Sinai

Sehnsucht nach dem Paradies

Für viele Menschen ist der Sinai Sehnsuchtsort und Paradies zugleich. Die dort herrschende Energie ist einzigartig. Jeder, der schon einmal dort war, ist fasziniert von den malerischen Wüstenstränden und dem kristallklaren Wasser des Roten Meeres, das zum Tauchen in den Korallenriffen einlädt. Doch auch die romantischen Sonnenuntergänge mit Blick auf die rosaroten Berge und die Nächte, in denen die Sterne am Himmel zum Greifen nahe scheinen, beeindrucken.

Seit der israelischen Besetzung der Halbinsel im Sechstagekrieg 1967 bis zur endgültigen Rückgabe 15 Jahre später wurde der Sinai zu einem der beliebtesten Urlaubsziele für Israelis. Die Anziehung besteht bis heute, diese »Liebesbeziehung« scheint durch nichts zu erschüttern.

Trotz immer wieder aufflammender Konflikte und zahlreicher Anschläge haben die Bürger die wiederholten Terrorwarnungen vonseiten der israelischen Sicherheitsbehörden weitgehend ignoriert. Während der jüdischen Feiertage besuchen jährlich Hunderttausende von ihnen die ägyptische Halbinsel.

ANSCHLÄGE »Die Gefahr ist akut. In den letzten Jahren kämpfte das ägyptische Militär im nördlichen und zentralen Sinai gegen Aufständische, die dem Islamischen Staat nahestehen«, sagt Ron Gilran, Manager der Levantine Group, einer in Tel Aviv ansässigen PR-Agentur, die die politischen und terroristischen Entwicklungen in der Region verfolgt.

Reisewarnungen für diese Region gibt es schon lange. Das Gebiet war Ziel mehrerer Anschläge, bei denen in den vergangenen Jahrzehnten über 100 Ausländer getötet wurden. »Vor allem der Terroranschlag im Oktober 2004 in Taba, bei dem 34 Menschen starben, darunter zwölf Israelis, hatte eine nachhaltige Wirkung«, erklärt der Experte. »Für einige Jahre trauten sich nur Wenige über die Grenze.«

Überhaupt galt die Halbinsel einst aufgrund ihrer Nähe zum Gazastreifen als gefährlich, und man befürchtete, dass palästinensische Terroristen sie infiltrieren und israelische Touristen angreifen könnten. Erst in den letzten Jahren hat sich dort die Lage aufgrund intensiver Zusammenarbeit zwischen israelischen und ägyptischen Streitkräften wesentlich verbessert.

»Ich gehöre zu den wenigen Touristen aus Israel, die den Sinai über all die Jahre immer wieder besucht haben, auch während der Zweiten Intifada 2001 und der Zeit danach«, erzählt Ravit Baranes. »Der Rausch der endlosen Weiten ist für mich der Geschmack von Freiheit.« Wie viele ihrer Landsleute zieht es sie mehrmals im Jahr dorthin. »Natürlich ist die Gegend hier einzigartig. Doch neben der entspannten Atmosphäre sind die Preise einer der Hauptgründe«, erklärt sie.

SIEDLUNG Tatsächlich haben viele Israelis keine Lust auf Massentourismus und die überteuerten Hotels in Eilat. Viele nutzen sogar den erst kürzlich neu eröffneten Ramon-Flughafen, der 25 Minuten vor Israels südlichster Stadt liegt, um in der jordanischen Grenzstadt Akaba zu residieren oder um schnell in den Sinai zu gelangen.

Manche, die als Urlauber wiederkommen, sind bereits dort aufgewachsen.

»Als Kind bin ich in Jamit aufgewachsen, und deshalb komme ich immer wieder«, erzählt Baranes. Jamit war eine israelische Siedlung mit fast 3000 Einwohnern im Nordosten des Sinai. Sie wurde während der israelischen Besatzung nach dem Ende des Sechstagekrieges 1967 gebaut. Als Teil des israelisch-ägyptischen Friedensvertrages von 1979 wurde dieses Gebiet im April 1982 wieder vollständig zurückgegeben. Das Abkommen sah vor, dass Ägypten 80 Millionen US-Dollar für die Wohnungen und Infrastruktur zahlen sollte. Da die israelische Regierung fürchtete, dass die israelischen Siedler zurückkehren und dadurch Spannungen mit Ägypten verursachen würden, entschieden sie, die Kleinstadt vollständig zu zerstören.

»Die Energie des Sinai ist Balsam für die Seele«, erklärt Salem Alsakhn. Der 47-jährige Beduine ist Besitzer des »Big Dune Camps«, eines bei Israelis beliebten Strandes in der Nähe der Stadt Nuweiba. »Alle Menschen, die zu uns kommen, lieben die Schönheit der Natur«, erzählt er. »Sie spüren, dass es ein heiliger Ort ist, und wollen die besondere Atmosphäre immer wieder erleben.«

Fast alle Mitarbeiter im Big Dune Camp sprechen perfekt Hebräisch. Die etwas Älteren haben es noch in der Schule gelernt, als der Sinai zu Israel gehörte. Andere wiederum haben die Sprache durch ihren Umgang mit Touristen perfektioniert. »Viele Menschen haben Angst hierherzukommen, doch dazu gibt es keinen Grund«, sagt Alsakhn, der überzeugt ist, dass die Beduinenstämme die ausländischen Gäste beschützen. »Gefährlich ist es nur im Norden. Doch der Sinai ist dreimal so groß wie Israel, und im Süden merkt man nichts vom Terrorismus.«

ISLAM Doch die Fakten sehen anders aus. Seit dem Arabischen Frühling, mit dem Sturz des Präsidenten Hosni Mubarak 2011, sind islamische Aufständische in einen langwierigen Krieg mit ägyptischen Sicherheitskräften verwickelt. »Diese Zusammenstöße haben zu täglichen Todesfällen geführt, und es ist noch lange kein Ende in Sicht,« sagt Gilran.

Infolgedessen erklärte das Amt für Terrorismusbekämpfung des Nationalen Sicherheitsrats in Jerusalem vor den diesjährigen jüdischen Feiertagen wiederholt, dass eine ernsthafte Terrorgefahr bestehe. Doch auch wenn die Zahl der israelischen Touristen in den letzten Jahren abgenommen hat – vor dem Anschlag 2004 kamen viermal so viele –, ließen sich viele davon nicht abschrecken.

Gastfreundlichkeit Ravit Baranes ist überzeugt, dass die Medien übertreiben. »Wir fühlen uns sicher hier und genießen die Gastfreundlichkeit der Ägypter.« Sie erzählt, dass es über Pessach sogar mehr Israelis als Einheimische gab. »Leider ist es heute fast überall gefährlich, auch in Europa. Wenn wir die ganze Zeit in Angst leben, könnte man überhaupt nicht mehr aus seiner Wohnung.«

Die besondere Liebesbeziehung zum Sinai kann sie nicht erklären. »Vielleicht, weil wir Israeliten hier ein freies Volk wurden. Doch der Ort hat etwas Magisches, das die Menschen anzieht.« So wie ihre Familie, die Anfang 1975 nach Jamit kam und sich schweren Herzens 1982 wieder von ihrem Sehnsuchtsort verabschiedete. »Als wir den Sinai verließen, nahm mein Vater einen winzigen Dattelbaum mit und pflanzte ihn im Garten unseres neuen Zuhause im Kibbuz Zikim – an der Grenze zu Gaza«, erinnert sich Baranes. »So behielten wir ein kleines Stück vom Paradies.«

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