Terror

Im Fadenkreuz des IS

Zwei IS-Kämpfer triumphieren auf einer Militärparade Ende Juni in Syrien mit einer erbeuteten Rakete. Foto: Reuters

Die Hohen Feiertage stehen kurz bevor. Gewöhnlich heißt das für die meisten Israelis, Zeit mit der Familie zu verbringen, sich gutes Essen schmecken zu lassen und Ausflüge in die Umgebung zu unternehmen. Viele wollen weiter weg und gönnen sich Kurztrips nach Paris, Prag, Rom, Berlin und in andere europäische Hauptstädte. Doch in diesem Jahr werden wohl einige von ihren Reiseplänen Abstand nehmen. Denn die Anti-Terroreinheit des nationalen Sicherheitsrates hat Anfang der Woche Reisewarnungen veröffentlicht – darunter nach Westeuropa. Die Angst vor der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) geht auch in Israel um.

Israelis und Juden könnten in Westeuropa Ziel von Terrorangriffen globaler Dschihadisten werden, heißt es in einer Erklärung der Anti-Terroreinheit. »Die Gefahr geht hauptsächlich von islamistischen Gruppen aus, darunter der Islamische Staat. Viele Mitglieder kehren von Kämpfen in Syrien und dem Irak in ihre europäischen Heimatländer zurück.«

Den Geheimdienstinformationen zufolge gibt es dadurch eine akute Bedrohung für Israelis im Ausland, vor allem für Geschäftsleute und ehemalige Staatsangestellte. Terroristen könnten Israelis entführen oder umbringen, wie am 24. Mai bei dem Angriff im Jüdischen Museum in Belgien geschehen, bei dem vier Menschen starben, darunter ein israelisches Ehepaar. Der mutmaßliche Mörder, Mehdi Nemmouche, soll mehr als ein Jahr lang in Syrien auf Seiten des IS gekämpft haben.

»Nach dem Anschlag auf das Jüdische Museum in Brüssel müssen neue Attentate auf israelische Einrichtungen oder Juden insbesondere in Westeuropa befürchtet werden«, hieß es in der Reisewarnung, die das Büro von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu herausgab.

Schläferzellen Viele Israelis, die sich auf einen Europatrip gefreut hatten, sind jetzt verunsichert. Die Warnung sei allerdings keine Hysterie, sondern wohlbegründet und das Ergebnis von guter Geheimdienstarbeit – davon ist Nachum Shilo, Experte für das Thema IS am Dayan Center der Tel-Aviv-Universität, überzeugt.

Und im eigenen Land? Stehen die Kämpfer des IS schon mit gezückten Messern an der Grenze zu Israel? Einem Exklusiv-Bericht der Internetzeitung »Times of Israel« zufolge sollen sich Schläferzellen von IS im gesamten Grenzbereich eingenistet haben und nur darauf warten, Weisungen zu erhalten. Das berichteten Kämpfer der Free Syrian Army am Montag Journalisten.

»Es könnte durchaus sein, dass sie schon in den syrischen Golanhöhen lauern«, meint Shilo. Doch die unmittelbare Gefahr, die durch die Kämpfer mit den leichten bis mittelschweren Waffen ausgehe, sei relativ überschaubar – anders als die Ideologie der Terrorgruppe. »Es ist die Idee, die so gefährlich ist. Sie predigt extreme Gewalt und Genozid und setzt das auch in die Tat um, wie wir an vielen schrecklichen Beispielen gesehen haben«, so der Experte. Und genau diese tödliche Idee treffe in Europa bei desillusionierten Menschen auf fruchtbaren Nährboden und verbreite sich durch das Internet rasend schnell wie ein Buschfeuer, erläutert der Politikwissenschaftler.

Gaza Für Israel bedeute IS eine Gefahr auf mehreren Ebenen. »Zum einen sind die Gegenden, wo sich der Islamische Staat breitgemacht hat, nicht weit von uns entfernt. Es könnte sogar sein, dass sich die Terroristen in Jordanien oder sogar im Gazastreifen ausbreiten.« Letzteres wäre ein Albtraum für Jerusalem. Denn das hieße, dass die Situation völlig außer Kontrolle geraten ist.

»Die Hamas – so schlimm sie auch ist – kann man mittlerweile einschätzen«, erklärt Shilo. »Israel weiß ganz genau, wie sie tickt. Sie ist das kleinere Übel.« Shilo ist sicher, dass Premierminister Benjamin Netanjahu in der Militäroperation »Protective Edge« nur wegen IS nicht den Befehl gegeben hat, die Hamas völlig zu zerstören. »Die Regierung will eine Adresse haben und keine zig Milizen, die nicht unter Kontrolle gebracht werden können.«

Eine direktere Bedrohung als die Kämpfer selbst seien allerdings die Waffenarsenale der syrischen oder irakischen Armee. »Wenn IS Zugriff auf ballistische Raketen erhält, dann werden sie nicht zögern, diese einzusetzen. Und dann sind wir sicherlich im Visier«, malt der Experte ein düsteres Szenario. Im Irak lägen schließlich Raketen mit einer Reichweite von bis zu 600 Kilometern. »Und damit kann jedes Ziel in Israel erreicht werden.«

Iran Für Israel ist die Gefahr durch IS jedoch geringer als die, die vom Iran ausgeht. Dennoch wollen große Teile der Welt zunächst den IS-Schrecken beenden. Israel wird bei diesem Krieg ohnehin nicht an vorderster Front stehen. »Der jüdische Staat kann nicht direkt an der gemeinsamen Aktion teilnehmen, da arabische Nationen mit dabei sind«, wie Shilo klarmacht. »Wir halten uns im Hintergrund und versorgen die Länder mit Geheimdienstinformationen.«

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