Medien

Kostenlos und linientreu

Die Gratis-Zeitung wird in den Straßen verteilt, in einigen Stadtvierteln steckt Israel Hayom auch in den Hausbriefkästen. Foto: Flash 90

Mittlerweile stehen sie vor jeder Postfiliale, am Busbahnhof, der Zugstation. Die jungen Männer und Frauen in den knallroten Overalls. Übersehen kann man sie kaum, überhören schon gar nicht. Sie sprechen jeden an, der vorbeigeht: »Heute schon gelesen? Israel Heute – kostenlos!« Israel Heute heißt auf Hebräisch »Israel Hayom« und ist gleichsam der Name der mittlerweile erfolgreichsten Tageszeitung des Landes. Sie ist umsonst, unumstritten indes ist sie nicht.

Tageszeitungen Bis vor drei Jahren war die israelische Zeitungslandschaft von drei Tageszeitungen dominiert: der linksliberalen Haaretz, die zwar nur einen Marktanteil von knapp sieben Prozent hat, dafür aber von vielen Meinungsmachern gelesen wird, Yedioth Ahronoth, die seit den 70er-Jahren unangefochten an der Spitze steht, und Maariv. Doch dann kam Israel Hayom. Niemand hätte ihr wohl mehr als ein paar Monate gegeben, doch diese »Chinamon«, wie die kostenlosen Blätter im Volksmund genannt werden, revolutionierte den heimischen Blätterwald. Heute hat sie eine Auflage von 255.000 Exemplaren. Ende Juli veröffentlichte das TGI-Institut, das zweimal pro Jahr Lese- und andere medienorientierte Gewohnheiten der Israelis untersucht, eine Studie, die zeigt, dass Israel Hayom mittlerweile etwa 35 Prozent Anteil hat, damit sogar 0,3 Prozent mehr Leser als der bisherige Marktführer, Yedioth Ahronoth. Für Erstere bedeutet das einen Zuwachs von runden zehn Prozent im Vergleich zum Dezember. Die Verleger der anderen Blätter zuckten nach diesem Ergebnis gehörig zusammen, denn es handelt sich hierbei keineswegs um einen gewöhnlichen Konkurrenten.

Vom amerikanischen Juden Sheldon Adelson im Sommer 2007 gegründet, der mit Kasinos Milliarden scheffelte, gilt es als eine Art Verkündigungsorgan der rechtsgerichteten Regierung. Eigentlich hatte Adelson vor drei Jahren die vor sich hindümpelnde Ma’ariv übernehmen wollen. Das jedoch scheiterte an deren Herausgeber Ofer Nimrodi, der sein Blatt partout nicht hergeben wollte. Unterstützung Jerusalems auf ganzer Linie heißt das ungeschriebene Gesetz der erfolgreichen Zeitung, wobei der amerikanische Selfmademan dies stets von sich weist. Doch Adelson und Premierminister Benjamin Netanjahu sind beste Freunde und politisch Gleichgesinnte.

Kritiker sehen die Pressefreiheit in Gefahr, nennen die Zeitung nur »Bibiton«, eine Mischung aus dem Spitznamen des Regierungschefs und dem hebräischen Wort für Zeitung, Iton. Stört die eindeutig stramme konservative Linie nicht? »Überhaupt nicht«, ruft ein Mann, der sich im Vorbeigehen eine schnappt und noch im Laufen die ersten Schlagzeilen liest. »In den meisten Blättern steht doch eh dasselbe drin, und meine Meinung, die bilde ich mir schon selbst. Ich finde es prima, dass diese keinen einzigen Schekel kostet.« So dürfte wohl die Mehrzahl der Leserschaft denken. Oder sie liegen mit der momentanen Regierung auf einer Linie. Denn wer nach kritischer Berichterstattung über deren Politik Ausschau hält, der kann lange suchen.

Autoren Dennoch ist Israel Hayom kein Käseblatt. Einige der namhaftesten Journalisten arbeiten mittlerweile für die Redaktion. Darunter der Autor Dan Margalit und Amos Regev als Chefredakteur. Ihre Befürworter sagen, dass die Menschen durch Israel Hayom wieder zum Zeitunglesen gebracht werden. Die Umfrage von TGI brachte zutage, dass nach jahrelanger Stagnation tatsächlich mehr Leute regelmäßig eine Tageszeitung in die Hand nehmen. Und die Zahlen steigen stetig: Vor sechs Monaten waren es 59,7, derzeit sind es 62,8 Prozent.

Dabei hätte vor zwei Monaten in der Knesset schon das Aus von Israel Hayom beschlossen werden können. Ein neues Gesetz sollte es Ausländern verbieten, Zeitungen zu besitzen, zudem sollte das kostenlose Verteilen unterbunden werden. Doch das Ende der Debatte zeigte klar einen Vorteil für das Likud-Lager um Netanjahu mit 61 zu 14 Stimmen pro Israel Hayom. Einen großen Teil der israelischen Öffentlichkeit freut das sehr. Sie werden tagtäglich mit Informationen der besten Journalisten des Landes versorgt – und müssen keinen einzigen Schekel dafür bezahlen.

Shelly Meyer

Kommentar

Wer tatsächlich vom »Judenfetisch« profitiert

150 Juden in Berlin haben mit einem Offenen Brief die Linkspartei unterstützt - das sind etwa 0,4 Prozent der Berliner jüdischen Stimmen. Doch sie könnten für die breite Öffentlichkeit kaum wertvoller sein

von Shelly Meyer  04.10.2026

Kommentar

Fair Play – es sei denn, es geht um Israel

Irlands Nationalspieler verweigern Israelis den Handschlag, diskutieren darüber, ob sie überhaupt gegen sie antreten wollen – und die UEFA schweigt. So funktioniert die schleichende Etablierung von Antisemitismus als Akt des vermeintlichen humanitären Widerstandes

von Dorothea Schupelius  02.10.2026

Terror

Held von Flug FZ1073: Jetzt spricht erstmals der Flydubai-Pilot

Der bei dem Messerangriff in einer Flydubai-Maschine von Dubai nach Tel Aviv verletzte Flugkapitän äußert sich zu den Vorgängen im Cockpit. Er berichtet auch, was ihm Mut gegeben hat

 02.10.2026

Nahost

Flydubai-Drama: Auch VAE-Vertreter spricht von Terror

Aus Israel kam schon früh die Einschätzung, dass es sich bei dem Vorfall um einen Anschlagsversuch handelte. Nun äußert sich ein emiratischer Regierungsvertreter ähnlich

 02.10.2026

Kibbuz Nahal Oz

Drei Jahre nach dem Hamas-Angriff entsteht die Kollektivsiedlung neu

Der 7. Oktober 2023 hat eine tiefe Wunde in die israelischen Gemeinden entlang des Gazastreifens gerissen. Mittlerweile ist der Wiederaufbau in vollem Gange – mit gemischten Gefühlen

von Andrea Krogmann  02.10.2026

Jerusalem

Herzog über mögliche Linken-Regierung in Berlin: »Das ist äußerst verstörend«

Im ausführlichen Interview mit der WELT spricht der israelische Präsident auch über den »Fly Dubai«-Angriff, den Iran und das britische Embargo gegen sein Land

 02.10.2026

Tel Aviv

Nach Geiselhaft: »Das Leben wird nie wieder dasselbe sein«

Am 07. Oktober 2023 überfielen Terroristen aus dem Gazastreifen Grenzorte in Israel. Sie ermordeten und entführten viele Menschen, darunter auch Deutsche. Wie geht es den ehemaligen Geiseln heute?

von Cindy Riechau  02.10.2026

Besuch

Berlins scheidender Regierungschef reist nach Israel

Israels Botschafter in Deutschland äußerte kürzlich Sorge um die Sicherheit der jüdischen Community in der deutschen Hauptstadt. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner reist nun nach Tel Aviv

 02.10.2026

Tel Aviv

»Es ist viel sicherer, mit einer israelischen Airline zu fliegen«

Der Sicherheitsexperte Eyal Tsir Cohen über den Anschlag auf den »Fly Dubai«-Flug, die aktuelle Terrorbedrohung im Luftverkehr und die Effizienz israelischer Maßnahmen

von Detlef David Kauschke  02.10.2026