Corona-Krise

»Es geht um Leben und Tod«

Polizist im ultraorthodoxen Viertel Mea Schearim in Jerusalem Foto: Flash 90

3865 Israelis sind mittlerweile mit dem Virus Covid-19 infiziert. Das gab das Gesundheitsministerium am  Sonntag an – eine Steigerung von zwölf Prozent innerhalb von 24 Stunden. Mittlerweile sind 14 Todesfälle gemeldet. 66 Patienten befinden sich in kritischem Zustand in Krankenhäusern, 89 sind gesund geworden.

Kreuzfahrtschiff Ein israelischer Tourist ist zudem in Italien an den Folgen des Virus gestorben. Der 82-jährige aus Haifa war Passagier auf einem Kreuzfahrtschiff, als er erkrankte. Er starb in einem italienischen Krankenhaus. Im palästinensischen Westjordanland sind 97 Fälle und ein Todesfall durch das Virus bestätigt. Aus dem Gazastreifen werden zwei Fälle gemeldet.

Die Regierung hatte am vergangenen Mittwoch die Regeln für die Bevölkerung noch weiter verschärft. Israelis dürfen sich ausschließlich aus essentiellen Gründen außerhalb ihrer Häuser aufhalten, etwa um Lebensmittel einzukaufen oder zur Arbeit zu fahren. Zudem dürfen sie einen Umkreis von 100 Metern nicht verlassen.

Strafzettel Derweil meldet die Polizei, dass sie in den vergangenen Tagen mehr als 1200 Strafzettel verteilt habe. Die meisten erhielten Leute, die sich nicht an die Regeln des sozialen Abstands von mindestens zwei Metern gehalten hatten oder ohne triftigen Grund auf der Straße waren. Hohe Geldstrafen müssen Geschäftsinhaber zahlen, die ihre Läden trotz Verbot geöffnet hatten. Zwei Synagogen wurden geschlossen, weil sie Gottesdienste im geschlossenen Raum durchführten.

Außerdem absolvierten Behördenvertreter rund 2000 Hausbesuche, um sicherzustellen, dass mit dem Coronavirus Infizierte die Quarantäne-Regeln nicht umgehen. In Mea Schearim in Jerusalem musste die Polizei sogar einige Personen festnehmen, die sich weigerten, den Vorgaben der Regierung zu folgen. Derzeit fliegt ein Hubschrauber Runden, um weitere Regelbrecher aufzutun und gleichzeitig abzuschrecken. Die meisten charedischen Viertel sind extrem dicht besiedelt und gelten damit als besonders gefährliche Infizierungs-Herde.

Die Trauergäste standen dicht gedrängt nebeneinander und ignorierten jegliche Anweisung der Polizei.

In der Nacht zum Sonntag hatten rund 300 Menschen an der Beerdigung des Rabbiners Tzvi Shinkar in Bnei Brak teilgenommen. Zunächst hatte die Polizei eine Begrenzung der Teilnehmer gefordert, doch die Organisatoren versprachen, dass alle einen Sicherheitsabstand voneinander einhalten würden. Tatsächlich aber standen die Trauergäste dicht gedrängt nebeineinander und ignoierten jegliche Anweisung der Polizei.

Smartphone Quellen im Gesundheitsministerium, das von dem ultraorthodoxen Minister Yaakov Litzman angeführt wird, werden immer lauter, dass die offiziellen Stellen die religiösen Israelis nicht ausreichend aufklärt. Allerdings ist das ein schwierigeres Unterfangen als beim Rest der Bevölkerung, denn die wenigsten Charedim haben ein Smartphone oder informieren sich in den säkularen Medien.

Die israelische Zeitung »Haaretz« meldete, dass die Zahlen der Infizierten in den strengreligiösen Gemeinen schneller steigen als die in hauptsächlich säkularen Orten. In den charedischen Vierteln Jerusalems hatte sich die Anzahl von Montag bis Donnerstag vervierfacht, in Bnei Brak südlich von Tel Aviv stiegen die Fälle von 30 auf 244 sogar um das Achtfache. In mehrheitlich säkularen Städten verdoppelte sich die Zahl der Infizierten im selben Zeitraum. Tel Aviv verzeichnete demnach einen Anstieg von 85 auf 191 Fälle, Aschdod von 24 auf 51.

Minjan Das geistige Oberhaupt der ultraorthodoxen Gruppe der Litauer, Rabbiner Chaim Kanievsky, rief inzwischen dazu auf, keinen Minian (einen Gottesdienst mit zehn Teilnehmern) mehr abzuhalten und stattdessen allein zu beten. »Das oberste Gebot im Judentum ist es, Leben zu retten, auch wenn es andere religiöse Gesetze verletzt«, erläuterte er.

Auch der Bürgermeister der Stadt Bnei Brak, Abraham Rubinstein, appellierte an seine Bürger: »Es gibt Momente, in denen man einfach aufhören und einen Warnruf abgeben muss. Bnei Brak ist die gefährlichste Gegend in Israel – und die Aussichten sind noch angsteinflößender. Dies ist die Zeit, um aufzuwachen. Es geht um Leben und Tod!«

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