Terror

Sicherheit geht vor

Solidarität in Tel Aviv: Trauerkundgebung für die Opfer der Pariser Attentate vom 13. November Foto: Flash 90

Menschen in der ganzen Welt nutzten die sozialen Netzwerke, um ihrer Trauer nach den Anschlägen in Paris Ausdruck zu verleihen. Auch Israelis. Doch nicht bei allen Landsleuten kommen die Beileidsbekundungen in Blau-Weiß-Rot gut an. »Wo ist das Mitgefühl, wenn Israelis durch Terror getötet werden?«, klagen sie an. »Wo sind die Flaggen mit dem Davidstern?« Viele Europäer indes sehen den Konflikt mit den Palästinensern als etwas anderes als die Bedrohung des Westens durch Terrormilizen wie IS.

Israelische Regierungspolitiker aber betonen die Parallelen: »Hamas und IS sind aus dem gleichen giftigen Holz geschnitzt«, sagte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bereits nach dem Gaza-Krieg 2014. Und auch jetzt macht er klar, dass es in Europa wie in Israel darum geht, die freie westliche Welt gegen den radikalen Islam zu verteidigen.

Verständnis Oft kritisiert Israel, dass Terror gegen den jüdischen Staat in der Welt marginalisiert oder komplett unter den Teppich gekehrt wird. Nach den IS-Attacken hofft das Land auf mehr Verständnis. »Vielleicht verstehen die Europäer nun, was wir hier fast täglich durchmachen«, ist dieser Tage ein viel gehörter Satz auf Israels Straßen.

Dass der kleine Nahoststaat nach Jahrzehnten des Terrors mehr Erfahrung im Umgang damit hat als Europa, bezweifelt niemand. Sicherheitsmaßnahmen werden selten infrage gestellt, denn der Schutz des Lebens steht über den Sorgen um Datenschutz, Bewegungsfreiheit und ähnlichen Menschenrechten. Vom Regierungsbeamten bis zum Schulkind sind Israelis darauf getrimmt, Gefahren zu erkennen und sämtliche Sicherheitsvorkehrungen klaglos über sich ergehen zu lassen. Sei es am Flughafen, vor dem Supermarkt, in Schulen und Kindergärten oder in der Kneipe um die Ecke.

Experten gehen davon aus, dass europäische Regierungen sich nun an private Sicherheitsfirmen wenden werden, um israelisches Know-how zu erhalten. Bereits nach den Anschlägen vom Januar in Paris gegen das Satiremagazin »Charlie Hebdo« und den Supermarkt Hyper Cacher stieg die Nachfrage um 30 Prozent. Jetzt schätzen sie, dass sie sich vervielfacht.

Grenzkontrollen Verteidigungsminister Mosche Yaalon riet Europa zudem, Gesetze zu verabschieden, die einen effektiveren Kampf gegen den Terrorismus ermöglichen. Im Armeeradio Galgalatz erläuterte er, dass die Europäer zwar die Bedrohung verstanden hätten, allerdings nichts weiter unternähmen. »Sie müssen erlauben, potenzielle Terroristen abzuhören. Außerdem sollten viel striktere Passkontrollen an den Grenzen eingeführt und Sicherheitspersonal an öffentlichen Plätzen aufgestellt werden.« Zudem müsse dringend die Sicherheitslücke zur Türkei geschlossen werden, durch die europäische Dschihadisten nach Syrien schlüpfen, dort vom IS zu Terroristen ausgebildet werden und anschließend wieder zurück nach Europa reisen.

Doch Yaalon ist sich sicher: »Wenn es um Sicherheit und Menschenrechte geht, fällt die Wahl in Europa immer zuerst auf die Menschenrechte. Aber diese Wahl gibt es jetzt nicht mehr. Von nun an muss die Sicherheit obenan stehen, um die Demokratie zu verteidigen. Denn wir sitzen alle im selben Boot, wenn es darum geht, die westliche Zivilisation zu schützen.«

Das sagt auch Dan Schueftan, Direktor des Zentrums für nationale Sicherheitsstudien an der Universität Haifa. Allerdings ist er pessimistisch, was Europas Handlungswillen angeht: »Denn Europa ist nicht einmal annähernd so weit, zu verstehen, worauf es sich da einlässt«. Die überzogene politische Korrektheit würde die Europäer daran hindern, unangenehme Fragen zu stellen. Die aber sei in dieser Situation vonnöten, um realistisch zu sein.

Schueftan holt aus: »Die Europäer sind unrealistisch in der Bewertung der Lage. Das hat ihre Einschätzung der Revolution in der arabischen Welt deutlich gezeigt. Sie meinten, nach dem Sturz der totalitären Regime würden wundervolle Demokratien aus den Trümmern emporsteigen. Doch es gab überall Desaster, weil die arabischen Gesellschaften nicht in der Lage sind, eine Demokratie aufzubauen. Es war eine europäische Fantasie.«

Verteidigung
Stattdessen brächten die arabischen Flüchtlinge nun ihre Kulturen ins Herz von Europa. Eine Katastrophe für den Kontinent, ist er überzeugt. »Die Europäer riskieren ihre Werte mit der derzeitigen Politik. Natürlich klingt es gut zu sagen: ›Wir sind ja so offen und nehmen alle auf, die zu uns kommen wollen‹. Gut für Europa ist das aber sicher nicht.« Israel im Gegensatz stünde oft nicht sonderlich gut da, wenn es um die Verteidigung geht. »Und dann maßt sich Europa immer an, Israel abzuurteilen.«

Als Maßnahmen rät er, die Zahl der Flüchtlinge radikal zu beschränken und die äußeren Grenzen Europas zu schließen. »Denn mit einer kontrollierten Anzahl von Flüchtlingen kann man sicherlich umgehen. Aber nicht mit einem schier endlosen Strom.« Die Europäer seien zwar großartig darin, Werte zu definieren, die er bewundere – »alles, was ich über Pluralismus weiß, habe ich von Europa gelernt«. Allerdings seien sie schlecht darin, sie zu schützen. Genau das müsse geschehen, mahnt der Sicherheitsexperte. Ansonsten stehe die Zukunft der Kinder auf dem Spiel. Düstere Aussichten? »Leider ja, denn wenn man unverantwortlich handelt, wird einen das in der Zukunft verfolgen.« Die europäischen Staaten sollten ihre Kinder und ihre Nationen schützen. »Man muss eine Perspektive haben und verantwortlich handeln. Auch wenn das erst einmal nicht vorteilhaft wirkt.«

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