Berlin

Ron Prosor kritisiert deutsche Israel-Politik

Ron Prosor, Botschafter des Staates Israel in der Bundesrepublik Deutschland Foto: picture alliance / Metodi Popow

Der Botschafter Israels in Deutschland, Ron Prosor, hat die Nahostpolitik der Bundesregierung in Bezug auf Israel kritisiert. »Deutschland betont zwar stets Israels Recht zur Selbstverteidigung, scheut sich aber davor, mehr zu tun, wenn es konkret wird«, sagte er in einem Interview im »Hamburger Abendblatt«.

Kurz nach dem Massaker des palästinensischen Terrors in Israel vor einem Jahr habe die UN-Vollversammlung eine Resolution verabschiedet, die den Hamas-Terror nicht klar verurteilt und Israels Selbstverteidigungsrecht nicht einmal erwähnt habe. »Deutschland konnte sich nicht zu einem Nein durchringen, sondern hat sich enthalten«, so Prosor.

»Jetzt gab es eine weitere katastrophale UN-Resolution, die sich einseitig gegen Israel richtet - und wieder hat sich die Bundesregierung enthalten«, monierte der Botschafter. »An Deutschland habe ich andere Erwartungen. Israel braucht nicht den erhobenen Zeigefinger, sondern
echte Unterstützung - gerade dann, wenn Israel bei den UN dämonisiert und delegitimiert wird.« Die Bekenntnisse zu Israels Sicherheit dürften keine leeren Worte bleiben, betonte er.

Hamas und Hisbollah

Auch äußerte sich Prosor zu Israels Kampf gegen den von der Hamas und der Hisbollah verbreiteten Terror. Zu Gaza erklärte er: »Ich denke, wir haben 85 Prozent der terroristischen Streitkräfte beseitigt. Aber noch immer sind 101 Geiseln in den Händen der Hamas. Wir wollen sie nach Hause bringen, auch das ist Ziel des Krieges.« Wenn die Geiseln freigelassen würden, können wir morgen einen Waffenstillstand haben, sagte der Diplomat dem »Abendblatt«.

Der israelische Botschafter forderte Deutschland auf, sich an der Deradikalisierung der palästinensischen in Gaza Bevölkerung beteiligen und dabei »auf eigene Erfahrungen bei der Entnazifizierung nach
1945 zurückgreifen«. Einen Neuanfang könne es nur ohne die Hamas und ihre Ideologie geben.

Den Libanon halte die Hisbollah im Würgegriff, sagte Prosor. »Und niemand unternimmt etwas.« Daher werde Israel dafür sorgen, dass sich die Hisbollah über den Litani-Fluss zurückziehe, wie dies in UNO-Resolution 1701 festgeschrieben worden sei. »Die USA, Großbritannien,
Frankreich und Deutschland könnten mehr tun, um die Resolution umzusetzen«, erklärte der Botschafter in dem Gespräch des »Hamburger Abendblatts«.

Lesen Sie auch

Legitimes Ziel

Gefragt nach der Explosion Tausender Pager im Libanon stellte Prosor klar, er könne dazu nichts sagen. Grundsätzlich sei jedoch jeder, der Israel vernichten wolle, ein legitimes Ziel.

In einem anderen Interview, mit den Zeitungen der Funke-Mediengruppe, sprach der Botschafter auch über die Situation in Deutschland, wo sich der Judenhass seit einem Jahr in erschreckendem Maß verbreitet. »Wir erleben - verstärkt seit dem 7. Oktober - rechten, linken und muslimischen Antisemitismus«, sagte er.

»Es ist unfassbar, dass Juden in Deutschland wieder Angst haben müssen - nicht nur auf der Straße, wenn Islamisten die Errichtung eines Kalifats fordern, sondern auch an Universitäten und im Kulturbetrieb«, kritisierte Prosor. So sei der Berliner Kultursenator Joe Chialo (CDU) angegriffen worden, weil er sich nicht gegen Israel positioniert habe.

»Klare Kante«

»Es ist die Verantwortung der deutschen Regierung, gegen diese Entwicklung vorzugehen - auch mit schärferen Gesetzen. Deutschland darf keine Hemmungen haben, klare Kante zu zeigen«, sagte der Diplomat.

Die Ergebnisse der AfD bei den jüngsten Landtagswahlen in Ostdeutschland bezeichnete Prosor als »Weckruf für Deutschland«. Es liege ihm fern, den Deutschen in diesem Punkt Ratschläge zu geben, betonte er: »Die Politik muss Antworten auf die Probleme ihrer Bürger finden - das gilt sowohl für Deutschland als auch für Israel. Aus israelischer Sicht gilt: Wir sprechen nicht mit der AfD.« im (mit epd)

Gadi Eisenkot spricht an einem Rednerpult vor einer israelischen Flagge

Israel

Eisenkot will Israel aus der Krise führen

Nach dem Auftrag zur Regierungsbildung ruft der frühere Generalstabschef zu einer Notstandsregierung auf und streckt allen Parteien die Hand aus

 08.11.2026

Kuscheltiere und Puppen auf dem Rabin-Platz, eine Puppe ist mit einem Seil gefesselt

Ariel

Kinderkrippe des Grauens

Drei Betreuerinnen wird systematische Gewalt an Babys und Kleinkindern vorgeworfen. Die Polizei spricht von einem der schwerwiegendsten Missbrauchsfälle der vergangenen Jahre

von Sabine Brandes  08.11.2026

Krieg gegen den Iran

Die Mullahs schossen Raketen – Bat Yam schickt die Rechnung

Die israelische Stadt will Schadensersatz in Millionenhöhe von Teheran. Für die Zustellung der Klage musste der Bürgermeister einen iranischen Vertreter durch die Straßen von Manhattan verfolgen

von Sabine Brandes  08.11.2026

Israels Präsident Izchak Herzog

Nach der Parlamentswahl

Israels Präsident beauftragt Eisenkot mit Regierungsbildung

Dem Oppositionspolitiker Eisenkot fehlen 13 Mandate für eine eigene Regierungsmehrheit. Arabische oder ultraorthodoxe Parteien könnten ihm helfen. Doch beide Optionen bergen großes Konfliktpotenzial

 08.11.2026 Aktualisiert

Befreiung von der Schuld: Wenn Claudia Roth plötzlich wie Björn Höcke klingt

Eine Einordnung von Georg M. Hafner

 07.11.2026

Berlin

Merz fordert Ausreise bei Judenhass unter Muslimen

Bei einem Empfang jüdischer Sportler äußert sich der Kanzler deutlich zum Antisemitismus unter muslimischen Einwanderern

 07.11.2026

Nach den Wahlen

Streit um Regierungsbildung in Israel eskaliert

Israels amtierender Ministerpräsident Netanjahu fordert eine breite Koalition unter Einschluss der Rechtsextremisten. Oppositionspolitiker Eisenkot weist das Angebot umgehend als PR-Manöver zurück

 07.11.2026

Interview

Kann Israel ohne Amerikas Waffen bestehen?

Der Politikwissenschaftler Jonathan Rynhold erklärt, was ein Ende der US-Militärhilfe für Israels Sicherheit bedeuten würde und wie sich das Verhältnis zu Washington in Zukunft entwickeln könnte

von Sabine Brandes  07.11.2026

Jerusalem

Israels Präsident vergibt Auftrag zur Regierungsbildung

In Israel beginnt der Countdown zur Regierungsbildung. Präsident Herzog vergibt den Auftrag wahrscheinlich an den Oppositionspolitiker Eisenkot

 07.11.2026