Interview

»Ich habe Frieden mit Deutschland geschlossen«

Lea Fleischmann über ihr Leben in Israel, ihr Verhältnis zu Deutschland und jüdisch-christliche Schulprojekte

von Andrea Krogmann  14.01.2019 17:10 Uhr

Autorin Lea Fleischmann Foto: privat

Lea Fleischmann über ihr Leben in Israel, ihr Verhältnis zu Deutschland und jüdisch-christliche Schulprojekte

von Andrea Krogmann  14.01.2019 17:10 Uhr

Frau Fleischmann, vor 40 Jahren haben Sie Deutschland verlassen. Wie nehmen Sie das Land heute wahr?
Ich erlebe keinen Alltag mehr in Deutschland, etwa Kontakte mit Behörden oder Nachbarn. Was mir aber im Vergleich zu früher auffällt: Die kulturelle Vielfalt ist größer. In vielen Großstädten gibt es heute mehr Muslime. Und: Alles ist luxuriöser geworden. In jeder Stadt gibt es Einkaufszonen. Als ich auswanderte, gab es keine verkaufsoffenen Sonntage. Heute hat die Wirtschaft immer mehr Bereiche besetzt. Der Sonntag hat sich vom Feiertag zum Freizeittag entwickelt.

Sehen Sie in Deutschland einen wachsenden Antisemitismus?
Dazu kann ich wenig sagen, denn ich lebe nicht mehr in Deutschland. Früher habe ich viele Vorträge in Deutschland gehalten; heute halte ich nur noch Vorträge vor deutschen Reisegruppen, die nach Jerusalem kommen.

Aber nach dem zu urteilen, was sie lesen und hören: Beunruhigt Sie die Stimmung in Deutschland?
Deutschland ist nicht mein Land, ich habe meinen Pass abgegeben. Wenn ich nach Deutschland komme, dann wie eine Touristin, die das Land gut kennt und die Sprache spricht, aber nicht mehr dort lebt.

Gibt es trotzdem noch eine Bindung zu Deutschland, die Sie ja in Ihrer Arbeit pflegen?
Ursprünglich war ich Studienrätin im hessischen Schuldienst und lehrte Pädagogik und Psychologie. Da in diesen Fächern die Sprache das Werkzeug ist und ich kein Hebräisch sprach, habe ich mich erst in Israel zu einer deutschsprachigen Schriftstellerin entwickelt. Ich gehörte zur 68er-Generation, und als Atheistin hat für mich in Deutschland Religion keine Rolle gespielt. Erst in Jerusalem habe ich die religiösen Werte des Judentums kennengelernt, aber vermitteln kann ich nur in der deutschen Sprache. In Jerusalem habe ich Frieden mit Deutschland und mir selbst geschlossen. Mein Beruf ist für mich zur Berufung geworden.

Was ist dieses Neue, das Sie nach Deutschland vermitteln wollen?
In Israel bin ich auf die Tora gestoßen, und es hat sich mir eine reiche und faszinierende Welt eröffnet. Mit meiner Buchreihe Das Judentum für Nichtjuden verständlich gemacht gebe ich Nichtjuden einen Einblick in das Judentum und damit in die christliche Wurzel. Denn wie kann man Christ sein, ohne die jüdischen Wurzeln zu kennen?

Sie richten sich nicht nur in Büchern an interessierte Leser, sondern engagieren sich auch in jüdisch-christlichen Schulprojekten.
Bei meinen Lesereisen wurde ich immer wieder von Lehrern um Schulbesuche angefragt. Daraus habe ich gezielt Projekte für Schüler sowie für die Lehrerfortbildung konzipiert. Anknüpfungspunkt ist dabei die Thematik Schabbat – Sonntag – Ruhetag. Unterstützt wird unsere Arbeit durch den gemeinnützigen Verein zur Förderung des interreligiösen Dialogs an Bildungseinrichtungen.

Das Erleben des Schabbats in Jerusalem hat Sie nach ihrer Auswanderung sehr geprägt ...
... ja, es hat mich bei meinen Besuchen im streng religiösen Stadtviertel Mea Schearim fasziniert, wie in einer Metropole freiwillig Menschen am Schabbat aufs Autofahren verzichten. Einen Tag in der Woche gibt es ein Aufatmen, Kinderlachen statt Autolärm. Da begann ich, über die Bedeutung der Schabbatruhe nachzudenken.

Die Sie wie beschreiben würden?
Es ist der Tag, an dem die Schöpfung nicht angetastet werden darf. Ihn einzuhalten, ist eines der Zehn Gebote. Darin liegt ein wichtiger ökologischer Grundgedanke: Die Natur hat ihr eigenes Recht. Soweit es uns Menschen möglich ist, müssen wir uns zurückziehen und sie in Ruhe lassen. Das hat mich so fasziniert, dass ich darüber ein Buch mit dem Titel Schabbat geschrieben habe. Es stieß auf großes Interesse in Deutschland. Menschen suchen also nach Inspiration, wie sie vom Schabbat etwas für ihren eigenen Ruhetag lernen können.

Das Interview mit der Schriftstellerin führte Andrea Krogmann.

Fußball

Israel kommt bei der FIFA nicht vor

Auf der offiziellen Website des Verbands fand sich nur ein Hinweis auf die »besetzten palästinensischen Gebiete«

 11.08.2022

Konflikt

Wird der russische Ableger der Jewish Agency zerschlagen?

Schon kommende Woche könnte ein Moskauer Gericht die Aktivitäten der israelischen Organisation verbieten

 11.08.2022

Nachrichten

Unterricht, Oper, Sprinter

Kurzmeldungen aus Israel

 11.08.2022

Terror

Drei Tage Krieg

Mehr als 1000 Raketen aus dem Gazastreifen. Am Sonntagabend trat eine Waffenruhe in Kraft

von Mareike Enghusen  11.08.2022

Analyse

Notwendiger Präventivschlag

Wie Militär- und Strategieexperten die Aktion »Morgengrauen« bewerten

von Michael Thaidigsmann  11.08.2022

Ben & Jerry’s

»Ich würde als Sorte ›Judäa und Samaria‹ bevorzugen«

Erstaunliche Entwicklung im Streit um Boykott israelischer Siedlungen

von Michael Thaidigsmann  10.08.2022

Belastete Beziehungen

Putin telefoniert mit Israels Präsident Herzog

Die beiden Staatschefs sprachen unter anderem über die Zukunft der Jewish Agency in Russland

 09.08.2022

Lapid an Palästinenser

»Es gibt auch einen anderen Weg«

In einer Fernsehansprache wendet sich Israels Ministerpräsident erstmals direkt an die Bevölkerung des Gazastreifens

von Michael Thaidigsmann  09.08.2022

Tel Aviv

Zwischen Strand und Schutzbunker

Ein mulmiger Kurztrip nach Tel Aviv

von Ilanit Spinner  09.08.2022