Amnon Weinstein

Geigen gegen das Vergessen

Amnon Weinstein (21.7.1939–4.3.2024) Foto: dpa

Wir werden nicht still sein», zitiert Amnon Weinstein einen Liedvers. Der bekannte israelische Geigenbauer ist derzeit in Dresden zu Gast. Im Gepäck hat er 16 Geigen, die in NS-Konzentrationslagern von Juden gespielt wurden – meist unter Zwang. Weinstein hat die besonderen Instrumente restauriert und lässt sie seit fast 20 Jahren wieder öffentlich erklingen – zur Erinnerung und Mahnung. Die Musik soll Hoffnung geben.

«Ich musste die Violinen wieder zum Klingen bringen – auch als Zeichen gegen das Vergessen», sagt Weinstein. Mit seinem ungewöhnlichen Projekt «Violins of Hope» («Violinen der Hoffnung») tourt der Sohn des jüdischen Geigenbauers Moshe Weinstein, der 1938 aus Polen nach Palästina emigriert war, um die Welt. Die Initialzündung dafür kam aus Dresden.

DAVIDSTERN Angefangen hatte alles in den 80er-Jahren mit einem neugierigen Blick in den Schrank seines Vaters. Amnon Weinstein fand darin eingelagerte verstaubte Instrumente. Ihm fielen edle Gravuren auf, darunter ein Davidstern. Wie er herausfand, wurden die Instrumente in den NS-Vernichtungslagern gespielt, ihre Besitzer waren interniert.

Jüdische Musiker wurden vom NS-Regime gezwungen, in den Konzentrationslagern zu musizieren. Sie spielten neben den Gaskammern, bei der Ankunft neuer Insassen oder auf den Feiern der SS-Leute. Allein in Auschwitz hat es acht Orchester gegeben, darunter ein Mädchenorchester.

«Das Orchester hatte zu spielen, auch als die Toten gebracht wurden», sagt Weinstein. Viele von den Musikern, die die Grausamkeiten der Schoa überlebten, hätten nie wieder ein Instrument in die Hand nehmen können. Einige Geigen gelangten in die Werkstatt von Moshe Weinstein, der sie aufbewahrte. Mehr konnte er nicht tun. Zu groß war sein eigener Schmerz über den Verlust der Familie. Schließlich aber fing sein Sohn an, sie zu restaurieren.

GESCHICHTEN Der sächsische Bogenbauer Daniel Schmidt lernte die Instrumente Mitte der 90er-Jahre kennen, als er sich in der Werkstatt Weinsteins in Tel Aviv ausbilden ließ. Schmidt inspirierte Amnon Weinstein, sich intensiv mit der Herkunft der Geigen zu beschäftigen. Später ermunterte er seinen Meister, die tragischen Geschichten zu den Instrumenten einem breiten Publikum bekannt zu machen.

Bei einem Treffen von Geigenbauern und Bogenmachern 1999 in Dresden wurde das Projekt von Schmidt und Weinstein schließlich aus der Taufe gehoben. Nun kehrt es an den Ort der Entstehung zurück. Am Donnerstag erklingen die «Violinen der Hoffnung» in der Landeshauptstadt in einem Gedenkkonzert zum 80. Jahrestag der Pogromnacht.

Der Konzertmeister der Dresdner Philharmonie, Wolfgang Hentrich, hat es zusammengestellt. Zusammen mit anderen Musikern wird er die «Geigen der Hoffnung» spielen. In der jüdischen Gemeinde Dresden brachte er bereits am Dienstagabend einige der Instrumente zum Klingen – «mit Gedanken an den Menschen, der diese Geige gespielt hat oder spielen musste», wie er sagt.

KULTUR Hentrich war in den vergangenen Tagen auch in Dresdner Schulen unterwegs, um das Projekt mit Weinstein und seinem Sohn Avshalom vorzustellen. Auch der junge Weinstein ist Geigenbauer, in Istanbul. Er unterstützt das Projekt seines Vaters. Die Geige gehört zum Kern jüdischer Kultur. In den NS-Lagern habe sie Besitzern geholfen zu überleben – wenn auch bei Weitem nicht allen, sagt Avshalom Weinstein.

Rund 70 Instrumente gehören inzwischen zur Sammlung «Geigen der Hoffnung». Meist hatten sie jüdische Besitzer – professionelle Musiker wie Hobbymusiker. Fast alle Violinen hat Weinstein repariert. Nur zwei habe er exemplarisch im desolaten Zustand gelassen, sagt er.

Mit dem Projekt war Weinstein unter anderem in Jerusalem, Paris, Madrid, Cleveland und Berlin zu Gast. Er sagt, die Erinnerung habe sich zwar nicht in den Korpus der Violinen eingeschrieben, aber die Musiker spielten dennoch anders auf ihnen – «irgendwie intensiver».

 

Nir Oz

Herzog: Sorgen der Bewohner an der Gaza-Grenze dürfen nicht unterschätzt werden

»Der Staat Israel ist hier, beobachtet, ist wachsam und verteidigt«, sagt der Präsident in einem der Kibbuzim, die am 7. Oktober 2023 attackiert wurden

 26.08.2026

Kommentar

Die verlorene Mitte

Beim Betrachten des Wahlkampfs zu den Landtagswahlen im Herbst muss man feststellen: Judenhass ist in Deutschland längst kein Ausschlusskriterium mehr für die Parteien der sogenannten politischen Mitte

von Benjamin Graumann  26.08.2026

Krieg

Trump droht Iran mit Zerstörung von Minenbooten und -schiffen

Immer wieder droht der US-Präsident mit der Zerstörung des Irans. Einen Tag nach Äußerungen zu neuen Sanktionen gegen das Land holt Trump wieder aus

 25.08.2026

Glauben

Trotz Krieg: 45.000 Chassidim pilgern nach Uman

Für die Reise zum Grab von Rabbi Nachman werden Hunderte Flüge über sechs Nachbarländer organisiert – Israel schickt Polizisten und Diplomaten

von Sabine Brandes  25.08.2026

Westjordanland

Knesset-Abgeordneter zerstört palästinensisches »Märtyrer«-Denkmal

Zvi Sukkot fuhr unter Armeeschutz nach Madama. Die IDF wirft dem Abgeordneten vor, sie getäuscht zu haben

 25.08.2026

Jerusalem

Iran soll Anschlag auf Netanjahu-Sohn geplant haben

Für Yair und Avner Netanjahu soll mit dem Inlandsgeheimdienst Shin Bet vereinbart worden sein, dass ihr Schutz auch nach einem möglichen Machtwechsel bestehen bleibt

 25.08.2026

Westjordanland

Siedlergewalt könnte Terrorwelle auslösen, fürchtet Armee

Die Gewalt durch radikale israelische Siedler hat in den vergangenen Monaten deutlich zugenommen

 25.08.2026

Nahost

Drogen in humanitärer Hilfe für Gaza entdeckt

Mitarbeiter von World Central Kitchen fanden sechs Bündel Haschisch in Verpackungen für Dosenpaprika

 25.08.2026

Tel Aviv

Angehörige von Opfern des 7. Oktober warnen vor Hamas: »Die Warnsignale sind wieder da«

Der Oktober-Rat warnt vor dem weiterhin vorhandenen Waffenarsenal der Hamas, ungewöhnliche Aktivitäten und Grenzübertritte von Hamas-Mitgliedern

 25.08.2026