Diplomatie

»Tiefe Sympathie«

Kurden im Irak feiern das Unabhängigkeitsvotum Foto: Getty Images

Israel unterstützt den Plan der Kurden, einen eigenen Staat zu gründen. Das kurdische Referendum am 25. September im Norden des Irak hatte mit einem überwältigenden Ja-Votum geendet. Bei einer Wahlbeteiligung von mehr als 80 Prozent sprachen sich 93 Prozent für die Unabhängigkeit aus, und der Präsident der semi-autonomen Region, Massud Barzani, sprach vom »glücklichsten Tag in meinem Leben«. Regierungschef Benjamin Netanjahu ließ wissen, das jüdische Volk hege seit Langem eine tiefe und natürliche Sympathie für die Kurden und ihr Anliegen.

Ofra Bengio, Professorin am Moshe Dayan Center der Universität Tel Aviv, ist Expertin auf dem Gebiet. Sie erläutert die Verbindung zwischen Juden und Kurden auf historischer, ideologischer und strategischer Ebene: »Historisch existieren starke Verbindungen zwischen den Völkern, die bis ins 16. Jahrhundert zurückreichen. Kurdische Stammeschefs unterstützten und schützten Juden oft. Nach der Gründung des irakischen Staates, als das Leben der Juden schwerer wurde, halfen sie ihnen sehr.« Als im Jahr 1941 bei einem Pogrom in Bagdad 180 Angehörige der jüdischen Gemeinde getötet wurden, seien die Juden in Kurdistan indes in Sicherheit gewesen, und in den 70er-Jahren hätten sie sie sogar aus dem Land geschmuggelt, hebt sie hervor.

Strategie »All das formt die grundlegende Verbindung zwischen dem jüdischen und dem kurdischen Volk. Auch die Tatsache, dass sie seit Jahrtausenden auf diesem Land leben, verbindet sie.« Im Gegenzug gibt es die moralische und militärische Hilfe vom Staat Israel. Ab 1965 habe Jerusalem die kurdischen Streitkräfte im Irak rund zehn Jahre lang ausgebildet. »Obwohl der letzte kurdische Anführer Mulla Mustafa zweimal in Israel war, waren alle Verbindungen streng geheim«, weiß Bengio. Heutzutage kommt die strategische Unterstützung vor allem durch den Erwerb des kurdischen Öls. Als Bagdad die Käufer bedrohte, bezog Israel dennoch weiterhin ihr Öl.

Die Unterstützung aus Jerusalem überrascht Bengio nicht. »Aus ideologischen Gründen glaubt Israel, dass die Kurden ihren eigenen Staat verdienen, und im weitreichenden strategischen Hinblick könnte Kurdistan eine Pufferzone gegen den Iran darstellen.« Denn obwohl das Gebilde Kurdistan noch kein Staat sei, beweise es, dass es sehr stabil ist. Die Kurden seien säkular im Vergleich zu den Nationen, in denen sie leben. Neben dem Irak sind sie Minderheit in der Türkei, in Syrien und im Iran.

Kultur Der Grund für ihre Säkularität und die egalitären Strukturen seien die Ursprünge im Zoroastrismus. Bengio: »Die Kurden waren Zoroastrier und wurden seit dem siebten Jahrhundert islamisiert. Ihre besonderen kulturellen Werte, die sie von anderen muslimischen Gesellschaften unterscheiden, behalten sie bis heute bei.« So seien beispielsweise Frauen immer aktiver Teil der Gesellschaft gewesen. Vor allem in der Türkei und in Syrien haben kurdische Frauen seit Langem Führungsrollen inne.

Doch Israel hatte keinen Anteil am kurdischen Referendum, das machte Jerusalem deutlich. Netanjahu betonte, man habe sich nicht eingemischt. »Es ist nachzuvollziehen, warum jene, die die Hamas unterstützen, den Mossad überall sehen, wo es ihnen unangenehm wird.« Zuvor hatte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan erklärt, der Geheimdienst habe seine Finger im Spiel gehabt. Israelische Fähnchen, die bei den Feiern nach dem Referendum im Nordirak zu sehen gewesen seien, würden das bestätigen. »Es zeigt, dass die kurdische Verwaltung eine Geschichte mit dem Mossad hat. Die beiden arbeiten Hand in Hand.« Erdogan drohte auch, dass die Schritte zur Normalisierung der Verbindung zwischen Ankara und Jerusalem eingefroren werden könnten, sollte die Netanjahu-Regierung ihre Unterstützung für das Unabhängigkeitsbestreben nicht unterlassen.

Es sieht nicht so aus, als würde das geschehen. Denn Bengio ist sicher, dass die Kurden in der Region längst Gamechanger sind. »Und das, obwohl sie nur einen Quasi-Staat haben.« Während die Kurden im vergangenen Jahrhundert vernachlässigt worden seien, stünden sie seit ihrem Kampf gegen den Islamischen Staat international auf der Tagesordnung. »Der Irak ist ein Staat, der nicht funktioniert, und Kurdistan kann als Modell und stabilisierende Kraft in der Region fungieren.«

Vakuum Auf die Frage, wer die Kurden außer Israel noch unterstütze, antwortet die Expertin, die USA hätten sie betrogen und im Stich gelassen und somit ein Vakuum geschaffen. »Vielleicht wird Russland schlauer sein. Natürlich wäre das in seinem eigenen Interesse, um so viel Einfluss in Nahost zu haben wie möglich. Die Russen wollen in der Region Schach spielen.« Israel könnte zudem eine Allianz sein. Allerdings hätten die Kurden keine großen Hoffnungen, dass Israel außer der moralischen Unterstützung und dem Ölkauf viel für die Unabhängigkeit tun könne. Der Grund, meint sie, liege vor allem darin, dass Israel und Kurdistan keine gemeinsame Grenze haben. Zudem sei man dort sehr vorsichtig, was die öffentliche Beziehung zu Jerusalem angehe, denn man wolle sich nicht mit den muslimischen Nachbarn überwerfen.

Ihre moderate Ausrichtung könnte die Kurden aber zu einem Verbündeten der westlichen Welt machen, daran hat Bengio keinen Zweifel. Warum diese sie nicht stärker unterstützt, darauf indes hat sie keine Antwort. »Wir sehen, wie anders sich die Kurden im Vergleich zu muslimischen Staaten verhalten. Bei der Befreiung von Mossul etwa oder durch die Tatsache, dass sie zwei Millionen Flüchtlinge aufgenommen haben, während Bagdad nicht einen einzigen willkommen hieß.« Doch leider würden ihnen Säkularität und demokratische Strukturen momentan wenig nützen. »Die USA schicken die meiste militärische Hilfe an Bagdad. In ihrer letzten zynischen Aktion haben sie sogar aufgehört, Stipendien an die Peschmerga-Kämpfer zu geben, die schließlich eine Hauptrolle bei der Zerschlagung des IS haben. All das ist kurzsichtig vom Westen und tragisch für die Kurden.«

Bengio hofft, dass die Kurden ihre Unabhängigkeit erhalten. Im Irak seien sie weit entwickelt, entschlossen und hätten mit ihrem Präsidenten Barzani einen starken Anführer. In Syrien und der Türkei würden sie zudem über eine Autonomie sprechen. »Doch wie schnell das erreicht werden kann, weiß wohl niemand«, so Bengio. Nur eines sei klar: »Die Kurden werden jetzt verhandeln. Nach ihrem Referendum haben sie bereits erklärt, dass sie nicht zurückrudern werden – denn 93 Prozent sind eine starke Zahl.«

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