»FuckUp Nights«

Hinfallen und aufstehen

Brian Blum hat ein Buch über die Pleite von »Better Place« geschrieben. Foto: TPS

Es mal so richtig in den Sand setzen. Völlig daneben liegen und Mist bauen. Es versauen, vermasseln, verpfuschen, verbocken. Fehler und Scheitern liegen in der Natur des Menschen. Es passiert ständig und überall. In Tel Aviv wird dieser Umstand regelmäßig gefeiert. Insolvenzen, verpfuschte Datensätze, miese Fehltritte, mehrfache Absagen: Bei den »FuckUp Nights« erzählen hochrangige Offiziere, Universitätsprofessoren, Unternehmer oder Filmemacher vom Scheitern und dem Neubeginn danach.

Gegründet 2012 in Mexiko, reist die Initiative durch die Metropolen der Welt. Immer sehe man nur wunderbare Urlaubsbilder und höre Geschichten von den schönen Kindern, Ausflügen, Beförderungen und Erfolgen. Das werde langweilig, heißt es auf der Internetseite.

Traumfrau Im heiligen Land sind die FuckUp Nights besonders beliebt und immer ausverkauft. Bereits 20-mal teilten hier Menschen mit dem Publikum ihre größten Fehlgriffe. In der bis dato letzten Ausgabe erzählte kürzlich der Autor Brian Blum, ein Wirtschaftsjournalist, über das größte Schlamassel unter israelischen Start-ups. Bei der Insolvenz des Unternehmens »Better Place«, das Ladestationen für elektrische Fahrzeuge überall im Land installieren wollte, gingen schließlich ganze 850 Millionen Dollar den Bach hinunter.

Der Stand-up-Comedian Yohay Sponder erinnerte sich daran, wie er das erste Date mit seiner potenziellen Traumfrau mit Karacho gegen die Wand fuhr, indem er unwissentlich ihre Familie beleidigte – und sie danach auch noch auf Facebook stalkte. »So mache ich’s nie wieder«, schloss er.

Und der IDF-Pilot Ilan Regenbaum berichtete von seinem gescheiterten Versuch, eine Firma für personalisierte Brillen zu gründen – bei dem jedes einzelne Paket in Scherben bei den Kunden ankam. Er habe sich für den falschen Lieferanten, die falsche Verpackung, das falsche Material entschieden. Alles falsch, aber sei’s drum. »Scheitern hat mit Ehrlichkeit zu tun«, findet Ilan. »Wenn du nie vorher gescheitert bist, wie kannst du dich dann über Erfolg freuen?« Mittlerweile ist Ilan Leiter für Innovation bei der israelischen Luftwaffe. Er hat drei Firmen gegründet, von denen nur eine überlebt hat.

Risiko Israelis scheinen ein natürliches Verständnis für die menschliche Fehlbarkeit zu besitzen. »Wir haben eine Kultur des Scheiterns. Wir betrachten es nicht als Minuspunkt, sondern als Möglichkeit, aus den Fehlern zu lernen«, sagt Adi Barel, Direktorin für wirtschaftliche Entwicklung des Großraums Tel Aviv. »Wenn ich eine Anfrage erhalte und sehe, dass zwei Start-ups des Absenders pleitege­gangen sind, sehe ich das nicht sofort als Ausschlusskriterium. Denn er ist augenscheinlich immer noch am Ball, er ist hartnäckig.«

Adi Barel reist regelmäßig zu Thinktanks nach Berlin. Die israelische Unternehmerin soll deutschen Gründern näm­lich den Schlüssel zum Erfolg der israelischen Start-up-Szene liefern. Denn weshalb gibt es in einem Land, in dem alles »Risiko!« schreit, die höchste Dichte an Neugründungen weltweit? Und warum lautet das gängige Mantra im Silicon Wadi »Fail fast, fail often«?

Angst Laut einer Studie der Universität Toronto scheinen Deutsche schlichtweg zu große Angst vor eigenen Fehlern zu haben. Im internationalen Vergleich schneidet die Bundesrepublik im Umgang mit dem Scheitern besonders schlecht ab. Ganz im Gegensatz zu Nordamerika. Dort zähle die Bereitschaft zu Innovationen zu den wichtigsten Zielen einer Ausbildung.

Aber kann man das Scheitern lernen? Eli Talshmu glaubt, ja. Der Sprecher bei den Tel Aviver FuckUp Nights im Dezember und Direktor für Marketing bei LinkedIn Israel ging das eigene Scheitern strategisch an. »Statt eine Party zu machen, lud ich zu meinem 33. Geburtstag meine zehn engsten Freunde und die Familie ein und bat sie, mir einen Tag zu schenken, um mit mir darüber zu sprechen, warum ich in so vielen Dingen gescheitert bin und was ich daraus lerne.«

Er habe gemeinsam mit ihnen dadurch seine Stärken und Schwächen ausgelotet und erkannt, dass er im Hamsterrad des Betriebs nicht auf Dauer mitmachen kann. Und dass er seinem Perfektionismus Adieu sagen muss. Entstanden ist aus diesem Tag die Idee für »Hackmethon«, eine neue Art des Coaching für den Einzelnen oder das Unternehmen. »Acht Stunden Strategie und Einsichten. Relaunch your life«, sagt Tal und ist glücklich mit seiner neuen Aufgabe.

Einsicht Ein Kurswechsel – das sei in der Tat die wichtigste Einsicht, die einem ein ordentlicher Fehler manchmal einbringen könne, bestätigt auch Brian Blum. »Wenn man sich mal so richtig in die Nesseln gesetzt hat, merkt man, dass etwas ganz und gar nicht stimmt«, glaubt der Journalist. Bis dahin habe man vielleicht die Augen verschließen können und einfach so weitergemacht wie bisher.

»Wir Menschen wählen meist den Weg des geringsten Widerstands. Scheitern bringt uns hingegen dazu, den Kurs zu ändern und mutig in eine neue Richtung zu steuern.« Auf dass uns der Fauxpas im neuen Licht erscheint und wir erhobenen Hauptes auch mal einen ordentlichen Griff ins Klo riskieren.

Shelly Meyer

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