Wehrpflicht

Rabbis gegen die IDF

Rabbiner Dov Landau weist seine Schüler an, der Einberufung nicht zu folgen. Foto: copyright (c) Flash90 2023

Die israelische Armee spricht Tacheles – doch viele ultraorthodoxe Rabbis wollen davon nichts hören. Religiöse Oberhäupter haben ihren Anhängern aufgetragen, die Post der IDF gänzlich zu ignorieren.

»Nur ein Dummkopf verschickt Einberufungsbescheide«, sagte eine hochrangige rabbinische Autorität am Mittwoch über Verteidigungsminister Yoav Gallant. »Jeder weiß, dass selbst ein einziger Tag beim Militär Zerstörung bedeutet. Wir führen Gottes Krieg«, so Rabbi Meir Zvi Bergman, Mitglied des Rates der Weisen der Partei Vereinigtes Tora-Judentum – die übrigens mit Gallant gemeinsam in einer Koalition in Jerusalem sitzt.

Zuvor hatte Gallant klargemacht, er würde keine Gesetzgebung unterstützen, die die Ultraorthodoxen pauschal vom Militärdienst befreit, wenn sie nicht breite Unterstützung in der Knesset hätte. Und dass es die in Zeiten des Krieges geben wird, ist so gut wie ausgeschlossen. Doch von Einheit will der Großteil der charedischen Rabbiner nichts wissen, wenn es um die Armee für die jungen Männer ihrer Gemeinschaft geht.

Schützlinge sollen nicht zum Armee-Vorverfahren erscheinen

Ein anderer, Rabbiner Dov Landau, der die berühmte Slabodka-Jeschiwa in Bnei Brak leitet, wies seine Schützlinge im wehrpflichtigen Alter ohne Umschweife an, sich nicht zum Vorverfahren in den entsprechenden Armeestellen zu melden. Dieses Verfahren muss jeder israelische Jugendliche durchlaufen, bevor er oder sie mit 18 Jahren zum eigentlichen Dienst eingezogen wird.

Als Begründung schrieb Landau in einem offenen Brief, der auf der Titelseite der Donnerstagsausgabe der ultraorthodoxen Zeitung Yated Ne’eman veröffentlicht wurde, dass »die Gerichte der Tora-Welt den Krieg erklärt haben«. Er fügte hinzu: »Jahrelang gab es hier eine Übereinkunft mit den Militärbehörden, dass Jeschiwa- und Kollel-Studenten nicht eingezogen werden würden.«

Dass sich die Zeiten geändert haben, vor allem seit dem 7. Oktober, wollen die meisten der Charedim jedoch nicht akzeptieren. So drohte der scheidende sefardische Oberrabbiner Yitzhak Yosef bereits vor der gerichtlichen Entscheidung, dass seine Anhänger Israel verlassen würden, wenn sie eine Einberufung bekämen. Wohin, ließ Yosef allerdings offen.

»Jeder weiß, dass selbst ein einziger Tag beim Militär Zerstörung bedeutet. Wir führen Gottes Krieg.«

Rabbi Zvi bergman

Die Richter hatten geurteilt, dass die IDF junge charedische Männer einberufen müsse und dass die Regierung überhaupt keine Befugnis habe, Befreiungen zu erteilen. Infolgedessen dürften für Verweigerer keine Jeschiwa-Stipendien mehr gezahlt werde. Ein harter Schlag für die Gemeinde.  

Doch die IDF braucht dringend Personal. Der Generalstab beschrieb die große Notwendigkeit, angesichts der Verluste seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober zusätzliche Brigaden aus Wehrpflichtigen zu bilden. Dazu gehören 681 Todesopfer und über 4.100 ins Krankenhaus eingelieferte Verwundete, wobei einige tausend weitere Soldaten an posttraumatischen Reaktionen wegen des Krieges leiden.

Und doch wird die Einberufung von ultraorthodoxen Männern voraussichtlich nur langsam voranschreiten. Seit die Richter ihr Urteil verkündeten, gibt es immer wieder Schätzungen über den Umfang der Einberufungsbescheide.

Doch jetzt berichteten israelische Medien, dass das Ziel in Gesprächen zwischen dem Verteidigungsminister, dem Stabschef und hochrangigen Mitgliedern der Personaldirektion festgelegt worden sei. Und es ist sehr bescheiden: Die IDF will zwischen diesem und dem nächsten Juli weitere 3000 charedische Soldaten einziehen, zusätzlich zu den 1800, die bereits vor dem Urteil eingeplant waren.

Derzeit sind etwa 66.000 charedische Männer im Wehrpflichtalter. Es dienen jährlich etwa 700 Soldaten aus strengreligiösen Gemeinden.

Lapid wirft Koalition »Heuchelei« vor

Premierminister Benjamin Netanjahu ist in seiner Koalition auf die Charedi-Partner angewiesen, die darin mit der sefardischen Schas-Partei und dem aschkenasischen Vereinten Tora-Judentum vertreten sind. In den Koalitionsvereinbarungen hatte sich der Premier verpflichtet, ein neues umfassendes Gesetz zu verabschieden, das die Befreiung strengreligiöser junger Männer festschreibt. Das alte war im März ausgelaufen.

Doch wie es aussieht, würde ein derartiger Gesetzesentwurf derzeit keine Mehrheit in der Knesset bekommen. Denn selbst Mitglieder der Regierungskoalition haben geäußert, es »schändlich« zu finden, dass die Charedim sich pauschal weigern, einen Teil der Last zu tragen.

Der eklatante Truppenmangel würde eine Ausweitung der Wehrpflicht und eine Verlängerung der Dienstzeit in der Reserve erforderlich machen. Das hieße noch mehr Last auf die, die bereits dienen. Doch dagegen sprach sich Verteidigungsminister Gallant, ein Mitglied von Netanjahus Likud, vehement aus.

Oppositionsführer Yair Lapid kritisierte den Aufruf von Rabbiner Landau noch am Donnerstag scharf. Der Koalition warf er zudem »Heuchelei« vor. Vor dem Ausbruch des Krieges hatten Minister aus verschiedenen Regierungsparteien Demonstranten gegen die sogenannte »Justizreform« vorgeworfen, sie würden die Sicherheit des Landes riskieren, als sie dazu aufforderten, nicht zum Reservedienst in der IDF zu erscheinen und sie als »Verräter« beschimpft.

Nahost

Hinrichtungen im Iran auf 35-Jahres-Rekordhoch

Im Iran wurden 2025 laut Iran Human Rights mindestens 1.639 Menschen hingerichtet – ein Höchststand seit 35 Jahren. Menschenrechtsorganisationen fordern Konsequenzen

 13.04.2026

Libanon

Israels Armee umstellt Hisbollah-Hochburg

In dem Ort in der Nähe der israelischen Grenze sollen Dutzende Kämpfer der Terror-Miliz eingeschlossen sein

 13.04.2026

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

Fünf Gründe, den jüdischen Staat zu lieben – mit all seinen Stärken und Schwächen

von Daniel Neumann  13.04.2026

Bericht

Antisemitische Gewalt auf Höchststand seit Jahrzehnten

Nach dem Gaza-Krieg werden Übergriffe gegen Juden in aller Welt zur Normalität

von Sabine Brandes  13.04.2026

Terror

Israel: Wir wollen ein echtes Friedensabkommen mit dem Libanon

Israel und der Libanon wollen erstmals seit Jahrzehnten direkte Gespräche auf politischer Ebene führen. Premier Netanjahu fordert als Ziel ein Friedensabkommen, das über Generationen halten soll

 13.04.2026

Nahost

Israel stellt sich auf Wiederaufnahme des Iran-Kriegs ein

Nach ergebnislos beendeten Gesprächen zwischen den USA und dem Iran versetzt Israel sein Militär Berichten zufolge in erhöhte Gefechtsbereitschaft. Geht der Krieg mit dem Iran bald wieder los?

 13.04.2026

Wahlen

Die Herausforderer

Der einstige Premier Naftali Bennett und Ex-Generalstabschef Gadi Eizenkot holen in Umfragen auf

von Sabine Brandes  12.04.2026

Nahost

Friedensgespräche im Raketenhagel

Während die Regierungen von Israel und dem Libanon verhandeln wollen, feuert die schiitische Terrororganisation Hisbollah weiter Geschosse auf den Norden ab

von Sabine Brandes  12.04.2026

Kommentar

Empathie für alle?

Dunja Hayali hat zu mehr Mitgefühl mit Betroffenen von Kriegen aufgerufen. Zurecht. Was in den deutschen Medien jedoch kaum vorkommt: das Leid der Israelis, die unter dem ständigen Beschuss der Hisbollah stehen

von Jenny Havemann  10.04.2026