Meinung

Schaut auf den Norden!

Carsten Ovens, CEO des European Leadership Network (ELNET) in Berlin Foto: Tobias Koch

Es ist Montag. Ein warmer Herbsttag. Die Sonne strahlt am blauen Himmel. Unser Bus schlängelt sich durch friedlich stimmende Wälder. Wir erreichen den Rand einer Kleinstadt. Üppige grüne Gärten, Katzen pirschen durch die Nachbarschaft. Idylle pur.

Doch der Schein trügt. Kirjat Schmona, unweit der Grenze zum Libanon, ist eine Geisterstadt. Von den eigentlich über 22.000 Menschen leben hier derzeit nur noch rund 2000. Zehn Prozent, die das Nötigste am Laufen halten. Sie kümmern sich um die Infrastruktur, bewachen private Häuser und öffentliche Einrichtungen.

Seit etwa einem Jahr läuft es so – ein Ende ist nicht in Sicht. Die Bewohner sind über das ganze Land verstreut. Wann die Menschen nach Kirjat Schmona zurückkehren, ist ungewiss.

Smarte Initiative

Die Stadtverwaltung hat mehrere digitale Communities eingerichtet, um den Kontakt zu den eigenen Bürgern zu halten, berichtet uns Bürgermeister Avichai Stern. Eine smarte Initiative. Zerrissene soziale Strukturen, verstreute Familien und private wie berufliche Freundeskreise ersetzt man so allerdings nicht. Weggefallene Arbeitsplätze auch nicht.

Die Angriffe auf die Region hören nicht auf. Am Tag vor unserem Besuch gab es Raketenalarm über der Stadt. Eine Stunde nach unserer Abfahrt erneut. Genauso wie am Tag darauf und am Tag danach. Über 750 Raketen und Drohnen wurden in den vergangenen elf Monaten auf Kirjat Schmona gerichtet und abgefeuert.

Vor Ort berichtet uns die Stadtverwaltung zudem von den lange bekannten Invasionsplänen der Terrororganisation Hisbollah für den Norden Israels. Mit Grauen denken wir gemeinsam an den 7. Oktober, als Tausende von Hamas-Terroristen in den Süden des Landes einfielen, alles zerstörten und massenhaft brutal mordeten.

Längst abgebrannt

Eine kurze Fahrt durch die Stadt. Zur Sicherheit werden Schutzwesten und Helme getragen. Wir halten an einem Kindergarten. Auf dem Spielplatz der Einrichtung ist eine Rakete eingeschlagen. Sie wurde nicht vom Abwehrsystem »Iron Dome« abgefangen. Wir sehen weitere Gebäude und Plätze. Manche Wälder rund um die Stadt sind längst abgebrannt. Verursacht durch Raketenbeschuss.

So wie in Kirjat Schmona sieht es an vielen Orten im Norden Israels aus. Eine Pufferzone im eigenen Land, mehrere Kilometer breit, die unbewohnbar ist. Mehr als 100.000 Personen sind evakuiert – teils angeordnet, teils freiwillig.

Es ist verständlich, dass die Menschen hier so nicht leben können, nicht leben wollen. Es wird auch deutlich, dass es bei den Angriffen der Hisbollah gegen israelische Dörfer und Städte nicht um einen Krieg zwischen zwei Staaten geht, die um Macht, Gebiete oder Geld kämpfen.

Keine Kompromisse

Es ist ein ideologischer, ein religiöser Krieg. Es ist ein Krieg gegen das jüdische Leben. Die Hisbollah will keine Kompromisse. Sie will Juden töten. Weil sie Juden sind.

Wie reagiert Deutschland? Wir haben doch sonst auf alles eine Antwort. Wie leben wir unsere viel zitierte Staatsräson aus? Berichten die deutschen Medien regelmäßig über die Lage im Norden? Sehen wir Interviews mit Betroffenen, die seit einem Jahr evakuiert in Hotelzimmern und Wohnungen fernab der Heimat leben? Und was macht die Bundesregierung? Liefern wir Israel alles, was die einzige Demokratie im Nahen Osten braucht, um sich gegen diesen menschenverachtenden Terrorismus zu schützen?

Wir diskutieren diese Fragen auch mit den Bundestagsabgeordneten von CDU, FDP und Grünen, die im Rahmen der ELNET-Delegation diese jüngst in Israel waren. Wir fühlen gemeinsam mit den Menschen hier. Es muss sich etwas ändern. Jetzt!

Der Autor ist CEO des European Leadership Network (ELNET) in Berlin.

Gazastreifen

Trump lädt Netanjahu und Putin in »Friedensrat« ein

Das Gremium soll den Wiederaufbau und die Verwaltung überwachen. Auch der israelische Premier soll dabei sein

von Sabine Brandes  19.01.2026

Hamas-Massaker

»Keine Ausreden mehr«

Vor und in der Knesset gibt es Proteste, als die Anhörungen zur politischen Untersuchung zu den Versäumnissen vor dem 7. Oktober beginnen

von Sabine Brandes  19.01.2026

Verhandlungen

Eltern der letzten Geisel fordern Ultimatum an Hamas

Die Angehörigen fürchten, dass Ran Gvili, der getötete israelische Polizist, in Phase zwei »in Gaza zurückgelassen« wird

von Sabine Brandes  18.01.2026

Trauer

»Verzeih, dass ich dich in eine grausame Welt brachte«

Kfir Bibas, das rothaarige Baby, das von palästinensischen Terroristen entführt und in Gaza ermordet wurde, wäre am Sonntag drei Jahre alt geworden

von Sabine Brandes  18.01.2026

Geiseln

»Die Liebe hat gesiegt«

Die Israelis wählen »Habaita« zum Wort des Jahres. Es enthält ein Versprechen: zurück »nach Hause«. Dort geht für die Entführten das Leben weiter. Zwei Paare, die der Terror trennte, haben sich nun verlobt

von Sabine Brandes  18.01.2026

Nahost

Israel verärgert wegen personeller Besetzung von Gaza-Gremium

Ranghoher US-Beamter reagiert auf Kritik Netanjahus: »Das ist unsere Show, nicht seine Show.«

 18.01.2026 Aktualisiert

Jerusalem

Rachel Goldberg-Polin veröffentlicht Memoiren

Die Mutter der getöteten Hamas-Geisel Hersh Goldberg-Polin: »Ich setzte mich hin, um meinen Schmerz aufzuschreiben, und heraus strömten Verlust, Leid, Liebe, Trauer, Hingabe, Kummer, Verehrung und Zerrissenheit«

 16.01.2026

Waffenstillstands- und Geiselbefreiungsabkommen

Netanjahu bezeichnet Phase 2 als »symbolisch«

Die USA starten den nächsten Schritt in Gaza, obwohl die Hamas die Waffen nicht niedergelegt und die letzte Geisel noch nicht überführt hat

von Sabine Brandes  15.01.2026

Iran

Israelische Experten rechnen mit Fortsetzung der Proteste

Das Mullah-Regime kann die Demonstrationen mit brutaler Gewalt bekämpfen, sei aber außerstande, die tiefergehenden Ursachen der Proteste zu beheben

 15.01.2026