Nir Baram

»Postkarten aus einer anderen Welt«

»Wir werden wieder in die Welt zurückkehren, die wir kennen. Darauf hoffen wir alle«: der israelische Schriftsteller Nir Baram (43) Foto: Jolijn Snijders, Montage: Marco Limberg

Herr Baram, in Ihrem Buch »Erwachen«, das vor Kurzem auf Deutsch erschienen ist, geht es viel um Reisen – die Helden fliegen nach Mexiko, sie sind in Irland unterwegs. Denken Sie mit Sehnsucht an die Zeiten vor Corona zurück, als Sie überall Geschichten finden konnten?
Die Welt ist jetzt sehr anders. Im Buch und im Leben überhaupt. Ich kann nicht einmal mit meinem Sohn draußen sein, in der Nachbarschaft, im Wadi, so wie ich es in dem Buch ausführlich beschrieben habe. Und auf einmal kommen mir »Erwachen« und auch andere Bücher wie Postkarten aus einer anderen Welt vor. Aber wir werden irgendwann in die Welt zurückkehren, die wir kennen. Darauf hoffen wir alle.

Wie alt ist Ihr Sohn?
Fünf Jahre.

Ein Einzelkind?
Ja, unser einziger Sohn.

Das ist bestimmt eine große Herausforderung, wenn ein Junge in diesem Alter für längere Zeit nicht im Kindergarten war und keine Freunde treffen durfte ...
Das ist mental sehr anstrengend. Denn ich versuche die ganze Zeit, herauszufinden, woran mein Sohn denkt – wie auch in meinem Buch, in dem ich mir Gedanken darüber mache, was andere Menschen denken. Und ich bin die ganze Zeit in Sorge, weil mein Sohn keine anderen Kinder sieht. In den vergangenen sechs Wochen habe ich eine Fantasiewelt für ihn erschaffen, eine eigene Welt, in der die Guten gegen die Bösen kämpfen. Dieses Spiel haben wir schon vor Corona gespielt, aber jetzt erfinde ich dauernd neue Bösewichte, einen bösen Captain Hook und seinen ebenso bösen Vater, gemeine Roboter, und so weiter. Das strengt an, weil ich meinen Sohn dauernd dazu bewege, in diese Fantasiewelt einzutauchen, aber andererseits natürlich nicht möchte, dass das überhandnimmt. Ich glaube, viele Eltern machen sich im Moment große Sorgen, wenn sie ihre Kinder anschauen und einfach nicht wissen, was sie machen sollen. Viele haben mir geschrieben, dass sie jetzt zu Hause fast wahnsinnig werden mit den Kindern. Ich bin nicht wahnsinnig geworden, wir hatten viele schöne Tage.

Aber trotzdem hat Ihr Sohn wochenlang niemanden außer seinen Eltern gesehen.

Und ich habe mich gefragt, ob das sein kann, dass wir seine Welt sind. Neulich haben wir ein Kind aus seinem Kindergarten getroffen, und ich habe gesehen, wie er sich gefreut hat. Das war eine andere Art von Freude, als ich sie ihm machen kann. Auch wenn wir zusammen gegen Roboter kämpfen und alle möglichen Spiele spielen – Spiele, die über zwei Stunden dauern –, ist das trotzdem nicht die Sprache, die er mit seinem Freund spricht. Es gibt eine Kluft zwischen mir und ihm, die ich nicht überbrücken kann. Und als ich die beiden Kinder zusammen sah, hatte ich auf einmal das Gefühl, dass auch ich wieder atmen kann. Man hat den Kindern etwas sehr Wesentliches genommen, und es ist uns gar nicht klar, welche Auswirkungen das auf die Zukunft haben wird. Wir können das jetzt noch nicht beurteilen.

Haben Sie eine Ahnung, wie es jetzt weitergehen wird?
Der Kindergarten öffnet anscheinend in der nächsten Woche wieder – so, wie es jetzt aussieht. Ansonsten hängt alles in der Luft. Bei euch in Deutschland herrscht da bestimmt viel mehr Ordnung. Wir wissen nicht, was passieren wird. Viele verlieren ihre Arbeit, die Menschen machen sich sehr große Sorgen. Auch viele Selbstständige, die kein festes Einkommen haben. So etwas habe ich noch nie erlebt. Ich finde die strengen Ausgangsverbote in Israel auch übertrieben. Wenn man Menschen im Haus einsperrt und ihnen nur erlaubt, sich im Umkreis von 100 Metern zu bewegen, wenn es keine Arbeit und kein Geld gibt, dann kann man das nicht lange aushalten. Das ist ein Dampfkochtopf, der irgendwann explodiert. Und wir haben hier kein soziales Netz wie bei euch, das die Menschen auffängt. Wenn man bei uns wie bei euch Anrecht auf ein Jahr Arbeitslosengeld hätte, wäre das eine ganz andere Sache.

Der Radius, in dem man das Haus verlassen darf, ist inzwischen auf 500 Meter erweitert worden ....
An die 100 Meter haben sich viele Menschen nicht wirklich gehalten. Jetzt darf man wenigstens wieder in den Park. Man muss die Menschen aus ihren Häusern befreien, sonst wird das Unglück viel größer als das, was durch Corona entstehen könnte. Wir haben bald die Phase erreicht, wo manche Leute sogar sagen: Mir egal, ob ich mich mit Corona anstecke, aber lasst mich hier raus!

Haben Sie in diesen Tagen überhaupt Zeit zum Schreiben?
Mir persönlich fällt es schwer. Ich war mitten in der Arbeit an einem neuen Buch, aber in den letzten beiden Wochen habe ich kaum etwas geschrieben. Natürlich möchte ich gerne in die Welt meines Buchs eintauchen und alles vergessen, was mit Corona zu tun hat. Aber andererseits muss ich an das Kind, die Familie und das Einkommen denken. Um zu schreiben, braucht man Seelenruhe. Und ich habe es nicht geschafft, sie zu finden. Die einzige Art zu schreiben ist, sich auf die Welt zu konzentrieren, in der das Buch spielt. Man muss diese Welt sehen. Als ich in »Erwachen« über das Wadi geschrieben habe, hatte ich das Gefühl, dass ich wirklich dort war. Jetzt kann ich mir das nicht erlauben, so viele Stunden weit weg zu sein. Denn es gibt so viele Dinge, über die ich mir Sorgen mache, dass es einfach nicht geht.

Was hören Sie von anderen Autoren, von Schriftstellern und Journalisten? Wie gehen sie mit der Situation um?
Jeder reagiert anders darauf, je nachdem, was für eine Seele er hat. Manche sitzen am Schreibtisch, und das Kind sitzt drei Stunden vor dem Fernseher. Das kann ich nicht, und zwar deshalb, weil ich es nicht will. Jeder Mensch erlaubt sich etwas Freizeit, manchmal mit Gewalt. Für Schriftsteller, die keine Kinder haben, ist es einfacher zu schreiben. Obwohl, ich habe gestern mit Abraham B. Jehoschua gesprochen, wir beide sind gut befreundet. Er sagte mir: »Ich kann nicht schreiben, mein Herz zeigt mir nicht den Weg. Es hat jetzt keine Bedeutung, ich weiß nicht, wie die Welt danach aussehen wird.« Ich selbst habe die ganze Zeit das Gefühl, dass ich dem Lärm in der Welt zuhöre. Ich schaffe es zwar, Texte zu überarbeiten und zu verbessern, aber es fällt mir schwer, neue Texte zu schreiben. Wer sensibel ist für die Welt um ihn herum, für den ist es jetzt schwierig zu schreiben. Aber andererseits verliert man ohne das Schreiben den Halt daran, was einen definiert, was hilft, beruhigt und beim Denken hilft. Das Schreiben gibt mir eine Welt, die ich brauche. Ich schreibe, seit ich jung bin, und wenn ich das nicht hätte, würde ich wirklich verrückt werden.

Haben Sie daran gedacht, jetzt ein Kinderbuch zu schreiben – vielleicht über die Spiele mit Ihrem Sohn? Als Hilfe, als Ratgeber für andere Eltern?
Ich habe darüber nachgedacht, aber ich bin so beschäftigt mit dem Spiel selbst, dass ich es noch nicht geschafft habe, Atem zu schöpfen und darüber nachzudenken, was ich daraus machen will. Es ist auch allzu leicht, anderen Eltern Ratschläge zu geben und ihnen zu sagen: Erfindet doch eine Fantasiewelt für eure Kinder! Was sollen denn Eltern machen, die drei Kinder in verschiedenen Altersstufen haben? Und es gibt ja auch Kinder, die solche Spiele nicht mögen. Ich werde aber trotzdem darüber schreiben, in meinem neuen Roman. Ich habe darin schon viel über die Beziehung zwischen einem Kind und seinem Vater geschrieben, aber in der Zeit von Corona musste ich vorläufig damit aufhören. Denn ein Buch ist auch immer eine Zuspitzung, und es hat mir ein bisschen Angst gemacht, in dieser Zeit darüber zu schreiben – wir beide waren jetzt so viel zusammen. Ich wollte mich lieber darauf konzentrieren, was jetzt passiert.

Worum genau geht es in Ihrem neuen Buch, an dem Sie gerade nicht arbeiten?
Es geht, wie gesagt, um die Beziehung zwischen einem Vater und einem Sohn, um gemeinsame Reisen in geografischer und in fantastischer Sicht.

Wissen Sie schon, wann es erscheinen soll?
Ich hatte eine Deadline bis zum Ende dieses Jahres, aber ich habe sie verschoben. Jetzt denke ich einfach nicht mehr darüber nach, wann das Buch erscheint. Ich konzentriere mich auf anderes, weil sich alles so radikal geändert hat. Für mich, und für viele andere Menschen. Das vorherrschende Gefühl ist die Ungewissheit.

Mit dem israelischen Schriftsteller sprach Ayala Goldmann.

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