»Hebron-Fall«

Netanjahu für Begnadigung

Elor Azaria am Mittwochmorgen im Gericht Foto: Flash 90

Der Fall hatte das Land tief gespalten. Am Mittwoch wurde das Urteil gefällt. Die Richter des Militärgerichts in Tel Aviv befanden Elor Azaria des Totschlags für schuldig.

Der 19-jährige Soldat der israelischen Armee hatte am 24. März 2016 einen palästinensischen Terroristen, der verwundet am Boden lag, mit einem Kopfschuss getötet.

Richterin Maya Heller ging in einer ausführlichen Erklärung auf die von der Anklage sowie der Verteidigung vorgebrachten Argumente ein. Der Terrorist Abdel Fattah al-Sharif hatte in Hebron versucht, einen Soldaten mit einem Messer anzugreifen, und wurde dabei durch Schüsse verletzt.

forensiker Am Boden liegend, seine Waffe außer Reichweite, war Azaria auf ihn zugeschritten und hatte plötzlich gefeuert. Sein Anwalt hatte darauf beharrt, dass al-Sharif gar nicht durch Azarias Schüsse ums Leben gekommen war.

Doch die Richter erklärten: »Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass der Tod des Terroristen eine Folge der Schüsse des Angeklagten war.« Dies hatten Forensiker zuvor bestätigt. Die drei Richter, zwei Rechtsexperten und ein Kommandant, hatten Azaria einstimmig schuldig gesprochen.

Auch die These, dass sich der Soldat bedroht fühlte und deshalb abdrückte, wiesen die Richter zurück. Vor allem die Aussage von Azarias Vorgesetztem, der Angeklagte habe unmittelbar nach der Tat gesagt, »der Terrorist verdient es zu sterben«, sahen sie als gegenteiligen Beweis an. Zudem sei die Version von Azaria, die er während der Verhandlung mehrfach geändert habe, »unzuverlässig und problematisch«.

Die Richterin fasste zusammen: »Es gibt keine Begründung für Selbstverteidigung. Die Schüsse von Azaria waren ungerechtfertigt. Die Tatsache, dass der Mann, der ausgestreckt am Boden lag, ein Terrorist war, der zuvor versucht hatte, Soldaten zu töten, begründet nicht die unverhältnismäßige Handlung.«

Debatte Der sogenannte Hebron-Fall erhitzte nicht nur monatelang die Gemüter der Leute, sondern ist einer der umstrittensten in der Armeegeschichte des Landes überhaupt. Politik und Militärführung hatten ebenfalls hitzig mitdebattiert. So unterstützten viele Politiker von Rechtsparteien, darunter der Bildungsminister Naftali Bennett (Jüdisches Haus), den Soldaten, der »unser aller Sohn« sei, und forderten seinen Freispruch. Dessen Familie hatte zuvor erklärt, dass Vertrauen in die Armee essenziell sei. »Wir schicken unser Wertvollstes – unsere Kinder – in dem Glauben daran in die Armee, dass sie in guten Händen sind. Mit würdigen Vorgesetzten.«

Andere wiederum, darunter der ehemalige Verteidigungsminister Mosche Yaalon und Stabschef Gadi Eizenkot, erklärten, Azarias Entscheidung zu schießen sei »unethisch« gewesen. Eizenkot sagte einen Tag vor der Urteilsverkündigung, man dürfe Soldaten nicht als Kinder betrachten. »Ein 18-jähriger Mann, der in der Armee dient, ist nicht ›jedermanns Kind‹. Er ist ein Kämpfer, ein Soldat, der sein Leben dafür einsetzt, die Dienste zu leisten, die wir ihm zuteilen. Darüber darf es keine Verwirrung geben.«

reaktionen Verteidigungsminister Avigdor Lieberman, der sich zuvor unterstützend in Sachen Azaria ausgesprochen hatte, sagte nach der Urteilsverkündung: »Mir gefällt das Urteil nicht. Aber wir müssen es akzeptieren.«

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sprach sich für eine Begnadigung des Soldaten aus und postete am Mittwochabend auf seiner Facebook-Seite: »Es ist ein schwieriger und schmerzlicher Tag für uns alle – vor allem für Elor und seine Familie, unsere Soldaten und Zivilisten, mich eingeschlossen.«

Hunderte Demonstranten protestierten gegen die Entscheidung des Militärgerichts. Gegen einen Mann und eine Frau, die der Richterin bei Facebook mit Gewalt gedroht hatten, wurde nach deren vorrübergehender Festnahme ein Hausarrest verhängt. Der 44-Jährige dürfe, das sei Bedingung, zwei Wochen lang weder ein Telefon noch einen Computer nutzen und sich der Richterin Maya Heller nicht nähern. Die 22-jährige Frau aus Kiryat Gat, so berichtet die »Times of Israel«, dürfe 30 Tage nichts auf Facebook posten.

Washington D.C.

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