Binary Options

Schmutzige Geschäfte

»Raubtiere arbeiten nachts«: Bürotürme in Tel Aviv Foto: Flash 90

Blut läuft aus dem Mund. Die perfekt manikürten Hände liegen lasziv an den Lippen, zwischen denen die Vampirzähne blitzen. »Raubtiere arbeiten nachts« steht daneben. Mit dieser Anzeige im Internet will die israelische Firma »Prime Sales« Angestellte anheuern. So merkwürdig die Werbung, so dubios sind die Unternehmen selbst. Sie nennen sich Finanzagenturen, tatsächlich aber betrügen sie ahnungslose Menschen um ihr Geld – und ziehen Israels Ruf in der Welt in den Schmutz.

Es geht um den Handel mit Währungen oder Rohstoffen, wie beispielsweise Gold, im Internet. Genannt wird dieser Handel »Forex«, der generell legal ist. Binäre Optionen sind ein Finanzinstrument, mit dem die Währungen oder Güter außerhalb der Börse gehandelt werden. Da dies in Israel bislang kaum reguliert ist, ist es für Betrüger ein so lukratives Geschäft. In den vergangenen Jahren hat sich das Land zu einer Art Zentrum dieser Firmen entwickelt. Viele, doch nicht alle, wurden von französischen Juden mit kriminellem Hintergrund gegründet, die sich in Israel vor der europäischen Polizei verstecken.

Die oft anfangs ahnungslosen jungen Leute, die für die Firmen arbeiten, sitzen in Callcentern und telefonieren den ganzen Tag. Meist sind es Immigranten aus Europa oder den USA, oft auch israelische Araber. Ihr Job: Menschen auf der ganzen Welt um ihr sauer Erspartes zu bringen – durch Überzeugungskraft, Manipulation und Lügen. Die Machenschaften sind, gelinde gesagt, undurchsichtig.

Geld Ein Beispiel: Jemand in Indien hat 5000 Dollar auf dem Konto und möchte mehr daraus machen. Er recherchiert im Internet, stößt auf die »schnelle Möglichkeit« der binären Optionen und ruft die angegebene Telefonnummer an. Die wird durch eine besondere Technik als lokale Nummer dargestellt, tatsächlich aber telefoniert der Inder nach Israel.

Dort wird er von einem »Finanzexperten« betreut, der in Wahrheit ein junger Mensch ist, der nur kurz eingearbeitet wurde. Dieser Berater rät ihm, per binären Optionen auf Online-Handels-Plattformen zu investieren. Das Geld überweist der Kunde an die Firma, die es für ihn einsetzt. Der Kunde soll schätzen, ob eine Währung oder der Preis eines Rohstoffes steigen oder fallen wird. Liegt er richtig, ist mit einem Mal sein Geld verdoppelt oder sogar mehr. Natürlich werden anfangs nur kleine Summen investiert, und natürlich gewinnt man am Anfang fast immer.

Doch sobald die eingesetzten Beträge höher werden, verliert der Kunde mehr und mehr. Tatsächlich werden die überwiesenen Beträge oft gar nicht mehr »investiert«, sondern von der Firma schlicht einbehalten. Wenn der Betroffene den Betrug erkennt, ist die »Finanzagentur« nicht selten verschwunden, die Telefonanrufe laufen ins Nichts, oder Nummer und Ansprechpartner sind wie vom Erdboden verschluckt. Nicht selten verlieren Menschen dabei ihre kompletten Ersparnisse.

Erst nach mehreren investigativen Artikeln in der Internetzeitung »Times of Israel« scheinen die Behörden in Israel aufzuwachen. Die Journalisten hatten im Mai begonnen, eine Reihe von Reportagen zu schreiben, in denen sie die schmutzigen Geschäfte aufdeckten. Auch packten mehrere Insider aus und erzählten von ihren schockierenden Erfahrungen.

Wolkenkratzer Wie viele derartige Firmen es gibt, kann wegen der mangelnden Überwachung nur geschätzt werden. Experten gehen davon aus, dass mehrere Tausend junger Menschen auf diese Weise ihr Geld verdienen. Die meisten Forex-Büros befinden sich in den schicken Wolkenkratzern von Tel Aviv, Ramat Gan und im Industriegebiet von Herzliya. Die Umsätze werden auf mehrere Milliarden Dollar im Jahr geschätzt.

Entsprechend einem Gesetz aus dem Jahr 2015 ist der Handel innerhalb Israels oder mit Israelis verboten und unterliegt der israelischen Aufsichtsbehörde ISA. Sämtliche Geschäfte mit Ausländern indes sind bislang nicht reguliert. Allerdings könnten sich die Ermittlungsbehörden bei Betrugsverdacht einschalten. Das geschieht jedoch kaum. Doch im Ausland ist man den Kriminellen auf der Spur. Denn besonders Franzosen wurden geschädigt. Die beauftragten Anwälte suchen jetzt nach dem Geld ihrer Mandanten – und ihr Weg führt nach Israel.

Auch äußern sich immer mehr israelische Politiker nach den Berichten in der »Times of Israel« und fordern Konsequenzen. So fand Natan Sharansky, Vorsitzender der Jewish Agency, die für die Einwanderung nach Israel zuständig ist, jetzt deutliche Worte: »Die Branche der binären Optionen ist widerwärtig, unmoralisch und schadet unserem Land massiv.«

Er fordert die Regulierungsbehörden auf, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um diese Firmen zu schließen. Außerdem riet Sharansky allen Olim Chadaschim, sich von derartigen Jobs fernzuhalten, »bei denen unmoralische Methoden eingesetzt werden, um unschuldige Opfer zu finden«. Auch der ehemalige Botschafter in den USA und neue Vize-Minister für öffentliche Diplomatie, Michael Oren, kritisiert die Branche scharf. Er fordert eine Untersuchung des Gewerbes der binären Optionen, das er als »sehr, sehr verstörend und grauenvoll« bezeichnet.

Gewissen »Das Gewissen musste man draußen lassen«, sagt Jean (Name geändert), der vor zwei Jahren aus Frankreich nach Israel eingewandert ist, der Jüdischen Allgemeinen. »Man sagte uns: ›Es geht hier um gutes Geld, damit könnt ihr euch ein tolles Leben in Israel machen, und das wollen wir ja alle.‹ Wir arbeiteten wegen der Zeitverschiebung hauptsächlich nachts. In unserem Callcenter saßen ungefähr 30 Leute, alle waren jung und entweder Neueinwanderer oder arabische Israelis. Es war uns verboten, im Büro Hebräisch zu sprechen, Englisch war die Umgangssprache. Außerdem mussten wir uns am Telefon als Finanzexperten vorstellen – was wohl kaum jemand von uns war.«

Auf den ersten Blick sei die Atmosphäre in der Firma großartig gewesen. »Wie eine permanente Party. Es standen die feinsten Speisen auf den Tischen, es gab Unmengen von Energiedrinks, und wenn jemand einen großen Deal machte, floss sofort der Champagner. Alles kostenlos, versteht sich. Heute weiß ich, dass das alles auf Kosten unschuldiger Leute ging.«

»Ich habe es einen Monat lang durchgehalten«, erzählt Jean dann, während er den Blick senkt. »Als ich in einer Nacht eine ältere Dame um den Großteil ihres Ersparten gebracht habe, sagte ich am Morgen danach zu meiner Frau: ›Ich mache das noch eine Woche, dann hänge ich mich auf.‹ Sie hat mir sofort verboten, jemals wieder einen Fuß in diesen Laden zu setzen. Und das, obwohl wir gerade unser erstes Baby erwarten. Ganz krumme Dinge laufen da ab. Es ist alles geplanter Betrug von Kriminellen. Die Leidtragenden sind natürlich die Betrogenen, aber auch die jungen Leute, die angelockt werden.«

Jean arbeitet jetzt als Kellner in einem Restaurant und zweimal die Woche als Nachtwächter in einem Hotel. »Ich verdiene mit beiden Jobs weniger als beim Forex-Handel, und wir müssen jeden Schekel umdrehen. Das Leben in Israel ist nicht leicht. Aber das stört mich nicht sehr. Denn ich kann nachts wieder schlafen – und morgens in den Spiegel schauen.«

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