Wirtschaft

Es reicht nicht zum Leben

Wie vor zehn Jahren: Protestaktion auf dem Rothschild-Boulevard in Tel Aviv Anfang Oktober Foto: Flash 90

In Israel gibt es einen Witz: »Ich fliege kurz in die Schweiz.« Übersetzt heißt er, dass jemand in den Supermarkt geht. Doch dort angekommen, bleibt vielen das Lachen im Halse stecken. Denn umgerechnet knapp acht Euro für eine Packung Fischstäbchen und zehn Euro für acht Rollen Toilettenpapier findet niemand lustig.

Tel Aviv wurde vergangene Woche vom britischen »Economist«-Magazin zur teuersten Stadt der Welt gekürt. Es ist kein Titel, auf den die Metropole am Mittelmeer stolz sein könnte. Bürgermeister Ron Huldai ist es nicht. Stattdessen sorgt er sich, dass seine Stadt »kurz vor der Explosion steht«. »Tel Aviv wird immer teurer, so wie das ganze Land teurer wird«, sagt der Mann, der die Geschicke der Stadt seit 20 Jahren lenkt.

kluft »Nur wenn der Staat es schafft, die Preise zu senken, werden sie auch hier sinken. Wenn nicht, vergrößert sich die Kluft in der Gesellschaft weiter. Grundlegendes Problem ist, dass es in Israel keine alternative Metropole gibt. Auch wenn auf einen Schlag 20.000 Wohnungen in Tel Aviv vermarktet würden, macht es keinen Unterschied. Ausschlaggebend ist die Gesamtzahl im Land«, sagt Huldai.

Wie Huldai bestätigt, ist es nicht nur Tel Aviv, das den Israelis das Geld aus der Tasche zieht. Der Einkaufswagen ist fast leer, das Portemonnaie auch – das kennt jeder im Land. Galit Moran ist mit ihrer Familie aus dem Zentrum in die Peripherie gezogen, »um sich etwas leisten zu können«. Das Reihenhaus in Pardes Chana kauften sie und ihr Mann mit Unterstützung der Eltern. Beide haben Hochschulabschlüsse, gehen Vollzeit arbeiten, von drei Kindern sind zwei bereits ausgezogen. »Und übrig bleibt am Monatsende nichts«, so Moran.

Sie ist frustriert. »Es sind vor allem die Lebensmittel, die unbezahlbar sind. Ich könnte mich für 200 Schekel einkleiden, im Supermarkt bekomme ich dafür nur Kleinigkeiten. Es ist Wahnsinn, dass man überlegt, ob man zwei, drei Becher Hüttenkäse kauft oder besser nicht. Es ist nicht mehr nur teuer, es ist Diebstahl.«

hüttenkäse Der beliebte Hüttenkäse, in Israel »Cottage« genannt, war bereits vor zehn Jahren Stein des Anstoßes für die Israelis, auf die Straße zu gehen. Eine Viertel Million Menschen zog es im Sommer 2011 zu Demonstrationen gegen die überhöhten Lebenshaltungskosten.

Doch die Rufe sind verhallt, die Zelte der jungen Leute, die gegen die hohen Mieten protestierten, lange abgebaut. Von Besserung keine Spur. Der Cottage kostet wieder um die sechs Schekel – und gehört damit zu den günstigen Produkten im Sortiment. Die Preise für Immobilien haben sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt.

Roni Hadar hat nach Armeedienst und Uni-Abschluss ihren ersten Job: »Ich verdiene gut für eine Berufsanfängerin.« 8500 Schekel, knapp 2400 Euro, bekommt sie. Doch Hadar gibt mehr als die Hälfte davon für die Miete mit Nebenkosten in einer Zweier-WG in Tel Aviv aus. »Und von 4000 Schekeln im Monat kann man hier kaum leben.«

miete Um sich etwas dazuzuverdienen, führt Hadar am Wochenende Hunde für wohlhabende Städter aus. Doch wenn der Vermieter die Miete wieder erhöht, wird sie sich die Stadt nicht mehr leisten können. »Was ich dann mache, weiß ich nicht. Es ist ja nicht so, dass es außerhalb der Stadtgrenzen viel erschwinglicher ist.«

Der größte Teil an Grund und Boden gehört dem Staat.

Während die Preise so hoch sein mögen wie in der Schweiz, ist es das durchschnittliche Monatsgehalt der Israelis nicht. Ein Angestellter erhielt nach Angaben des staatlichen Statistikbüros Mitte 2021 monatlich 11.667 Schekel, umgerechnet derzeit 3280 Euro. Viele verdienen weniger. Denn eingerechnet sind dabei die Gutverdiener der Hightech-Branche, die im Schnitt mehr als 7000 Euro nach Hause bringen.

Bei den Lebensmitteln treiben vor allem die Beschränkung der Importe und die Protektion der wenigen Produzenten die Preise in die Höhe. Discounter für Lebensmittel existieren nicht. Finanzminister Avigdor Lieberman (Israel Beiteinu) will das Oligopol aufbrechen. Beginnen will er mit den Preisen für Eier, Obst und Gemüse. Er kündigte an, die Einfuhrbeschränkungen teilweise aufzuheben.

reform »Es ist die größte Reform, die die Landwirtschaft in drei Jahrzehnten gesehen hat«, verspricht der Minister. Sie soll einem israelischen Haushalt rund 230 Euro Ersparnis jährlich bringen. Für Menschen, die unterhalb oder nahe der Armutsgrenze leben, ist das nicht wenig. Nach Angaben der Wohltätigkeitsorganisation Meir Panim gelten eine halbe Million Familien als bedürftig.

Die von der Regierung angekündigte Reform im Wohnungsbereich indes sei nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein, kritisieren Wirtschafts- und Sozialexperten. Jerusalem plant dabei unter anderem, mehr Wohnungen zur Verfügung zu stellen.

Einer der Kritiker ist Benjamin Bental, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Haifa und Leiter des Programms für Wirtschaftspolitik am Taub Center for Social Policy Studies. »Israel hat tief verwurzelte strukturelle Probleme, wie eine schnell wachsende Bevölkerung und eine Regierung, die die Versorgung mit Bauland kontrolliert.« Das sei eine einzigartige Situation unter den entwickelten Ländern. »Und es ist die Ursache des Problems.« Der größte Teil an Grund und Boden gehört dem Staat.

inselwirtschaft Doch warum ist Israel in fast allem so extrem teuer? Einige Experten argumentieren, der Grund sei die faktische Inselwirtschaft, in der die meisten Dinge importiert werden. Doch spätestens seit dem Milky-Skandal wissen alle, dass das – wenn überhaupt – nur ein Bruchteil des Problems ist. Damals brachten Medienberichte über israelische Produkte, die im europäischen Ausland billiger verkauft werden, die Israelis auf die Straßen.

Ökonom Alex Coman von der Universität Tel Aviv erläutert, dass sich der Inlandsmarkt so entwickelt habe, »weil das Angebot nicht wettbewerbsfähig und die Nachfrage selbstgefällig ist«. Allerdings seien die Preise nicht in Stein gemeißelt und könnten sich auf Initiative der Menschen ändern. »Als die Leute herausfanden, dass heimische Waren in anderen Ländern weniger kosten als hier, demonstrierten sie, und die Preise fielen tatsächlich.«

Mit der Zeit allerdings, als die Konsumenten Ruhe gaben, gingen die Preise wieder hoch. Coman fordert die Israelis auf, gegen die exorbitanten Lebenshaltungskosten anzukämpfen und zu protestieren: »Werdet wieder wütend!«

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