NSA-Affäre

Lauschangriff, na und?

Freunde trinken zusammen Kaffee, aber hören einander nicht ab. Oder doch? Foto: Thinkstock / (M) Frank Albinus

Zwei Israelis treffen sich an der Bushaltestelle. Sie tauschen die Vornamen aus, und nach wenigen Minuten fragen sie einander, wie viel sie verdienen. In Deutschland wäre eine so rasche »Intimität« undenkbar. Und im Bus steuert jeder ungefragt eigene Kommentare zum mitgehörten Gespräch von Fremden bei. Niemand käme auf die Idee, das als Einmischung in die »Privatsphäre« zu empfinden.

Das Bewusstsein in Israel, abgehört zu werden, ist so verbreitet, dass die Aufregung in Deutschland über das Abhören des Handys von Kanzlerin Angela Merkel mit einem Schuss Amüsement und Verwunderung über deutsche Naivität aufgenommen wird. Energieminister Silvan Schalom erzählte im Radio, über US-Spionage auch in Israel nicht überrascht zu sein. Frisch zum Minister ernannt, erhielt er den Ratschlag, nichts Geheimes am Telefon zu besprechen. »Ich weiß ziemlich genau, dass die Amerikaner ihre Alliierten belauschen, inklusive Israel«, sagte der frühere Mossad-Chef Dani Yatom einer Zeitung.

In der Tat war am Sonntag durch einen Bericht der New York Times, der sich auf Dokumente des Ex-Geheimdienstmitarbeiters Edward Snowden stützt, bekannt geworden, dass die amerikanische National Security Agency (NSA), die Merkels Handy angezapft hatte, sich auch für militärische Projekte in Israel interessierte – darunter das Black-Sparrow-Raketensystem sowie Drohnen. Der Bericht erwähnte aber auch, dass amerikanische und israelische Geheimdienste Informationen untereinander austauschen. So soll etwa die NSA bei Lauschangriffen aufgezeichnetes Rohmaterial zur Auswertung an die israelische Urim-SIGINT-Abhörstation in der Negevwüste weitergegeben haben.

Konfrontation In Israel selbst sind drei mächtige Organisationen mit dem Überwachen von Kommunikationsmitteln beschäftigt: der Auslandsgeheimdienst Mossad, die militärische Aufklärung Aman und der Inlandsgeheimdienst Schabak (Schin Bet). Hinzu kommt die Polizei bei der Verbrechensbekämpfung. Gelegentliche Aufkleber auf Briefumschlägen weisen darauf hin, dass die Post den Inhalt geprüft hat. Jeder weiß auch, dass Passagierlisten von Flugzeugen dem Geheimdienst, welchem auch immer, übergeben werden. So können verdächtige Personen herausgefiltert werden.

Brigadegeneral a.D. Efraim Lapid war ein hoher Spionageoffizier und hatte in jener Einheit gedient, die am 8. Juni 1967 das berühmte Telefongespräch zwischen dem ägyptischen Präsidenten Gamal Abdul Nasser und dem jordanischen König Hussein abgehört hatte. Das war am zweiten Tag des Sechstagekrieges. Nasser überredete Hussein zu der öffentlichen Verkündung, dass amerikanische und britische Kampfflugzeuge an der Seite Israels kämpften.

Durch die Veröffentlichung der ägyptisch-jordanischen Absprache verhinderte Israel eine atomare Konfrontation zwischen den USA und der UdSSR. Tatsache ist, dass die strategische Allianz Israels mit den USA erst 1970 zustande kam. An jenem 8. Juni 1967 hatte Israel sogar das amerikanische Spionageschiff USS-Liberty angegriffen und 34 Amerikaner getötet.

Neid Im Telefoninterview sagt Lapid, dass in Israel das Abhören gesetzlich klar geregelt sei. Jeder Soldat in den Spionageeinheiten müsse sich verpflichten, nur Telefonate von Verdächtigen abzuhören und nicht etwa Leitungen von Freunden oder Politikern anzuzapfen. Gezielt abgehört würden Telefone von Terroristen und deren Drahtziehern, so Lapid. »Unser systematisches Abhören hat auch eine abschreckende Wirkung«, ergänzt der Brigadegeneral.

Bekannt ist, dass im Gazastreifen palästinensische Terroristen oft auf die Verwendung von Handys verzichten. Sie wissen, dass Israel mithört und ihre Telefone dazu dienen, die Terroristen zu orten und gezielt zu töten. »Entscheidend ist, warum wir abhören. Wir wollen Terror verhindern. Ebenso geht es um Kriegsverhinderung. In diese Kategorie gehörte das Mitschneiden des Gesprächs zwischen dem ägyptischen Präsidenten und dem jordanischen König«, so Lapid.

Mark Heller vom Tel Aviver Institut für nationale Sicherheit sagte im US-Sender Fox News: »Es ist wohl eine allgemeingültige Annahme, dass jeder versucht, jeden auszuspionieren.« Allein wegen der Fähigkeiten der USA müsse man davon ausgehen, dass die USA auch in Israel alles abhören. Und da mutmaßlich auch europäische Geheimdienste lauschen, kommt Heller zu dem Schluss, dass die Empörung über die von der NSA mitgeschnittenen Gespräche des schlecht gesicherten Handys der deutschen Kanzlerin mit einem Schuss »Scheinheiligkeit und Neid« gewürzt sei.

pollard Selbstverständlich werden »Freunde« nicht ausspioniert. Dennoch haben sich sogar die Israelis in Washington erwischen lassen. Seit 1984 hatte Jonathan Pollard (59), ein jüdisch-amerikanischer Offizier bei der Abwehr der US- Navy, gegen Geld und »aus Solidarität« Geheiminformationen an Israel weitergegeben, die die Amerikaner angeblich ihren »Freunden« vorenthalten hatten. Seit 1987 sitzt Pollard deswegen in lebenslanger Haft.

Alle israelischen Bemühungen, bei US-Präsidenten eine Begnadigung zu erwirken, sind seit 26 Jahren gescheitert. Pollard war angeblich im Besitz des zehn Bände starken Kompendiums »Radio Signal Notations« (RASIN). Darin waren alle Details des weltweiten US-Überwachungsnetzwerks notiert, also die Vorläuferversion des elektronischen Kompendiums, das Edward Snowden auf seinem USB-Stick abgespeichert hat.

Für alle Geheimdienste der Welt gilt daher vor allem das elfte biblische Gebot: »Lass dich nicht erwischen.«

Jerusalem

Benjamin Netanjahu bei Wahl vorn - aber ohne Mehrheit

Bleibt der heutige Ministerpräsident an der Macht? Oder kommt es zum Regierungswechsel? Der Politikveteran gibt sich in der Wahlnacht trotz unklarem Ausgang siegesgewiss

 28.10.2026

Analyse

Die Wahl bringt keinen klaren Sieger hervor - was nun?

Die Wahlbeteiligung war mit 77,7 Prozent die höchste seit mehr als einem Vierteljahrhundert. Doch die richtungsweisende Wahl in Israel ergab zunächst kein klares Ergebnis. Wie geht es jetzt weiter?

von Sara Lemel  27.10.2026

Israel

Wahltag in Blau-Weiß

Bis zuletzt warben die Parteien vor den Wahllokalen um Stimmen - und von denen gab es viele zu holen: Die Wahlbeteiligung war so hoch wie seit 1988 nicht mehr. Ein 94-Jähriger gab seine Stimme mit letzter Kraft ab und starb kurz darauf

von Sabine Brandes  27.10.2026

Knesset-Wahl

Eisenkot will Netanjahu ablösen

Netanjahus Likud liegt zwar laut ersten Prognosen vorn, doch seinem Lager fehlen viele Sitze zur Mehrheit. Ex-Militärchef Eisenkot will die Regierung ablösen – doch gelingt ihm das?

 27.10.2026

Knesset-Wahl

Lapid: Öffentlichkeit hat Netanjahu-Lager »nach Hause geschickt«

Netanjahus Likud-Partei wurde zwar laut Prognosen stärkste Kraft im Parlament, kommt aber mit ihren Partnern nicht auf eine Mehrheit. Die Opposition sagt, seine Regierung sei damit »gefeuert«.

 27.10.2026

Israel

Eisenkot-Lager liegt vor Netanjahu-Lager

Die Likud-Partei des Premiers wurde allerdings ersten Prognosen zufolge stärkste Kraft. Der Wahlausgang ist alles andere als eindeutig

 27.10.2026 Aktualisiert

Entscheidung

Keine längeren Öffnungszeiten trotz hoher Wahlbeteiligung

15 Stunden haben die Israelis Zeit, ihre Stimme abzugeben. Ein Antrag, die Abstimmung zu verlängern, scheiterte

von Sabine Brandes  27.10.2026

Knesset-Wahl

Überschwemmungen behindern Wahl im Süden Israels

Überflutete Zufahrtsstraßen, abgeschnittene Orte: Im Süden Israels kamen manche Einwohner nicht zu ihrem Wahllokal. Reicht die Zeit noch, bevor die kleinen Wahllokale schließen?

 27.10.2026

Israel

Wer wählt wen und warum?

Von unerschütterlicher Bibi-Treue bis zur Sehnsucht nach einem Neuanfang: Wir haben Israelis gefragt, wem sie ihre Stimme gegeben haben

von Sabine Brandes  27.10.2026