Medizin

Kaiserschnitt im Parkhaus

Es dauerte nur fünf Stunden. So lange hatte es gebraucht, um sämtliche Patienten des riesigen Medizinzentrums in den Untergrund zu verlegen, als die ersten Sirenen vor den Raketen aus dem Iran warnten – ein weltweit wahrscheinlich einmaliger Umzug im Rekordtempo. Das Ichilov-Krankenhaus, auch Sourasky genannt, ist nicht nur ein einzelnes Gebäude, sondern ein ganzer Campus im Herzen der Großstadt Tel Aviv.

Hier, wo einige Tage zuvor noch Autos und Motorräder parkten, stehen nun Krankenbetten in langen Reihen, Monitore blinken, Infusionspumpen summen. Ärzte gehen hastig zwischen den Betten entlang, Pflegekräfte schieben Wagen mit Medikamenten durch die Gänge. Verkehrsschilder erinnern daran, wo man sich eigentlich befindet. Zwischen massiven Betonpfeilern und Parkmarkierungen ist ein provisorisches Krankenhaus entstanden, das rund um die Uhr im Betrieb ist.

»Wir sind hier zwei Ebenen unter der Erde«, sagt Daniel Trotzky, stellvertretender Direktor des Krankenhauses und Leiter der Notfallmedizin. »Dieser Bereich ist raketengeschützt, und hier werden wir uns aufhalten, bis der Krieg vorbei ist.« Der große Vorteil: Wenn die Sirenen losgehen, muss niemand mehr in Sicherheitsräume gebracht werden. »Alle sind bereits gut geschützt.«

Seit Beginn des Krieges gegen den Iran arbeitet die Klinik praktisch vollständig im Untergrund

Seit Beginn des Krieges gegen den Iran am 28. Februar arbeitet die Klinik mit sämtlichen Abteilungen praktisch vollständig im Untergrund. Rund 600 Patienten werden derzeit hier versorgt. »Wir sind wahrscheinlich eines der ersten Krankenhäuser der modernen Geschichte, in dem sich alle stationären Patienten gleichzeitig in einem unterirdischen, raketengeschützten Bereich befinden«, so Trotzky. Für ein medizinisches Zentrum dieser Größe sei das eine logistische Operation, die normalerweise Wochen der Vorbereitung erfordern würde.

Der Libanonkrieg 2006 zeigte, wie verletzlich medizinische Einrichtungen sind.

Es ist eine Meisterleistung, die er und sein Team vollbracht haben: Als am Samstagmorgen gegen acht Uhr der erste Alarm schrillte, begann der Wettlauf gegen die Zeit. Innerhalb kürzester Zeit musste das gesamte Krankenhaus verlegt werden. Hunderte Patienten wurden mehrere Stockwerke tief in den Untergrund transportiert: Intensivpatienten, frisch Operierte, ältere Menschen, Frühgeborene in Brutkästen. Jeder Transport musste exakt koordiniert werden. Aufzüge fuhren pausenlos zwischen den Etagen, begleitet von Ärzten, Pflegern und Technikern.

Die Abteilungen befinden sich nun alle in der mehrstöckigen unterirdischen Parkgarage des Krankenhauses. Manche Parklinien verlaufen zwischen den Betten, als würden sie die Stationen voneinander trennen. Provisorische Vorhänge schaffen etwas Privatsphäre. An den Wänden hängen weiße Metallkästen. In normalen Zeiten sind sie geschlossen, doch im Notfall werden sie geöffnet – und verwandeln den Parkplatz in ein voll funktionsfähiges Krankenhaus. »In diesen Boxen steckt unsere medizinische Infrastruktur«, erklärt Trotzky. »Wenn wir sie aktivieren, haben wir über jedem Bett Zugang zu Strom, Sauerstoff und anderen medizinischen Gasen. So kann auch unterirdisch der normale Betrieb weitergehen.«

Ein Konzept, das damals ungewöhnlich wirkte, heute aber zur nationalen Sicherheitsstrategie gehört

Die Pläne für dieses unterirdische Krankenhaus reichen fast zwei Jahrzehnte zurück. Während des Libanonkriegs 2006, als die Hisbollah israelische Städte mit Katjuscha-Raketen beschoss, wurde deutlich, wie verletzlich medizinische Einrichtungen sein können. Daraufhin begann das Ichilov-Klinikum, seine unterirdischen Parkdecks schrittweise mit medizinischer Infrastruktur auszustatten – ein Konzept, das damals ungewöhnlich wirkte, heute aber zur nationalen Sicherheitsstrategie gehört.

Zwischen den Betten herrscht reger Betrieb. Ärzte beugen sich über Patientenakten, Pfleger kontrollieren Infusionen. Trotz der ungewöhnlichen Umgebung wirkt vieles erstaunlich routiniert. »Es gibt nichts, was wir nicht tun können«, erzählt Trotzky nicht ohne Stolz auf das Geleistete. »Wir verfügen über Operationssäle, Kreißsäle, Intensivstationen und eine Neugeborenenstation.« Selbst komplexe Operationen könnten hier durchgeführt werden, falls nötig.

Am Vortag seien im Parkhaus rund 60 Babys zur Welt gekommen, einige per Kaiserschnitt. In einem der provisorischen Kreißsäle hört man das leise Piepen eines Monitors, während eine Hebamme eine junge Mutter betreut. Das Leben geht weiter – auch unter einer dicken Betondecke.

Infektionskontrolle rund um die Uhr

Doch der Alltag im Untergrund bringt zweifelsohne Herausforderungen mit sich. »Die hygienischen Bedingungen sind nicht dieselben wie oben«, räumt Trotzky ein. »Es ist überfüllt.« Deshalb sei die Infektionskontrolle rund um die Uhr im Einsatz. »Eine unserer größten Sorgen ist eine epidemiologische Krise.« Reinigungsteams desinfizieren regelmäßig die Gänge, Luftfilter laufen ununterbrochen, und besonders gefährdete Patienten werden so gut wie möglich abgeschirmt.

Es ist kurz nach Mittag, als plötzlich der Heulton einer Warnsirene durch den Beton dringt. Hier, so tief unten, klingt er dumpf statt schrill. Doch anders als über der Erde hält hier niemand inne. »Die Sirenen heulen, und die Schutztüren werden geschlossen«, sagt Trotzky ruhig. »Sobald feststeht, ob Verletzte eintreffen, kümmern wir uns um sie.« Bislang ist der große Zustrom glücklicherweise ausgeblieben. Doch das Personal rechnet jederzeit mit neuen Opfern – sei es durch Raketeneinschläge oder Menschen, die auf dem Weg in Schutzräume verunglücken.

»Ein Krankenhaus muss immer auf den schlimmsten Fall vorbereitet sein.« Was im Ichilov-Krankenhaus geschieht, ist Teil einer größeren Entwicklung im ganzen Land. Seit Beginn des Krieges gegen den Iran arbeiten zahlreiche Kliniken im Notfallmodus und verlegen empfindliche Abteilungen in geschützte Bereiche. Auch im Sheba Medical Center in Ramat Gan – dem größten Krankenhaus Israels – wurden innerhalb kurzer Zeit ganze Abteilungen unter die Erde verlegt. Hunderte Ärzte, Pfleger und Techniker reagierten sofort, nachdem das Gesundheitsministerium und das Heimatschutzkommando Alarm gegeben hatten. Rund 50 Abteilungen brachten ihre Patienten in vier vorbereitete unterirdische Bereiche.

Während über der Erde eine Rakete abgefangen wird, kommt hier unten ein Kind zur Welt.

»Die Entscheidung war notwendig«, sagt Yoel Har-Even, stellvertretender Leiter für internationale Angelegenheiten. Moderne Raketen könnten Sprengköpfe mit bis zu einer Tonne Gewicht tragen – eine Bedrohung, der selbst massive Gebäude an der Oberfläche kaum standhalten würden. »Wir haben daher beschlossen, alle Patienten – das bedeutet rund 2000 Betten – in einen geschützten unterirdischen Bereich zu verlegen.«

Anpassung der Infrastruktur innerhalb von nur anderthalb Tagen

Teams arbeiteten unter Hochdruck daran, innerhalb von nur anderthalb Tagen die Infrastruktur anzupassen: Stromleitungen wurden verstärkt, medizinische Geräte verlegt und neue Stationen aufgebaut. Für viele Mitarbeiter bedeutete das Schichten rund um die Uhr. Ganze Geburtsstationen entstanden innerhalb weniger Stunden neu. »Gestern war hier noch nichts«, sagt die Gynäkologin Michal Fishel Bartal, Leiterin der Abteilung für Geburtsmedizin.

Nach den ersten Alarmen sei ein Parkdeck in ein voll ausgestattetes Geburtszentrum verwandelt worden, mit zehn Kreißsälen, Räumen für Geburtseinleitungen und einem Operationssaal für Kaiserschnitte. »Wir fühlen uns hier geschützt«, sagt sie. »Und das Wichtigste ist, dass auch unsere Patientinnen sich sicher fühlen.«

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Im Galilee Medical Center in Nahariya, nur wenige Kilometer von der libanesischen Grenze entfernt, wurden Operationen und Geburten ebenfalls in geschützte Einrichtungen verlegt. Laut Direktor Masad Barhoum gelang es dem Personal diesmal sogar, die gesamte Infrastruktur vier Stunden schneller zu verlegen als nach dem Angriff der Hamas-Terroristen vom 7. Oktober 2023.

Wechsel vom Routinebetrieb in den Kriegsmodus

Die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben das System verändert. Israelische Krankenhäuser trainieren regelmäßig den schnellen Wechsel vom Routinebetrieb in den Kriegsmodus. Ganze Stationen ziehen innerhalb weniger Stunden um. Doch je länger der Krieg dauert, desto größer wird auch die psychische Belastung. »Es wird zusehends schwieriger, die Patienten bei Laune zu halten«, sagt Trotzky. Manche hätten seit Tagen kaum Tageslicht gesehen. Ärzte und Pflegekräfte arbeiten in langen Schichten, viele schlafen nur wenige Stunden zwischen den Einsätzen. »Auch so etwas kann zu Burn-out führen.«

Wieder heult eine Sirene. Irgendwo über der Erde versucht das Abwehrsystem, eine Rakete abzufangen. Hier unten geht die Arbeit weiter. In einem der unterirdischen Kreißsäle des Rabin Medical Center in Petach Tikwa bei Tel Aviv schiebt eine Hebamme einen Wagen durch einen Gang. Gerade ist ein Baby per Kaiserschnitt zur Welt gekommen. Für die Leiterin der Frauenklinik, Osnat Walfisch, sind das nicht die Bedingungen, unter denen sie und ihr Team ständig arbeiten möchten.

»Doch mitten im Lärm des Krieges gibt es nichts Schöneres, als neues Leben auf die Welt zu bringen«, sagt sie dann und hält einen Moment inne. »All diese Geburten hier sind auch eine Nachricht an unsere Feinde.«

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