Corona-Krise

Israel quasi abgeriegelt

Ein Mitarbeiter des Gesundheitsministerums desinfiziert ein Einkaufszentrum wegen des Coronavirus. Foto: Flash 90

Trotz Wochenbeginn sind die Straßen in Israel an diesem Sonntag leerer als am Schabbat. Die Israelis sollen es vermeiden, das Haus zu verlassen, wenn es nicht unbedingt nötig ist – Worte von Premierminister Benjamin Netanjahu am Samstagabend. Die Gesundheitskrise wegen des neuarigen Virus Covid-19 hat das Land quasi über Nacht abgeriegelt.

Während der Kabinettssitzung, die per Videokonferenz abgehalten wurde, lobte Netanjahu die Bürger Israels für ihr vorbildliches Verhalten, das dafür sorge, dass sich das Virus langsam ausbreitet. Und er dankte den medizinischen Teams, die sich selbst an die Front begeben. Derzeit sind 200 Infizierte bestätigt.

»sozialer abstand« Seit Sonntagmorgen sind Zusammenkünfte von mehr als zehn Personen in geschlossenen Räumen untersagt. Egal, ob am Arbeitsplatz oder in den eigenen vier Wänden. Damit verhängte die Regierung auf Anraten des Gesundheitsministeriums zwar keine Ausgangssperre, doch machte sie deutlich, dass sich die Israelis auf eine völlig neue Lebensweise einstellen müssten. Die Menschen sollten zudem einen »sozialen Abstand« von zwei Metern einhalten.

Arbeitgeber sind von der Regierung angehalten, ihren Mitarbeitern, so gut es geht, Heimarbeit zu ermöglichen.

Während die Schulleiter und Lehrer noch beraten, wie sie den Heimunterricht für die Schüler organisieren, haben jetzt auch Kindergärten und Sonderschulen zu. Die meisten Unternehmen haben vorübergehend ihre Fabriken, Büros und Geschäfte geschlossen.

Lediglich jene, die nur zehn oder weniger Leute beschäftigen, dürfen weiter in ihren Räumlichkeiten arbeiten. Allerdings muss auch hier einer vom anderen mindestens zwei Meter weit entfernt sein. Arbeitgeber sind von der Regierung angehalten, ihren Mitarbeitern, so gut es geht, Heimarbeit zu ermöglichen.

Unterhaltungsbetriebe Dazu sind von einem Tag auf den nächsten sämtliche Unterhaltungsbetriebe geschlossen worden, von Theatern über Kinos, Zoos, Schwimmbädern, Museen, Sehenswürdigkeiten bis zu Sportstudios. Auch Cafés, Bars, Klubs und Restaurants mussten schließen.

Sogar beim Gottesdienst werden nicht mehr als zehn Gläubige zugelassen. Sportveranstaltungen, Konzerte und Kurse wurden gänzlich abgesagt.

Immer mehr Menschen fragen sich, wie sie die Gesundheitskrise finanziell überstehen sollen.

Immer mehr Menschen fragen sich, wie sie die Gesundheitskrise finanziell überstehen sollen. Vor allem Selbstständige sorgen sich, je länger die Geschäfte geschlossen sind, dass sie ohne Einkommen nicht klarkommen werden. Sie haben keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld, auch wenn sie ihre Jobs wegen Quarantäne oder geschlossenen Einrichtungen nicht mehr ausüben können.

Urlaub Für viele Menschen wird unbezahlter Urlaub angeordnet. Wie für die Angestellten des Bekleidungsherstellers Castro-Hoodies. Alle Geschäfte im ganzen Land wurden geschlossen, die 6000 Beschäftigten nach Hause geschickt. Amit T. ist eine von ihnen. »Urlaub – dass ich nicht lache«, postete sie nach der Ankündigung auf Instagram. »Es gibt allerdings keinen Ort auf der ganzen Welt, an dem man sich entspannen und Corona entkommen könnte.«

Obwohl Banken angekündigt haben, schneller und leichter Kredite für Menschen zu vergeben, die ihre Arbeit verloren haben, und die Steuerbehörden für die zu bezahlenden Steuern eine zusätzliche Frist von einem Monat einräumen, geht die Angst vor der Zukunft um: »Was geschieht, wenn Corona an uns vorbeigezogen ist, aber ich noch immer arbeitslos bin, weil die Wirtschaft kaputt ist?«, fragen viele Inhaber von Restaurants, Cafés, Schönheitssalons oder ähnlichen Einrichtungen.

Ihrer Meinung nach sollte die Regierung sofort kleinen Unternehmen in der Notsituation unter die Arme greifen. Netanjahu kündigte finanzielle Soforthilfen in Milliardenhöhe an.

Netanjahu kündigte finanzielle Soforthilfen in Milliardenhöhe an.

Währenddessen gab das Gesundheitsministerium die Botschaft heraus, »dass das Virus mit der Zeit einfach verschwinden wird«. Der Leiter der Abteilung für internationale Beziehungen im Ministerium, Asher Schalom, erklärte in einem Interview: »Wenn wir hier sehen, was wir jetzt in China sehen, wissen wir, dass wir auf dem richtigen Weg sind.« Der Schlüsselmoment sei gekommen, wenn die Zahl der Geheilten größer ist als die der Neuinfizierten.

Tests Bis dahin müsse man allerdings die Quarantäne strikt einhalten und mehr testen. Ab sofort sollen täglich 2000 Tests auf Covid-19 durchgeführt werden. Schalom geht davon aus, dass das neuartige Virus in einigen Wochen, vielleicht diesen Sommer schon, von selbst verschwindet. Es könnte allerdings auch bis zum nächsten Jahr dauern, räumte er ein.

Vorher allerdings würde die Zahl der Kranken steigen, die Israelis müssten sich auf immer striktere Maßnahmen einstellen. Schalom ist sicher: »Neue Anordnungen werden schon in den nächsten Tagen kommen.«

Knesset-Wahlen

Ein Wegweiser durch den Dschungel der israelischen Politik

Am 27. Oktober wählt Israel. Sie wollen mitreden, aber können die Parteien nicht auseinanderhalten? Willkommen im Klub. Die Israelis können es auch nicht

von Guy Katz  31.08.2026

Interview

»Israel ist stärkste Macht in der Region«

Dan Schueftan war Sicherheitsberater unter Israels Ministerpräsidenten Yitzhak Rabin und Ariel Scharon. Heute sieht er das Land so dominant wie nie zuvor – und Europa auf einem ideologischen Irrweg

von Detlef David Kauschke  31.08.2026

Rehovot

Israelische Forscher melden Erfolg bei Krebsforschung

Forscher des Weizmann Institute of Science entdeckten gemeinsam mit amerikanischen Wissenschaftlern einen bislang unterschätzten Mechanismus bei der Entstehung genetischer Mutationen

 31.08.2026

Ofer Winter

Analyse

Wer hat Angst vorm Winter?

Vor den Wahlen wächst im Likud die Sorge vor Ofer Winter. Der Ex-General will das rechte Lager verändern und unterstützt trotzdem Netanjahu als Premier

von Sabine Brandes  31.08.2026

Jerusalem

Frauen in Israels Politik: Der nächste Rückschritt droht

Eine »Ynet«-Recherche zeigt: Von Gleichberechtigung kann bei den meisten Parteien keine Rede sein. Es gibt nur eine echte Ausnahme

 31.08.2026

Gedenken

Die »schönen Sechs« - wir vergessen nicht

Vor zwei Jahren wurden Hersh Goldberg-Polin, Carmel Gat, Almog Sarusi, Ori Danino, Eden Yerushalmi und Alexander Lobanov von der Hamas in Gaza ermordet

von Sabine Brandes  31.08.2026

Jerusalem

Bennett für Begnadigung Netanjahus – unter einer Bedingung

»Ich möchte nicht, dass er im Gefängnis landet«, sagt der frühere Ministerpräsident und Oppositionspolitiker

 31.08.2026

Jerusalem

Netanjahu: Protokolle werden »die Wahrheit« über den 7. Oktober zeigen

»Sie haben mich gefragt, was passiert wäre, wenn sie mich geweckt hätten. Es wäre nicht passiert«, so Israels Ministerpräsident

 31.08.2026

Geiselverhandlungen

Israels geheimer Draht zur Hamas

Ein ehemaliger Mitarbeiter des Geheimdienstes Schin Bet enthüllt in einem Interview erstmals direkte Gespräche mit der Führung der Terrororganisation nach dem 7. Oktober 2023

von Sabine Brandes  30.08.2026