Porträt

Kein Neuland

Wartet auf grünes Licht aus Israel: Alexander Graf Lambsdorff Foto: picture alliance/dpa

Alexander Graf Lambsdorff steht ein Klimawechsel im zweifachen Sinne bevor. Der Diplomat und ehemalige FDP-Bundestagsabgeordnete soll in einigen Monaten die deutsche Botschaft in Moskau verlassen und stattdessen die in Tel Aviv beziehen, wo er Steffen Seibert ersetzt, dessen Amtszeit zu Ende geht. Das bedeutet immergrüne Mittelmeerlage statt extrem kalter Winter und kurzer Sommer. Eisig ist in Russland aber nicht nur das Wetter, sondern auch das Verhältnis zu Deutschland, das von der russischen Führung als feindseliger Staat betrachtet wird. In seinen bald drei Jahren in Moskau dürfte es Lambsdorff ordentlich gefröstelt haben.

Dagegen hat er in Israel einen warmen Empfang zu erwarten. Obwohl die Bundesregierung mit dem aktuellen Rechtsaußen-Kabinett unter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu fremdelt und zeitweise aus Protest gegen Israels Kriegsführung in Gaza ein Waffenembargo verhängt hatte, gilt das Verhältnis der beiden Staaten als verhältnismäßig gut. Jerusalem betrachtet Berlin weiterhin als seinen engsten Verbündeten in Europa, und in der israelischen Bevölkerung ist Deutschland laut Umfragen sehr beliebt.

Der Jüdischen Allgemeinen sagte Lambsdorff, er freue sich darauf, »Diplomatie unter befreundeten Ländern zu machen«. Die Beziehungen beider Staaten seien »sehr eng und produktiv«.

Ein Spaziergang ist der Botschafterjob in Israel jedoch nicht. Er erfordert viel Fingerspitzengefühl und ist mit hohen Erwartungen verbunden. Wer ist der Mann, den die Bundesregierung mit dieser Aufgabe betrauen will?

Verteidiger des jüdischen Staates

Lambsdorff entstammt einem deutschen Adelsgeschlecht und ist Sohn des ehemaligen deutschen Botschafters in Tschechien, Hagen Graf Lambsdorff, und Neffe von Otto Graf Lambsdorff, ehemaliger Bundeswirtschaftsminister und prägende Figur der FDP. Der liberalen Partei trat auch Alexander Graf Lambsdorff 1987 bei, schlug zunächst jedoch eine diplomatische Karriere ein. Während seiner Tätigkeit im Auswärtigen Dienst bekleidete Lambsdorff weiterhin Parteiämter und wechselte 2004 gänzlich in die aktive Politik, nachdem er ins Europäische Parlament gewählt worden war. 2017 zog er in den Deutschen Bundestag ein, wo er stellvertretender Fraktionsvorsitzender mit der Zuständigkeit Außenpolitik wurde.

Lambsdorff übernahm auch den Vorsitz der deutsch-israelischen Parlamentariergruppe, ein Amt, das regelmäßige Kontakte in die israelische Politik und Zivilgesellschaft mit sich bringt. Lambsdorff trat in diesen Jahren öffentlich als Freund und Verteidiger des jüdischen Staates auf: So warf er den Vereinten Nationen vor, einseitig gegen Israel eingestellt zu sein, bemängelte an der palästinensischen Führung um Mahmud Abbas in Ramallah, kein verlässlicher Partner für Frieden in der Region zu sein, und tat sich als einer der schärfsten Kritiker der Kasseler Kunstausstellung »documenta« hervor, die 2022 wegen einer Reihe israelfeindlicher und antisemitischer Kunstwerke eine Debatte auslöste.

Beim Eurovision Song Contest feuerte er die israelische Sängerin an.

Bisweilen nahm Lambsdorffs Unterstützung für Israel emotionale Züge an. »Israel wird das Ding gewinnen«, schrieb er im Mai 2018 auf »X« anlässlich des Eurovision Song Contests und fügte noch ein rotes Herz hinzu. Tatsächlich belegte die israelische Sängerin Netta in diesem Jahr Platz eins des Musikwettbewerbs.

Nach der Aufnahme der Botschafterstelle in Moskau äußerte sich Lambsdorff dem diplomatischen Usus entsprechend seltener zu Israel. Am 7. Oktober 2023, dem Tag des Hamas-Angriffs auf Israel, machte er jedoch eine Ausnahme und wandte sich auf »X« direkt an das angegriffene Land: »Israel wird auch diesen Angriff abwehren, bei allem Leid, das die Hamas-Terroristen über Euch bringen«, schrieb Lambsdorff. Im Juni 2024 reagierte er auf die Rückkehr mehrerer Geiseln aus Gaza mit den Worten: »Am Israel Chai!«, das Volk Israel lebt.

Haltung zum Iran

Wird der nächste deutsche Botschafter in Tel Aviv gar ein proisraelischer Hardliner? Nicht ganz. Dass manchen seine Freundschaft zu Israel nicht weit genug geht, zeigt eine Episode aus dem Sommer 2022: Als der damals scheidende Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG), Uwe Becker, Lambsdorff als seinen Nachfolger vorschlug, gab es Widerstand an der Basis. Eine Reihe von DIG-Unterverbänden sprach sich stattdessen für den ehemaligen Grünen-Bundestagsabgeordneten Volker Beck aus, den man für den geeigneteren Kandidaten hielt. Schließlich zog Lambsdorff seine Kandidatur zurück, und Beck wurde gewählt.

In DIG-Kreisen heißt es, dass insbesondere Lambsdorffs damalige Haltung gegenüber dem Iran bei vielen Mitgliedern auf Unverständnis gestoßen sei. So unterstützte der FDP-Politiker das 2015 geschlossene Atomabkommen (JCPOA) zwischen westlichen Staaten, darunter Deutschland, und dem islamistischen Regime in Teheran. Die vehemente Kritik der Israelis an dem Vertrag wies Lambsdorff öffentlich zurück. In Jerusalem betrachtet man das mittlerweile geplatzte JCPOA als fehlgeleitete Appeasement-Politik gegenüber einem rein destruktiven Akteur.

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»Das war damals der am wenigsten schlechte Deal«, sagt Lambsdorff auch heute. Die Lage habe sich nun zwar geändert, das Ziel aber bleibe, so der Diplomat: Der Iran dürfe »keine Atomwaffen haben«.

Den Israelis wird Lambsdorffs damalige Positionierung zum JCPOA nicht entgangen sein. Dennoch ist ein Einwand gegen seine Berufung zum Botschafter in Tel Aviv nicht zu erwarten. In Israel wird man wissen, was man mit dem Deutschen bekommt: einen Freund des jüdischen Staates und einen der profiliertesten Diplomaten der Bundesrepublik. Derzeit liegt die neue Personalie dem Gastland zur Überprüfung vor. Sollte Israel wie erwartet grünes Licht geben, tritt Lambsdorff seine neue Stelle voraussichtlich im August an, dem wärmsten Monat des Jahres.

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