Redezeit

»Ich war zu 100 Prozent auf Rache aus«

Chaim Miller in der Doku »Killing Nazis« Foto: Screenshot 3Sat

Herr Miller, können Sie sich noch an den ersten Nazi erinnern, den Sie aufgespürt und umgebracht haben?
Hans hieß er, glaube ich. Ein früherer SS‐Offizier aus Südösterreich, der während der Schoa besonders schlimm gewütet hatte. Mitte 30, korrektes Auftreten, akkurat gekleidet. Fesch sah er aus mit seinem blonden Haar und dem arischen Kinn. Nachdem ich ihm im Wald sein Urteil verkündet hatte, schaufelte er eine Grube aus und kniete sich hin. Ich trat bis auf drei Meter an ihn heran, zog meine Pistole und schoss in seinen Hinterkopf. Noch bevor er den Knall hören konnte, war er tot.

Sie waren damals Teil der »jüdischen Brigade« innerhalb der britischen Armee. Woher wussten Sie von den Aufenthaltsorten und den Taten der NS‐Verbrecher?
Meine Kameraden und ich waren zu der betreffenden Zeit in der italienischen Stadt Tarvis stationiert. Das war direkt nach Kriegsende, Ende Mai 1945. Jugoslawische Partisanen gaben uns Unterlagen, aus denen Informationen über wichtige SS‐ und Gestapomänner hervorgingen. Zudem unterrichteten uns auch einige Juden, die die Konzentrationslager überlebt hatten, welcher Nazi wie hieß und was er getan hatte.

Wusste die britische Armee von den Aktivitäten Ihrer Einheit?
Offiziell nicht. Der Rachefeldzug war unsere eigene Idee, wir planten alles heimlich. Es kann aber sein, dass der ein oder andere davon wusste und es nicht meldete. Immerhin bekamen wir ein paar wertvolle Hinweise von jüdischen Mitarbeitern aus dem Geheimdienst.

Wie gingen Sie und Ihre Kameraden bei den Verhaftungen vor?
Nachdem wir Name, Adresse und Vergehen des jeweiligen Nazi erhalten hatten, setzten wir die Anklageschrift auf. Mit dem Auto fuhren wir dann bei dem Angeklagten vor. Den Davidstern an unserer Uniform hatten wir natürlich zuvor entfernt. Dann sagten wir dem Mann, dass er zum Verhör abgeholt wird. Nachdem wir gemeinsam im Auto saßen, überwältigten wir ihn und gaben uns als Juden zu erkennen. Anschließend fuhren wir in den Wald und begannen mit der Verhandlung.

Was geschah dort?
Wir begannen immer mit Fragen zu Identität und Biografie des Täters. Dann verlasen wir die Anklageschrift und gaben dem Täter die Möglichkeit, sich dazu zu äußern. Alles in allem dauerten die Verhöre nie länger als eine halbe Stunde. Bis auf eine Ausnahme endeten alle mit der Todesstrafe.

Wie haben die Nazis reagiert, als sie mit ihren Taten konfrontiert wurden?
Sie waren alle verblüfft und geschockt, wie genau wir über ihre Morde Bescheid wussten. Von den Erschossenen hat nicht ein Einziger geleugnet. Unterschiede gab es nur in der Reaktion auf das Todesurteil. Einer hat gejammert und um Nachsicht gefleht. Ein anderer wollte unser Mitleid und meinte, wir müssten ihn seiner Kinder wegen verschonen. Alle anderen haben versucht, wie ein Soldat auf das Todesurteil zu reagieren. Wortlos haben sie sich ihr Grab geschaufelt. Kein Gejammer, kein Geweine, nichts.

Wie viele haben Sie insgesamt erschossen?
Drei, soweit ich mich erinnere. Ganz genau weiß ich das nicht mehr. Insgesamt war ich bei ungefähr 20 Todesstrafen dabei. Allesamt Männer, an deren Taten kein Zweifel bestand und die große Schuld auf sich geladen hatten.

Hatten Sie im Nachhinein jemals Schuldgefühle wegen dieser Tötungen?
Nicht einen Moment. Im Gegenteil, ich bin noch heute stolz darauf. Es war damals das einzig Richtige, was ich tun konnte. Die Schuld der SS‐ und Gestapo‐Männer war eindeutig. Sie hatten unseren Leuten unvorstellbare Dinge angetan. Sie verdienten den Tod. In meinen Augen hatten sie ihr Recht zu leben verwirkt.

Welche Rolle spielte für Sie Rache?
Ich war zu 100 Prozent darauf aus. Die Nazis haben Millionen Juden misshandelt, gedemütigt, geschlagen, erschossen und vergast. Meine Mutter zum Beispiel wurde nach Riga deportiert und in irgendeinem gottverdammten Wald erschossen. Dafür habe ich mich gerächt. Irgendjemand musste die Täter ja bestrafen. Und angesichts dessen, wie SS und Gestapo ihre Feinde behandelt hatten, war unser Strafmaß noch großzügig: Peng – Schluss, aus, vorbei.

Das Gespräch führte Philipp Peyman Engel.

Chaim Miller wurde 1921 als Alfred Müller in Wien geboren. Mit 17 Jahren floh er vor Hitler nach Palästina. Dort trat er der jüdischen Untergrundarmee Hagana bei und bereitete sich mit seiner Einheit auf den Kampf gegen Generalfeldmarschall Erwin Rommel vor, der Richtung Palästina vorrückte. Nachdem Rommels Truppen im Oktober 1942 von den Alliierten zurückgedrängt wurden, wurde Miller Teil der »jüdischen Brigade« innerhalb der britischen Armee. Als »Special Agent Chaim Miller« kehrte er im Mai 1945 nach Europa zurück, machte mit seinen jüdischen Kameraden heimlich NS‐Verbrecher ausfindig und erschoss sie. Nachdem sein Rachefeldzug nach wenigen Monaten aufflog, wurde er straffrei nach Holland versetzt. 1946 kehrte er nach Palästina zurück. Seitdem lebt und arbeitet Miller als Schlosser im Kibbuz Kfar Menachem.

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