Israel

»Geht wählen!«

Foto: Flash 90

Um zwölf Uhr mittags war die Wahlbeteiligung so hoch wie seit 30 Jahren nicht. Sie lag mit 26,8 Prozent zwei Prozentpunkte über der vom April dieses Jahres. Das berichtete das Wahlkomitee dem Präsidenten Reuven Rivlin, der zu Besuch gekommen war. Von der vielfach vorausgesagten Politikmüdigkeit der Israelis war zumindest am Vormittag nicht viel zu spüren.

Die Parteien jedoch wollen sich nicht auf der höheren Wahlbeteiligung ausruhen. Ohne Unterlass fordern sie potenzielle Wähler auf, an die Urnen zu gehen. Ausnahmsweise herrscht beim Aufruf der Parteien Einheit: »Geht wählen!«, tönt es von allen Seiten.

HÜRDEN Besonders die kleineren Parteien und Bündnisse, darunter die Demokratische Union von Ehud Barak und Nitzan Horowitz (Meretz), Arbeitspartei-Gescher sowie die rechtsradikale Otzma Jehudit versuchen alles, um noch die letzten Unmotivierten auf den Weg zu bringen. Sie alle könnten die Einzugshürde von 3,25 Prozent verpassen.

Von der vielfach vorausgesagten Politikmüdigkeit war zumindest am Vormittag nicht viel zu spüren.

»Die Gefahr für das Demokratische Lager ist real«, schreibt Ehud Barak per SMS. »Wenn wir nicht in der Knesset sein werden, wird Netanjahu mehr als 61 Sitze bekommen. Sie müssen rausgehen und die Stimme abgeben.«

Meretz macht darauf aufmerksam, dass die Wahlbeteiligung im Zentrum niedrig sei. »Wir aber sind die einzigen, die Netanjahu schlagen können. Und das hängt nur von euch ab.«

KAMERAS Die Politiker selbst waren oft die ersten in den Wahllokalen. Gemeinsam mit ihren Ehepartnern oder Kindern posierten sie für die Kameras. Denn wie das Wahlkomitee bekanntgegeben hatte, ist es ihnen erlaubt, für die Journalisten »Cheese« zu sagen. Einige Tage zuvor hatte es einen Eklat gegeben, weil die Regierungspartei Wahlbeobachter der Parteien mit Kameras zulassen wollte. Der Vorschlag wurde jedoch abgelehnt.

Premier Benjamin Netanjahu steckte gemeinsam mit seiner Frau Sara in Jerusalem den Wahlzettel in die Urne. Nachdem er sich zum Fotografieren positioniert hatte, sprach er zu seinen Landsleuten: »Ich rufe alle Bürger Israels auf, zur Wahl zu kommen, so wie wir es hier und jetzt getan haben.« Angeblich sei es ein »Notfall«, weil so viele »Linke und Araber an die Urnen strömen«, ließ der Likud dazu verlauten.

Auch Benny Gantz will, dass die Menschen zur Stimmabgabe kommen.

Ein Interview, das Netanjahu später dem Radiosender Galei Zahal gab, verstößt gegen Paragraf 129 des Wahlrechts. Der Vorsitzende des zentralen Wahlkomitees, Richter am Obersten Gerichtshof Hanan Melcer, rügte den Ministerpräsidenten zudem, noch am Montag aktuelle Umfrageergebnisse veröffentlicht zu haben. Die letzten Bekanntgaben sind drei Tage vor den Wahlen erlaubt.

YAMINA Um Stimmen geht es auch für das Rechtsaußen-Bündnis Yamina. Deren Vorsitzende Ayelet Shaked wetterte im Wahllokal: »Wir befinden uns im Krieg.« Damit bezog sie sich auf eine Aussage des Regierungschefs, der kurz zuvor öffentlich dazu aufgerufen hatte, »die Stimmen nicht an Shaked und Bennett zu verschwenden«.

Auch Benny Gantz will, dass die Menschen zur Stimmabgabe kommen. »Wir verlieren«, tönte er gegen Mittag. Denn die Rechtswähler würden in Massen auflaufen. Obwohl er zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht wissen konnte, wie das Ergebnis aussehen wird, will er auf diese Weise Zentrums- und Linkswähler auf den Plan rufen.

Das zentrale Wahlkomitee hat 3000 Wahlüberwacher im ganzen Land stationiert, die mit Kameras am Körper ausgestattet sind, um Unregelmäßigkeiten zu dokumentieren und für maximale Transparenz zu sorgen. Diese neue Maßnahme wird für erhebliche Verzögerungen bei der Bekanntgabe des Endergebnisses sorgen, das dadurch wahrscheinlich nicht vor Mittwochmittag veröffentlicht wird.

Knesset

Wahltag mit Fragezeichen

Der 20. Oktober gilt als Favorit für Israels nächste Parlamentswahl. Doch Streit in der Koalition und offene Gesetzesvorhaben könnten den Zeitplan noch verändern

von Sabine Brandes  25.06.2026

Nachruf

Jom-Kippur-Veteran Simcha Applebaum gestorben

Der Holocaust-Überlebende, Reservisten-Oberst und Mitbegründer des Kibbuz Netzer Sereni wurde 99 Jahre alt

 25.06.2026

Humanitäre Hilfe

Mehr als 10.000 Tote in Venezuela erwartet

Die Hilfsorganisation IsraAID macht sich auf den Weg in das lateinamerikanische Land nach den zwei verheerenden Erdbeben vom Mittwochabend

von Sabine Brandes  25.06.2026

Gesellschaft

Erste Hilfe für Plüsch und Seele

Im Norden Israels wurden Kuscheltiere zu Patienten – und Kinder finden zwischen Unsicherheit und Alltag ein Stück Geborgenheit

von Sabine Brandes  25.06.2026

Wettbewerb

Borat und der König vom KitKat

Am Strand von Tel Aviv versammelten sich Doppelgänger des Schauspielers Sacha Baron Cohen

von Sabine Brandes  25.06.2026

Jerusalem

Katz: IDF bleibt im Südlibanon – auch bei möglichem Druck aus Washington

»Die IDF sind vorbereitet … und wir ziehen uns nicht zurück«, sagt der israelische Verteidigungsminister

 25.06.2026

Nachrichten

Erfrischung, Iran, Design

Kurzmeldungen aus Israel

von Sabine Brandes  24.06.2026

Meinung

Wie Israel zum Juden unter den Staaten gemacht wird

Antisemitismus zeichnet sich dadurch aus, dass er keine empirischen Grundlagen braucht, um zu existieren - weder in der UN noch anderswo

von Jacques Abramowicz  24.06.2026

Nachruf

Der Mann, der die Farben bewegte

Yaacov Agam, Israels wohl berühmtester Künstler, ist im Alter von 98 Jahren gestorben. Bekannt wurde der Pionier der kinetischen Kunst vor allem durch seinen Brunnen auf dem Dizengoff-Platz in Tel Aviv

von Sabine Brandes  24.06.2026