Tarbut

Kultur für alle

Derzeit macht die Corona-Krise der Initiative schwer zu schaffen. Viele Programme liegen vorübergehend auf Eis. Foto: Getty Images

Wer an freigeistige Künstlerkommunen in Israel denkt, dem kommt vermutlich als Erstes Tel Aviv in den Sinn – die Kleinstadt Afula im Norden des Landes, weitab vom liberalen urbanen Zentrum des Landes, eher nicht. Doch eben dort, in dieser auf den ersten Blick recht reizlosen und schläfrigen Stadt, unterhält die Organisation Tarbut, zu Deutsch: »Kultur«, ihr Hauptquartier; hier hat sie eine ihrer Kommunen eingerichtet, in denen junge Künstler leben, arbeiten und ihr Einkommen teilen, wie einst in den klassischen Kibbuzim.

Es ist ein eigenwilliges Experiment. Aber genau darin liegt die Kernidee der Bewegung: Die jungen Künstler, die Tarbut vor 14 Jahren ins Leben riefen, wollten Kunst und Kultur in die benachteiligten Städte und Dörfer des Landes hinaustragen, in Regionen, Viertel und Gemeinden, deren Bewohner sich höchst selten in die klimatisierten Museums- und Konzertsäle Tel Avivs verlieren.

Tarbut kooperiert mit Hochschulen und dem Bildungsministerium.

»Wir wollten Kunst überall hinbringen, sodass alle Menschen sie sehen können, unabhängig davon, ob sie sich ein Ticket leisten können oder nicht«, erklärt Or Baruch am Telefon. Er ist 33 Jahre alt, Musiker und eines der frühesten Mitglieder der Bewegung. »Kunst wird oft als etwas Elitäres gesehen. Davon wollten wir wegkommen.«

KOMMUNEN Tarbut startete 2006 als kleine, wagemutige Initiative einer Handvoll junger, idealistischer Künstler. Inzwischen ist sie eine weithin respektierte Non-Profit-Organisation, die Ableger und Aktivistengruppen im ganzen Land hat, mit Armee und Bildungsministerium kooperiert, und sogar eine eigene Firma besitzt, die kulturbezogene Dienstleistungen anbietet und damit für zusätzliche Einkommen neben den Spenden, die die Organisation eintreibt, sorgt.

In fünf Städten hat die Bewegung Künstlerkommunen aufgebaut, neben Afula auch in Jerusalem, Netanya, Rischon LeZion und Nahariya im Norden. Rund 400 junge Künstler leben in diesen Gemeinden, die die Bewegung als »städtische Kibbuzim« bezeichnet, weil sie gemeinschaftlich organisiert sind wie einst die klassischen Kibbuzim in den ersten Jahrzehnten des Landes.

Ihre Mitglieder suchen den Kontakt mit Anwohnern, dem Rathaus und lokalen Künstlern, um gemeinsam Kunst- und Kulturprojekte ins Leben zu rufen, die allen offenstehen: Ausstellungen im Freien, Kunstfestivals, alternative Theaterformen und Workshops, die die lokale Kultur aufgreifen, etwa Unterrichtsstunden in Dabke, dem traditionellen palästinensisch-arabischen Tanz, in arabischen Städten.

JUGEND Außerdem engagieren sich rund 600 lokale Künstler für Tarbut, häufig auf ehrenamtlicher Basis. In der Jugendorganisation der Bewegung sind landesweit etwa 5000 Kinder und Jugendliche aktiv. Einen Schwerpunkt legt Tarbut auf die Arbeit mit jungen Menschen aus schwierigen sozioökonomischen Verhältnissen.

Mehr als 10.000 Kinder und Jugendliche erreicht die Organisation nach eigenen Angaben derzeit. Für die nahe Zukunft ist ein Programm für autistische Kinder geplant. »Unser Ziel ist es, die Gesellschaft gerechter und solidarischer zu machen«, sagt Or Baruch. »Wir wollen nicht nur kurzfristige Projekte umsetzen, sondern auf langfristigen Wandel hinarbeiten.«

Baruch lebt in Afula, er ist ausgebildeter Musiker, kümmert sich für die Bewegung um Medien und Marketing und unterrichtet außerdem Hebräisch durch Theater- und Rollenspiel an arabischen Schulen. Auch das ist ein Programm, das Tarbut erfunden hat. Vor einigen Jahren wurde es vom Bildungsministerium übernommen.

studienfach Tarbut hat zudem in Kooperation mit einer Hochschule in Kfar Saba bei Tel Aviv ein eigenes Studienfach entwickelt, das kulturelle und künstlerische Aktivitäten mit sozialem Engagement vereint, sowie ein eigenes Freiwilligenjahr ins Leben gerufen, ein sogenanntes »Shnat Sherut«.

Junge Israelis können nach dem Schulabschluss den obligatorischen Wehrdienst um ein Jahr aufschieben, wenn sie sich bereit erklären, ein Shnat Sherut zu absolvieren, grob vergleichbar mit dem einstigen Freiwilligen Sozialen Jahr in Deutschland. Meist leisten die jungen Israelis ihren Dienst in sozialen Einrichtungen.

Das »Tarbut Shnat Sherut« jedoch vereint soziale, kulturelle und künstlerische Aktivitäten: Die jungen Teilnehmer betreuen etwa kunstorientierte Jugendgruppen oder organisieren soziale und kulturelle Veranstaltungen.

ARMEE Wenn die Freiwilligen anschließend ihren Wehrdienst antreten, können sie auf weitere Unterstützung der Tarbut-Bewegung bauen: Deren Aktivisten setzten sich dafür ein, angehenden Künstlern auch innerhalb der Armee Möglichkeiten zu bieten, ihre Kreativität zu entwickeln. So haben junge Tarbut-Mitglieder während ihres Wehrdienstes beispielsweise eine Schule aufgebaut, in der militärische Fragestellungen durch künstlerisch-kreative Perspektiven betrachtet werden. »Unsere Haltung ist: Wenn wir als Künstler Teil der Gesellschaft sein wollen, müssen wir auch Teil der Armee sein«, erklärt Or Baruch.

Nun, da sich die zweite Infektionswelle in Israel abzuschwächen scheint, hoffen die Künstler auf ein baldiges Ende der Zwangspause.

Derzeit macht allerdings die Corona-Krise der Bewegung schwer zu schaffen. Viele Programme liegen vorübergehend auf Eis, darunter die meisten Aktivitäten mit Kindern und Jugendlichen. Nun, da sich die zweite Infektionswelle in Israel abzuschwächen scheint, hoffen die Künstler auf ein baldiges Ende der Zwangspause. Außerdem ist ein neues Projekt geplant, das Kultur und Ökologie vereinen soll.

»Es heißt oft, Kultur sei zweitrangig, ökonomische Belange hätten Vorrang«, sagt Or Baruch. »Wir aber glauben: Es ist für die Gesellschaft essenziell, dass es Kultur gibt, dass es Kunst gibt und ein Publikum dafür.« Das gelte insbesondere in Zeiten wie diesen, in denen die israelische Gesellschaft nicht nur unter einer Pandemie und einer Wirtschaftskrise leidet, sondern auch unter verschärfter politischer Polarisierung: »Denn Kultur baut eine Brücke zwischen den Menschen.«

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