Israelische Armee

Tödliche Tragödie durch »friendly fire«

Natan Fitoussi verließ seinen Posten zum Beten. Foto: IDF

Israelische Armee

Tödliche Tragödie durch »friendly fire«

20-jähriger Soldat von Kameraden versehentlich erschossen / Familie war aus Frankreich eingewandert

von Sabine Brandes  17.08.2022 08:47 Uhr Aktualisiert

Eine Tragödie hat sich am späten Montag an einem Militärposten in der Nähe der Stadt Tulkarm im Westjordanland ereignet. Ein israelischer Soldat erschoss seinen Kameraden, nachdem er ihn fälschlicherweise als Angreifer identifiziert hatte. Der getötete Natan Filoussi hatte seinen Posten zum Beten verlassen.

OLEH CHADASCH Der 20-jährige Fitoussi, der zur Infantriebrigade Kfir gehörte, war Oleh Chadasch aus Frankreich und stammte aus der Hafenstadt Netanya. Auf dem dortigen Soldatenfriedhof wurde er am Dienstagabend beigesetzt. Hunderte Trauergäste waren gekommen, um von ihm Abschied zu nehmen. »Er war es, der unsere Familie nach Israel gebracht hat. Er war ein Held, hat immer gelächelt und Gutes getan. Ich habe so viel von ihm gelernt, sagte seine Schwester Salome.

Auch der Kommandant von Fitoussis Einheit, Ran Cohen, lobte den Soldaten: «Er war ein guter und beliebter Freund - und immer der erste, der sich freiwillig gemeldet hat, wenn es etwas zu tun gab». Meir, ein enger Freund der Familie, sagte der «Times of Israel», dass die Angehörigen keinen Groll gegen den Kameraden ihres Sohnes hegten. «Der Soldat tut ihnen leid, und sie wollen ihn ganz sicher treffen.»

«Er war es, der unsere Familie nach Israel gebracht hat. Er war ein Held, hat immer gelächelt und Gutes getan.»

salome fitoussi

Die Familie war vor einer Weile aus Frankreich nach Israel eingewandert. Der Freund erzählte weiter, dass sie in ihrer alten Heimat alles hinter sich gelassen hätten. «Der Vater ist Zahnarzt, sie haben drei Töchter, und Natan war der einzige Sohn.»

LEHREN Verteidigungsminister Benny Gantz drückte seine Trauer über Fitoussis Tod aus und sagte, dass «sich die Armee verpflichtet hat, den Vorfall zu untersuchen und Lehren daraus zu ziehen, damit sich solche Situationen nicht wiederholen – und das wird sie».

Vorläufigen Ermittlungen zufolge habe der junge Soldat seinen Posten, an dem er und der zweite Soldat stationiert waren, verlassen, um zu beten, so die Armee. Er sei auf dem Weg zurück gewesen, als sein Kamerad ihn wohl für einen Verdächtigen gehalten und daraufhin begonnen habe, das Festnahmeprotokoll zu befolgen.

Fitoussi habe wohl angenommen, das Protokoll, das sein Freund befolgte, sei für einen tatsächlichen Verdächtigen bestimmt und reagierte, als ob er in eine Notfallsituation eintreten würde. Der Soldat am Posten habe dies als Angriffsversuch gewertet und zweimal geschossen. Der 20-Jährige wurde getroffen und erlag später im Krankenhaus seinen Verletzungen.

Militärsprecher Ran Kochav erläuterte am Dienstag im Armeeradio, dass der Soldat, der das Feuer eröffnet habe, einen Fehler bei der Identifizierung gemacht habe. Der getötete Soldat habe seine Position mitgeteilt, bevor er sie verließ. Allerdings habe der Schütze das Protokoll für einen derartigen Fall befolgt, bevor er das Feuer eröffnete. Um welchen Fehler es sich gehandelt habe, führte Kochav nicht aus.

«Wir werden den Soldaten, der geschossen hat, begleiten und versuchen, seinen Denkprozess und die Umstände zu verstehen.»

Armeesprecher ran kochav

«Wir werden den Soldaten, der geschossen hat, begleiten und versuchen, seinen Denkprozess und die Umstände zu verstehen, die zu dem Fehler geführt haben.» Sein Zustand sei «den Umständen entsprechend normal». Die Armee hob auch hervor, dass sie «kategorisch alle Posts in sozialen Medien verurteile», bevor die Familie informiert sei. Israelische Medien hätten dies getan. «Tweeten ohne vorher zu überlegen, gefährdet unsere Einheit.»

OFFIZIERE Im Januar waren zwei Offiziere der IDF durch einen vergleichbaren Fall von verwechselter Identität bei einer nächtlichen Sicherheitskontrolle erschossen worden. Damals hatte Gantz gesagt, dass «derartige Vorfälle äußerst selten in der israelischen Armee sind».

Der Fall hatte eine Debatte um das Scharfschießen eröffnet. Einige Wochen zuvor hatte das Militär die Regeln des Schießens auf Personen, die des Waffendiebstahls verdächtigt werden, gelockert. Sie besagen jetzt, dass Soldaten bei begründetem Verdacht überall dort schießen dürfen, wo es eine Präsenz der IDF gibt. Besonders im Westjordanland gilt das Stehlen von Waffen der Armee als großes Problem.

Kommentar

»Eigentlich habe ich noch nie mit einem Juden gesprochen«

Als Antisemitismusbeauftragter jüdisch zu sein ist kein Manko. Im Gegenteil: Es braucht an deutschen Universitäten mehr jüdische Beauftragte

von Guy Katz  28.06.2026

Interview

»Es braucht eine umfassende Kampagne«

Der israelische Diplomat Akiva Tor beklagt, dass das angeschlagene Image seines Landes die nationale Sicherheit des jüdischen Staates gefährdet

von Sabine Brandes  27.06.2026

Nahost

Amerikas Rückzug

Die USA lassen Israel fallen und versuchen plötzlich, den Iran zu bestechen. Eine gefährliche Situation für den Judenstaat – aber auch eine Chance, sich neu zu erfinden

von Rafael Seligmann  27.06.2026

Jerusalem

50. Jahrestag: Israel gibt Geheimdokumente zu Entebbe frei

Am 27. Juni 1976 entführten Terroristen eine Air-France-Maschine nach Uganda. Fünf Jahrzehnte später stellt das israelische Staatsarchiv die Regierungsdokumente zur militärischen Befreiung bereit

von Hans Dahne  26.06.2026

Washington D.C.

Gespräche zwischen Israel und Libanon verlängert

Die USA drängen die beiden Staaten darauf, die Verhandlungen nicht ohne Ergebnis zu beenden. Deshalb sollen die Delegationen heute erneut zusammenkommen.

 26.06.2026

Medien

»Alle Juden haben genug von dir!« Trump soll Netanjahu angeschrien haben

Auslöser für den Streit war einem neuen Buch zufolge ein israelischer Angriff auf Hamas-Führungsmitglieder in Doha

 26.06.2026

Jerusalem

Sa’ar will Anerkennung des Armenier-Genozids

Der israelische Außenminister will eine entsprechende Resolution zunächst im Kabinett einbringen. Anschließend soll sie der Knesset zur Abstimmung vorgelegt werden

 26.06.2026

Jerusalem

Isaac Herzogs Hubschrauber muss notlanden

Die Hintergründe

 26.06.2026

Meinung

Wie Israel zum Juden unter den Staaten gemacht wird

Antisemitismus zeichnet sich dadurch aus, dass er keine empirischen Grundlagen braucht, um zu existieren - weder in der UN noch anderswo

von Jacques Abramowicz  25.06.2026