eine der eindringlichsten Stimmen ist immer wieder der Chef des militärischen Geheimdienstes, Herzl Halevi, der wiederholt auf die Krise hinweist, die seiner Meinung nach schon bald zu einer gewalttätigen Eskalation mit Israel führen könne.

Die Vereinten Nationen veröffentlichten die düstere Prognose, dass der Streifen im Jahr 2020 unbewohnbar sein werde. Doch selbst jene, die der UN Voreingenommenheit gegenüber Israel vorwerfen, können nicht leugnen, was die israelischen Militärs wiederholt betonen: dass sich die massiven Probleme im Gazastreifen direkt auf Israel auswirken.

Sicherheit Katz’ Vorschlag zur Abhilfe durch zivile Infrastruktureinrichtungen auf einer Fläche von etwas mehr als fünf Quadratkilometern wirkt einleuchtend. Ein Seehafen für Cargotransporte würde die benötigten Waren abwickeln und einlagern, ein Personenterminal den Menschen im Gazastreifen Bewegungsfreiheit bieten, Strom würde in einem eigenen Kraftwerk produziert, eine Wasserentsalzungsanlage für Trinkwasser sorgen. Es soll sogar einen Yachthafen für private Schiffe geben, auch gäbe es in der Zukunft die Option für einen Flughafen.

Israel würde nach wie vor die Kontrolle über die Sicherheit in den Gewässern um die Insel und die Kontrolle für die Häfen übernehmen. Internationale Polizei wäre für die Sicherheit auf der Insel und den Übergang von der Küste zur Insel zuständig, schlägt das Video vor. »Die Sicherheitsmöglichkeiten wären viel umfassender als bei einem Hafen an der Küste des Gazastreifens.« Sollte es nötig sein, könnte die Insel zudem durch eine Zugbrücke vom Land abgetrennt werden.

Das ehrgeizige Projekt ist seit einer Weile Katz’ Steckenpferd. Immer wieder schlägt er es in der Knesset vor, bislang jedoch ohne Erfolg. Obwohl er seitens der Armee breite Zustimmung erfährt sowie angeblich Regierungschef Benjamin Netanjahu und andere Minister die Idee gutheißen, gibt es bislang keine Mehrheit im Sicherheitskabinett, dessen Mitglied Katz ist. Zuletzt brachte er es Mitte Juni ein. Eine Entscheidung wurde nicht getroffen, vor allem wegen der Einwände von Verteidigungsminister Avigdor Lieberman. Der sorgt sich, dass die Kontrolle von Waffentransporten und damit die Sicherheit Israels nicht ausreichend gewährleistet wäre.

Hamas Auch aufseiten der Palästinenser scheint man wenig angetan. Obwohl die Hamas keine offizielle Nachricht herausgegeben hat, werden Quellen in verschiedenen Medien zitiert, die behaupten, das Projekt sei lediglich ein weiteres Kontrollinstrument der Israelis, das die Zukunft eines Palästinenserstaates in noch weitere Ferne rücken würde. Die Hamas will ihren eigenen Hafen im Streifen bauen – etwas, das die Regierung in Jerusalem vehement ablehnt.

Doch offenbar ist der Minister keiner, der leicht aufgibt. Er hat nicht vor, seinen Plan ad acta zu legen. »Die Insel würde für die Palästinenser humanitäres und wirtschaftliches Tor zur Welt sein und Transporte ermöglichen, ohne dabei Israels Sicherheit zu gefährden.« Allerdings sind da noch die Kosten. Rund fünf Milliarden Dollar müssten aufgebracht werden. Katz schlägt vor, dass die internationale Gemeinschaft oder private Investoren zahlen, und hat dabei vor allem China oder arabische Ölnationen im Visier.

Seine Überzeugung von der positiven Wirkung der Insel macht Katz in dem Film mit der Computersimulation unumwunden deutlich: Zusätzlich zur wirtschaftlichen und humanitären Bedeutung und den Sicherheitsvorteilen könne die Gaza-Insel-Initiative die Kooperation zwischen Israel und den Ländern in der Region und auch in der internationalen Arena stärken. »Für ein besseres Leben in Gaza und eine bessere Zukunft im Nahen Osten.« Katz ist überzeugt: »Gebt mir die Erlaubnis, und ich setze es in die Tat um.«

Berlin

Merz lehnt Apartheid-Vergleich von Israel entschieden ab

Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas hat Israel mit einem Apartheid-System verglichen. Merz widerspricht sehr deutlich

 18.06.2026

Washington

US-Vize Vance verbittet sich israelische Kritik an Trump

Aus der israelischen Regierung wird Kritik laut – nicht nur am Rahmenabkommen zwischen den USA und dem Iran, sondern auch an Präsident Trump. Dessen Vize kann mit damit allerdings gar nichts anfangen

 18.06.2026

BDS

Boykottversuch gegen israelische Stadtbahn gescheitert

Eine spanische Gewerkschaft fordert von der Firma CAF, die Arbeiten an den Tel Aviver Wagen einzustellen. Doch die weigert sich standhaft

von Sabine Brandes  18.06.2026

Pride

»Wir verstecken uns nicht mehr«

In Tel Aviv erlebt die LGBTQ+-Szene Akzeptanz und Freiheit. Doch bis dahin war es ein langer Weg

von Sabine Brandes  18.06.2026

Libanon

Bericht: Israel führt »hartnäckige« Verhandlungen mit USA

Während Trump das Rahmenabkommen unterzeichnet, gehen die Kämpfe zwischen Israel und der Hisbollah weiter. Aus israelischen Kreisen heißt es, man werde nicht nicht von der Positionen abrücken, Truppen in der »Pufferzone« südlich des Litani-Flusses zu halten

von Sabine Brandes  18.06.2026

Diplomatie

Israel bricht Beziehungen zu EU-Außenbeauftragter Kallas ab

Außenminister Gideon Sa’ar will mit Kaja Kallas so lange nicht mehr reden, bis sie sich für ihren Vorwurf, Israel praktiziere Apartheid, entschuldigt

von Michael Thaidigsmann  18.06.2026

Essen

»Schakschuka ist der Favorit«

Der deutsch-israelische Koch Tom Franz hat ein Buch über das Frühstück geschrieben. Hier spricht er über geflochtenen Lachs, clevere Vorräte und die Frage, warum er die erste Mahlzeit des Tages auslässt

von Katrin Richter  18.06.2026

Krieg

Hisbollah-Sprengsatz tötet israelischen Soldaten, verletzt sieben weitere

Eigentlich soll das Rahmenabkommen der USA mit dem Iran auch die Front im Südlibanon umfassen. Vorerst setzen die vom Iran unterstützte Hisbollah und Israel ihre Angriffe hier aber fort

 18.06.2026

Jerusalem

Netanjahu unter Druck: Wird der Iran-Krieg zum Bumerang?

Der Ministerpräsident versprach einen Triumph, Kritiker sprechen von einer Niederlage. Wie der Iran-Krieg Israels Verhältnis zu den USA und Trumps Loyalität auf die Probe stellt

von Sara Lemel  18.06.2026