Terror

Sorge um die Geiseln

Am Montag nannte Armeesprecher Daniel Hagari aktualisierte Zahlen: Israel habe die Familien von 199 Geiseln darüber informiert, dass ihre Angehörigen zu denen gehören, die von der Hamas in den Gazastreifen verschleppt worden sind. Zuvor war man von rund 150 Entführten ausgegangen.

Unter ihnen sind Kinder und alte Menschen, Männer und Frauen, Zivilisten und Soldaten. Man unternehme »Riesenanstrengungen«, um auf der Basis von Geheimdienstinformationen herauszufinden, wo genau die Geiseln festgehalten werden, so der Armeesprecher.

Das Schicksal der Entführten lässt seit dem 7. Oktober ihre Angehörigen nicht mehr ruhen, ganz Israel sorgt sich um sie. Und nicht nur Israel. Weltweit werden ihre Bilder verbreitet, wird mit Unterschriftenaktionen, Initiativen in den sozialen Medien, Gesprächen mit Regierungsvertretern ihre Freilassung gefordert.

Protest vor dem Tel Aviver Armee-Hauptquartier

Diese Forderung stellen auch seit Samstagabend zahlreiche Menschen, die vor dem Tel Aviver Armee-Hauptquartier, der Kiriya, in der Kaplanstraße demonstrieren. Begonnen hatte den Protest Avichai Brodetz, dessen Frau Hagar und ihre Kinder Orla (4), Yuval (8) und Ofir (10) aus dem Kibbuz Kfar Aza verschleppt wurden: »Ich möchte, dass mir jemand hilft, zu weinen. Ich werde nicht weichen, bevor meine Familie zurückkehrt.«

Das Schicksal der Entführten lässt seit dem 7. Oktober ihre Angehörigen nicht mehr ruhen.

Inzwischen wechselt er sich bei der Protestaktion mit seinem Vater ab. Am Montagnachmittag sitzt Shmuel Brodetz (75) auf einem weißen Plastikstuhl unter einem roten Sonnenschirm an der Einfahrt zur Kiriya. Er hält ein Schild in der Hand, auf dem zu lesen ist: »Meine Familie ist im Gazastreifen.« Unserer Zeitung sagt er: »Ich fordere ganz einfach, dass meine Enkel wieder zurückkommen. Die Regierung ist schuld daran, dass sie entführt wurden. Und nun ist sie auch dafür verantwortlich, dass sie freigelassen werden.«

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite haben sich zur gleichen Zeit Freunde und Bekannte von Liri Albag versammelt. Sie sitzen unter Zeltdächern. Überall sind Bilder der 18-Jährigen zu sehen. Auch Vater Eli steht dabei. Er hat an diesem Montag Geburtstag, wurde 54. Seinen Ehrentag hatte er sich gewiss anders vorgestellt.

Er nimmt sich ein paar Minuten Zeit und erzählt: »Meine Tochter ist Soldatin, erst kürzlich eingezogen. Am Donnerstag kam sie ins Militärlager an der Grenze zum Gazastreifen. Dort schlief sie in ihrem Bett, als die Terroristen kamen und einige der Mädchen gleich töteten und andere entführten.« Es sollen etwa sieben bis acht junge Frauen sein, die nach Gaza verschleppt wurden. Auf Bildern hätte er seine Tochter Liri entdeckt, so Eli Albag, in einem Jeep der Terroristen in Gaza-Stadt.

»Daher wissen wir, dass sie entführt wurde. Wir haben Beweise dafür, dass sie lebt und in gutem Zustand ist.« Was ihm jetzt durch den Kopf geht? »Hören Sie, wir sind im Krieg: Die Hamas hat 1400 Menschen brutal ermordet. Es ist eine Brutalität, die man nicht einmal im Holocaust erlebt hat.« Er wolle die Regierung dabei unterstützen, das zu tun, was sie jetzt tun müsse, sagt er. »Und wir wollen, dass sie alle Entführten, nicht nur meine Liri, wieder nach Hause bringen.«

Die Hamas verstößt gegen internationales Recht

Szenenwechsel: Am Jerusalemer Misgav Institute for National Security & Zionist Strategy beschäftigt sich Politikwissenschaftler Adi Schwartz mit Entführungsfällen. Er sagt, dass es in der jüngeren Geschichte keine terroristische Geiselnahme dieser Dimension gab, mit einer so hohen Zahl an Personen aus so vielen Nationen. Schwartz betont, dass die Hamas fortgesetzt gegen internationales Recht verstoße.

Entsprechend der Genfer Konferenz müsste sie die Zahl und Identität der Geiseln bekannt geben, das Internationale Rote Kreuz müsste Zugang zu den Geiseln erhalten, um sie mit dem Notwendigsten wie Medizin zu versorgen. Kranke und Verletzte müssten sofort freigelassen werden oder in ein neutrales Land gebracht werden. »Wir wissen, dass die Hamas nicht den internationalen Normen folgt, aber das wäre die Verpflichtung«, betont der Politikwissenschaftler.

Es gebe kaum Informationen, israelische Offizielle äußern sich nur wenig, Vermittlungsbemühungen werden offiziell nicht bestätigt, sagte Schwartz am Montagabend. »Aber ich denke, dass Israel der einfachen Regel folgen und sich um die Freilassung der Geiseln bemühen wird, als ob es keinen Krieg gibt, und den Krieg führen wird, als ob es keine Geiseln gibt.«

Schwartz meint, dass internationaler Druck auf die Hamas-Unterstützer Katar und Iran effektiv sein könnte. Auch müssten die internationale Gemeinschaft und der Westen ihren Einfluss auf das Internationale Rote Kreuz nutzen, den Verpflichtungen nach internationalem Recht nachzukommen. Nicht zuletzt, weil neben den israelischen Geiseln auch sehr viele der Verschleppten Staatsangehörige der USA, von Frankreich, Italien, Argentinien, Paraguay und Deutschland sind.

Scholz zu Solidaritätsbesuch in Israel

Angehörige von Verschleppten mit deutscher Staatsangehörigkeit kamen am Dienstagabend mit Bundeskanzler Olaf Scholz zusammen, der für einige Stunden zu einem Solidaritätsbesuch nach Israel gereist ist. Rund 40 Minuten soll das Treffen gedauert haben, bei dem sie mit dem Kanzler sprechen konnten. Er habe sich geduldig ihre Geschichten angehört und sehr warme Worte gefunden, berichteten sie danach.

In der jüngeren Geschichte gab es keine Geiselnahme dieser Dimension.

Gili Romann, dessen Schwester Yarden zu den Entführten gehört, setzt große Hoffnung in den deutschen Regierungschef: »Er ist der Mann der Stunde.« Scholz habe versichert, alles tun zu wollen, was in seiner Macht stehe, ihre Familienmitglieder und alle Geiseln zurückzubringen.

Besonders bewegende Worte fand Yoni Asher, dessen Frau Doron mit den kleinen Töchtern Raz (4) und Aviv (2) bei der Großmutter im Kibbuz Nir Oz den Schabbat verbringen wollte, als sie von Terroristen nach Gaza verschleppt wurden. »Ich spreche hier jetzt als Vater ohne Familie. Meine gesamte Welt wurde mir genommen.«

Auch er dankte Scholz für seinen Besuch und seine Bereitschaft zu helfen. Yoni Asher erzählte, dass er dem Kanzler eine Stoffpuppe gezeigt habe, die im Bett seiner Tochter Aviv im Kibbuz zurückgeblieben war. Gerne würde er ihm eines Tages diese Puppe überreichen, wenn er mit seiner Familie nach der Befreiung nach Berlin reisen könnte, um Scholz so zu danken.

Unterdessen setzt die Hamas ihr zynisches Spiel fort. Am Montagabend veröffentlichte die Terrorgruppe erstmals ein Video mit einer Geisel im Gazastreifen. Es ist die 21-jährige französisch-israelische Staatsbürgerin Mia Shem. Dabei blickt die junge Frau in die Kamera und fleht: »Holt mich bitte so schnell wie möglich raus.«

Kommentar

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