Nahost

Natürliches Bündnis?

Ende Januar: Demonstranten schwingen kurdische Flaggen in Qamishli im Nordosten Syriens. Foto: picture alliance / Sipa USA

Was über Jahre als vorsichtiger, oft übersehener Autonomieprozess galt, ist in Syrien innerhalb weniger Tage im Januar zusammengebrochen. Die Lage der Kurden im Nahen Osten hat sich grundlegend verschlechtert. In dieser Situation mehren sich Stimmen aus kurdischen Kreisen, die offen über eine Annäherung an Israel sprechen.

Ofra Bengio, Leiterin des Programms für Kurdische Studien am Moshe Dayan Center der Universität Tel Aviv, warnt davor, die Signale als strategischen Durchbruch zu missverstehen. Sie deutet diese vielmehr als Reaktion auf den Verlust politischer Optionen und zunehmende Unsicherheit.

Besonders einschneidend war die Entwicklung in Syrien. Mit der Vereinbarung vom 6. Januar endete faktisch die kurdische Selbstverwaltung in der Region Rojava im Nordosten des Landes. Die Einigung, die unter massivem militärischen Druck zustande kam, ermöglichte der syrischen Armee die Rückkehr in Gebiete, die jahrelang in kurdischen Händen gewesen waren.

»Sie haben in diesen Tagen fast alles verloren. Die gesamte autonome Struktur, die sie aufgebaut hatten, brach zusammen«, erläutert Bengio. Über Jahre hinweg hätten die Kurden von einem Machtvakuum profitiert, »denn Assad kontrollierte diese Gegend nicht«. Doch das sei nach seiner Flucht und der Machtübernahme durch islamistische Kräfte unter Ahmed al-Scharaa vorbei. »Jetzt sind sie von der syrischen Armee umgeben und derzeit nicht in der Lage, etwas zurückzubekommen«, so der pessimistische Ausblick.

Zwar sei die Schnelligkeit »überraschend« gewesen, der Zusammenbruch der Autonomie rückblickend aber »vielleicht vorhersehbar«, meint die Expertin. Über Jahre hätten die Kurden auf militärische Stärke gesetzt, ohne ihre Verwundbarkeit ausreichend zu erkennen. »Die Kurden mögen sehr gute Kämpfer sein. Gute Diplomaten sind sie eher nicht.« Diese Schwäche habe sich nun bitter gerächt. Internationale Partner, allen voran die USA, hätten sich schrittweise zurückgezogen, während regionale Mächte ihre Interessen durchsetzen.

Kurden leben unter sehr unterschiedlichen Bedingungen

Die Krise in Syrien ist Teil eines größeren strukturellen Problems. »Der größte Fehler vieler Beobachter ist es, von ›den Kurden‹ zu sprechen«, betont Bengio. Tatsächlich leben rund 30 Millionen Kurden verteilt auf Syrien, die Türkei, den Iran und den Irak – unter völlig unterschiedlichen politischen Bedingungen.

Im Iran etwa sei die Lage recht aussichtslos. Dort leben die Kurden unter einem repressiven Regime, politische Mobilisierung werde konsequent unterdrückt. Auch die Lage in der Türkei ist äußerst kompliziert. Hier gibt es mit Abstand die meisten Kurden, zugleich ist der politische Handlungsspielraum am geringsten. Jede Form kurdischer Selbstorganisation wird von Ankara primär durch die Sicherheitslinse betrachtet und eng mit der Terrororganisation PKK (Arbeiterpartei Kurdistans) verknüpft. Diese Logik prägt nicht nur die Innenpolitik, sondern auch die Außenbeziehungen der Türkei.

Für Israel bedeutet das eine zusätzliche Einschränkung. Eine offenere Annäherung an kurdische Akteure würde die ohnehin belasteten Beziehungen zu Ankara weiter verschärfen. Die Kurden in der Türkei seien sich bewusst, dass jede wahrgenommene Nähe zu Israel ihre ohnehin prekäre Lage weiter verschlechtern könne, sagt Expertin Bengio. Einzig für die Kurden im Irak gebe es Hoffnung, denn dort existiere zumindest eine formale Autonomie, auch wenn diese durch innere Machtkämpfe, wirtschaftliche Abhängigkeiten und den Einfluss Irans fragil sei. »Aber selbst dieses Modell ist weniger ein Vorbild als vielmehr ein Überlebensmodus.«

Zwischen Juden und Kurden herrscht ein Gefühl der Solidarität.

Vor diesem Hintergrund erklärt sich die jüngste kurdische Rhetorik gegenüber Israel. Bengio widerspricht jedoch der Vorstellung einer »gegebenen Allianz«. Zwar sei sie überzeugt, dass Außenminister Gideon Sa’ar seine Aussage von Ende 2024, die Kurden seien Israels »natürliche Verbündete«, ehrlich so empfinde, in der politischen Realität hält sie diese Einschätzung jedoch für »weit hergeholt«.

»Zum einen grenzen die Kurdengebiete nicht an Israel, zum anderen brauchen sie vor allem die Akzeptanz der Staaten, in denen sie leben. Das ist ihre existenzielle Priorität«, so Bengio. Eine Beziehung zu Israel könne ergänzend sein, aber nicht zentral. In ihren Analysen warnt die Kurdologin generell davor, solche Annäherungen vorschnell als geopolitischen Durchbruch zu lesen. In Phasen regionaler Instabilität, erklärt sie, suchten staatenlose Völker häufig nach externen Schutzankern. Ein wiederkehrendes Muster, das mehr über Unsicherheit als über neue Machtoptionen aussagt.

Expertin: »Israel braucht keine weitere Front«

Auch aus israelischer Perspektive sei Zurückhaltung geboten, warnt sie. Die Lage der Drusen in Syrien stelle bereits eine komplexe Herausforderung dar, und die Situation der Kurden sei noch schwieriger. »Israel braucht keine weitere Front.«

Oft werden im Zusammenhang mit den Kurden auch die Jesiden genannt, insbesondere nach dem Völkermord durch die Terrororganisation Islamischer Staat. »Doch die Jesiden sind eine sehr kleine Minderheit, sie bestimmen das politische Gesamtbild nicht.« Ihre Tragödie habe große symbolische Bedeutung, sei jedoch kein politischer Hebel für eine kurdische Gesamtstrategie.

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Trotz aller politischen Einschränkungen hebt Bengio das »tiefe Gefühl der Solidarität« zwischen Juden und Kurden hervor. Das sei real und historisch gewachsen. Vor zwei Wochen sprach sie auf einer Konferenz über die Notwendigkeit einer stärkeren Kooperation zwischen kurdischer und jüdischer Diaspora. Es gehe um Austausch und gegenseitiges Verständnis.

Israel und die Kurden – ein Spannungsfeld zwischen Hoffnung und Realität, wie Bengio es beschreibt. »Die Erwartungen sind groß, die politische Realität aber ist extrem kompliziert.«

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