Der frühere Soldat Matan Angrest in der Investigativsendung »Uvda« des israelischen Fernsehsenders Kanal 12 erstmals ausführlich über seine Erlebnisse am 7. Oktober und die Zeit als Geisel der palästinensischen Terrororganisation Hamas gesprochen. 738 Tage war er gefangen gehalten worden, ehe er im Oktober 2025 freikam.
Angrest war Mitglied einer vierköpfigen Panzerbesatzung, die am Morgen des Angriffs nahe dem Stützpunkt Nahal Oz im Einsatz war. Von seiner Einheit überlebte nur er. Seine Kameraden – der Kommandant Daniel Peretz, der Richtschütze Itay Chen und der Ladeschütze Tomer Leibovitz – kamen im Gefecht ums Leben.
Der Soldat erinnert sich an die ersten Minuten jenes Morgens. Als er ausrückte, habe er zunächst ein ziviles Fahrzeug mit ungewöhnlichem Kennzeichen gesehen. Kurz darauf fielen Schüsse. »Plötzlich hörst du Feuerstöße und fragst dich: Sind sie ins Land eingedrungen?«, schildert er.
»Ist jemand verletzt?«
Die Besatzung habe versucht, vorrückende Angreifer aufzuhalten und sich mehrfach neu positioniert. Über Funk habe ihr Kommandant eine eindringliche Warnung ausgesprochen: »Unsere Aufgabe ist, dass es hier kein Entführungsereignis gibt.« Angrest sagt heute: »Ich weiß nicht, wie er die Zukunft vorhersehen konnte. Ein Entführungsereignis?«
Als sich eine größere Gruppe bewaffneter Terroristen näherte, stand die Crew vor einer folgenschweren Entscheidung: aus sicherer Distanz feuern – oder in unmittelbare Gefechtsnähe fahren und ein hohes Risiko eingehen. »In diesem Moment verstehen wir als Team: Entweder wir oder sie«, berichtet Angrest dem Sender. Wenig später wurde der Panzer getroffen. Auf den letzten aufgezeichneten Funkmitschnitten ist zu hören: »Ist jemand verletzt? Peretz! Peretz! Peretz!«
Angrest erwachte nach eigenen Angaben schwer verletzt in Gaza. »Ich konnte die Augen kaum öffnen, meine Hand war verbrannt«, sagt er. Acht Männer hätten ihn verhört. Schnell sei seinen Entführern klar geworden, dass sie einen Soldaten in ihrer Gewalt hatten, der in einem besonders ausgestatteten Panzer gedient hatte.
Elektroschocks und stundenlange Befragungen
»Bei den wirklich harten Verhören gab es Dinge, die gehören in die Kategorie ›Stirb und erzähle nicht‹«, sagt Angrest. Er berichtet von Elektroschocks und stundenlangen Befragungen. Immer wieder hätten ihn die Vernehmer nach technischen Details gefragt – etwa nach Waffensystemen oder den Fähigkeiten einzelner Besatzungsmitglieder. »Sie wollten wissen, ob auch der Fahrer tötet, ob er eine eigene Waffe hat. Ich habe gesagt: ›Der Fahrer ist wie ein Autofahrer, kein Unterschied.‹«
Über Wochen sei er isoliert gewesen, teils oberirdisch, teils in unterirdischen Räumen. Eine der längsten Befragungen habe acht Stunden am Stück gedauert. »Wenn sie noch mehr über mich herausfinden, ist das mein Ende«, habe er einem Mitgefangenen anvertraut.
Erst Monate später erfuhr Angrest vom Tod seiner drei Kameraden. »Du verstehst, dass es vorbei ist«, sagt er. Er habe sich zurückgezogen und nur noch an die gemeinsame Zeit gedacht.
Überraschende Freilassung
Zeitweise traf er auf andere israelische Geiseln. Doch immer wieder sei er von ihnen getrennt und erneut verhört worden. Die Elektroschocks seien eine »Trauma, das mich begleiten wird«.
Seine Freilassung kam nach eigenen Worten ohne Vorwarnung. Mit verbundenen Augen sei er gemeinsam mit anderen Geiseln an einen Ort gebracht worden. Dann habe ein ranghoher Vertreter der Entführer auf vier von ihnen gezeigt und gesagt: »Ihr vier – ihr geht morgen raus.«
Seit seiner Rückkehr ringt Angrest mit den Folgen der Gefangenschaft. »Alle denken, der Kampf ist vorbei und man kehrt ins normale Leben zurück. Es geht von null auf hundert – aber irgendwo auch von hundert auf null. Die Narbe bleibt immer«, so Angrest gegenüber Kanal 12.
Für seine weitere Rehabilitation wurde eine Spendenkampagne gestartet. Angrest steht nach eigenen Angaben erst am Anfang eines langen Weges zurück in den Alltag. im