Affäre

Ein Spion kehrt heim

Bei seiner Ankunft in Israel wurde Jonathan Pollard von Regierungschef Benjamin Netanjahu willkommen geheißen. Eine ungewöhnliche Ehre für einen ehemaligen Spion. Der hochkarätige Empfang für den einst zu lebenslänglicher Haft verurteilten Verräter von US-Staatsgeheimnissen besitzt eine eigene Logik und Symbolik. In keinem anderen Fall hatten sich mehrere Regierungschefs, speziell Premier Netanjahu, dermaßen intensiv für die Freilassung eines Verurteilten eingesetzt. Zumal Pollard in Israel überaus populär ist.

Diese Impressionen zeigen, dass die Affäre Jonathan Pollard mehr ist als eine Schuld-und-Sühne-Story. Die Biografie des geborenen Texaners, vor allem aber die historischen und politischen Begleitumstände zeichnen ein Bild der jüdisch-israelisch-amerikanischen Beziehungen, die auch einen bemerkenswerten deutschen Aspekt besitzen.

FEHLER Die Biografie Pollards war nur möglich in einem historischen Rahmen – dieser war und bleibt gültig. Es lohnt sich für Juden und Israelis, diese Tatsachen zu kennen und in Zukunft zu berücksichtigen, um sich keine Illusionen zu machen oder erneut gravierende Fehler zu begehen.

Jonathan Pollard wurde 1954 als Kind jüdischer Intellektueller in Galveston, Texas geboren. Bereits als Jugendlicher besuchte er Israel und verliebte sich in das Land. Später studierte er an der Stanford University Politische Wissenschaften. Während dieser Zeit wurden psychische Auffälligkeiten sichtbar. Pollard brüstete sich, ein hoher Mossad-Offizier zu sein. Zudem konsumierte er Drogen.

Dem Kommandeur fielen Pollards Geltungssucht und dessen Neigung zur Unwahrheit auf.

Nach seinem Studium wurde Pollards Bewerbung beim CIA abgelehnt. Unter anderem wegen seines früheren Drogenmissbrauchs. Unverdrossen versuchte er es beim Marinegeheimdienst. Hier blieb seine einstige Drogenkarriere unentdeckt. 1979 wurde er als Analytiker rekrutiert. Er war überaus engagiert.

Doch bei einem Gespräch mit Admiral Shapiro fielen dem Kommandeur Pollards Geltungssucht, dessen Neigung zur Unwahrheit und seine psychische Labilität auf. Auf Anweisung Shapiros wurde Pollard die Erlaubnis entzogen, geheime Dokumente einzusehen. Seine Karriere stagnierte. Doch mit Beharrlichkeit gelang es Pollard im Laufe der Zeit, wieder eine Lizenz für klassifiziertes Material zu erlangen. Der Marineanalytiker war erneut obenauf.

DILEMMA In Washington kontaktierte der Amerikaner den israelischen Luftwaffenoberst Aviem Sella, der sich zu einem Studienaufenthalt in den Vereinigten Staaten aufhielt. Er berichtete Sella, dass die »US-Nachrichtendienste Israels Sicherheit dadurch gefährden, dass sie dem jüdischen Staat entscheidende Informationen vorenthalten«.

Er sei aufgrund seiner Position im Marinegeheimdienst in der Lage und bereit, diese Daten Israel zur Verfügung zu stellen. Sella gab diese Offerte an seine Vorgesetzten weiter. Damit stand der Mossad vor einem Dilemma.

Einerseits befürchtete man eine Falle der amerikanischen Dienste. Zum anderen wusste man in Tel Aviv, dass Pollard prinzipiell die Wahrheit sagte. Die Vereinigten Staaten verkündeten noch vor der Errichtung Israels ihre Sympathie für das jüdische Volk.

1948 erkannten die USA als erster Staat Israel an. Ohne die Unterstützung Washingtons wären die Etablierung Israels und die Aufrechterhaltung seiner militärischen Sicherheit dauerhaft kaum machbar gewesen.

SCHOA Zugleich war Israels Politikern, Militärs und Geheimdienstlern bekannt, dass Washingtons Solidarität mit den Juden und nach 1948 mit dem jüdischen Staat enge Grenzen gesetzt waren. Sie verliefen da, wo die amerikanischen Entscheidungsträger ihre Interessen betroffen sahen. US-Präsident Franklin Delano Roosevelt beobachtete mit Sorge die zunehmende Gefährdung der europäischen Juden durch das Nazi-Regime.

Auf seine Initiative kam im Juli 1938 die Flüchtlingskonferenz von Évian zustande. Doch dort erklärte sich kein namhafter Staat bereit, verfolgte Juden aufzunehmen. Auch nicht die Vereinigten Staaten. Denn Roosevelt wollte die Antisemiten in seinem Land nicht »provozieren«.

Die untätige Hinnahme der Judenfeindschaft durch das Ausland wirkte auf das Nazi-Regime als Freifahrt-Signal. Hitler und seine willigen Mitläufer wussten, dass sie bei einer Verschärfung ihrer antijüdischen Ausschreitungen keinen internationalen Widerstand, auch nicht durch die Demokratien, zu befürchten hatten.

Nur vier Monate nach Évian brannten in Deutschland die Synagogen, jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden geplündert, Juden wurden ermordet, misshandelt, tausendfach in Konzentrationslager geworfen. Die demokratischen Staaten taten nichts dagegen. Sie nahmen auch keine verfolgten Juden auf.

Deutschland verwehrte den US-Verbündeten 1973 die Überflugrechte.

US-Präsident Roosevelt hatte 1942 definitiv Kenntnis vom systematischen Völkermord an den Juden. Jetzt wäre ihre Aufnahme eine unmittelbare Rettungstat gewesen. Roosevelt hätte den von ihm abhängigen britischen Premierminister Churchill drängen können, in Palästina die Aufnahme von Juden zu erlauben. Roosevelt tat es nicht und Churchill, der als »Judenfreund« galt und von jüdischen Geschäftsleuten unterstützt wurde, unternahm ebenfalls nichts, um den bedrohten Hebräern Asyl in Palästina zu gewähren.

STAATSGRÜNDUNG Als der Völkermord an den Juden eskalierte, flehten jüdische Vertreter die Anglo-Amerikaner an, wenigstens die Zufahrt nach Auschwitz und dort die Vernichtungsanlagen zu bombardieren, um das Tempo der Schoa zu reduzieren. Washington lehnte dies mit der zynischen Begründung ab, man würde sonst das Leben der Piloten und der Lagerhäftlinge gefährden. Doch zugleich unterstützte die US-Luftwaffe den Aufstand der polnischen Nationalisten gegen die deutsche Besatzung 1944.

Dieser Standard galt auch nach der Gründung Israels. Im Oktober 1973 griffen Syrien und Ägypten Israel konzentrisch an. Die Sowjetunion lieferte über eine Luftbrücke Waffen an die Araber. Die USA dagegen ließen das verbündete Israel zunächst hängen. So hoffte Außenminister Kissinger Jerusalem gefügiger zu machen. Erst als Israel am Rande einer Niederlage stand, entschloss sich Washington, mit Waffen zu helfen.

Da ergab sich ein unerwartetes Hindernis: Deutschland verwehrte den US-Verbündeten die Überflugrechte. Damit wurde auch der Stützpunkt Rammstein wertlos. Erst Jahrzehnte später erklärte Bundeskanzlerin Angela Merkel 2008 in der Knesset Israels Sicherheit zum deutschen Staatsinteresse; israelische Politiker würdigten die wohlmeinenden Worte. Doch damals, 1973, hatte Bundeskanzler Willy Brandt nur Monate zuvor bei seinem Besuch in Israel gegenüber seiner Genossin Golda Meir die Solidarität Deutschlands mit Jerusalem betont.

VERRAT All dies war den israelischen Entscheidungsträgern 1985 bekannt. Doch die Angst, wichtige Geheimdienstinformationen der USA nicht zu kennen, die Gier, diese Dokumente einzusehen, bewogen die Israelis, das Angebot Jonathan Pollards anzunehmen und sich illegal Erkenntnisse der Vereinigten Staaten zu beschaffen.

Der hochrangige Mossad-Agent Rafi Eitan, der bereits an der Entführung Adolf Eichmanns nach Israel mitgewirkt hatte, wurde nach Washington beordert, um Pollard optimal bei seiner Spionagearbeit zu betreuen. Der Spion arbeitete nicht umsonst. Die Israelis bezahlten ihm einen höheren Geldbetrag und ein monatliches Salär für seinen Verrat.

Die USA statuierten an Pollard ein Exempel – er wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.

Pollard beschaffte den Israelis klassifiziertes Material. Doch er tat dies dilettantisch und bot auch anderen Staaten seine Informationen an. Unter anderem wohl auch Pakistan. Nach relativ kurzer Zeit flog Pollard auf. Er gab seinen Verrat zu und suchte Asyl in der israelischen Vertretung. Der damalige Botschafter Benjamin Netanjahu musste Pollard zurückweisen. Ansonsten hätte er die wichtigen Beziehungen zu Washington gefährdet.

HAFT Die USA statuierten an Pollard ein Exempel. Er wurde zu lebenslänglicher Haft verurteilt, was noch nie einem Agenten eines Verbündeten widerfuhr. Pollard saß 30 Jahre in Haft. Die israelischen Interventionen blieben vergebens. Danach stand Pollard fünf Jahre faktisch unter Hausarrest. Seine Frau verließ ihn.

Erst jetzt, als alter Mann, durfte Pollard mit seiner krebskranken zweiten Frau nach Zion ausreisen. Dort hatte man ihn nie vergessen. Seine labile Persönlichkeit war überfordert gewesen. Den strategischen Fehler hatte die israelische Regierung begangen, als sie Pollard spionieren ließ. Doch die Israelis ließen Menschlichkeit walten und hielten dem gefallenen Sohn Zions die Treue.

Der Autor ist Historiker und Schriftsteller. Zuletzt erschien seine Familienbiografie: »Hannah und Ludwig. Heimatlos in Tel Aviv« im Verlag Langen Müller.

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