Israelischer Punk

»Edith Piaf hat allen den Stinkefinger gezeigt«

Foto: Paul Needham Foto

Yifat und Talia, vor wenigen Wochen habt ihr als »HaZeevot« auf dem »InDnegev«-Festival gespielt. Wie erinnert ihr euch an das Konzert?

Talia Ishai: Oh, dieses Festival war etwas ganz Besonderes, denn das letzte »InDnegev« sollte um den 7. Oktober 2023 stattfinden und musste dann abgesagt werden. Zwei Jahre herrschte Stille. Dieses Mal war es einerseits sehr vertraut, denn es waren die gleichen Leute, die gleiche Energie wie früher, aber andererseits hat sich in den vergangenen zwei Jahren einfach sehr viel verändert. Wir erholen uns gerade noch vom Auftritt, denn er war sehr emotional, aufwühlend, chaotisch, wie immer. Wir sind auch einfach froh, dass das Konzert stattgefunden hat.

Yifat Balassiano: Mich hat vor allem die Menschlichkeit beeindruckt. Alle liefen herum und umarmten sich. Leute, die ich schon lange nicht mehr gesehen hatte, waren da, wir alle waren total aufgeregt. Was ich beobachtet habe, war etwas, das uns als Künstlern in den vergangenen Jahren ja immer wieder begegnet ist: wie Politik unsere Shows beeinflusst. Leute mussten sich entscheiden, was sie auf der Bühne sagen, welche Position sie einnehmen. Davon war auch ein bisschen etwas beim Festival zu spüren.

Ihr beendet eure Shows mit Edith Piafs »Je ne regrette rien«. Warum?

Yifat: Es ist ein Lied, das wir wirklich mögen und während der letzten Tourneen oft gehört haben. Irgendwie weiß ich gar nicht, ob es eine tiefere Bedeutung dahinter gibt. Was meinst du, Talia?

Talia: Wir wollen uns nicht ganz so ernst nehmen. Das ist mir echt wichtig, denn die Rockstars der 90er-Jahre, die so dieses »Ich bin ein Rockstar« vor sich hertrugen, die sind wir nicht. Ganz ehrlich: Ich habe in meinem Leben noch nie so viel gelacht, bevor ich Teil dieser Band wurde. Es ist so krass wichtig, über sich selbst zu lachen und nicht auf die Bühne zu gehen und zu sagen: »Ich bin so cool«. Irgendwie war Edith Piaf ein Rockstar. Sie spielte andere Musik, aber sie hat allen den Stinkefinger gezeigt und gesagt: »Okay, ich lebe jetzt mein Leben.« Das gefällt mir wirklich gut.

Wie habt Ihr euch kennengelernt?

Yifat: Uns gibt es seit 13 oder 14 Jahren, mit vielen Umbrüchen. Es ist ein Segen, etwas zu haben, das ein Teil von dir ist. Wir haben mit vier Mitgliedern angefangen, jetzt sind wir zu fünft. Uns geht es um das gemeinsame Schaffen, um unsere Freundschaft. Ich sehe die Band als Plattform, um als Menschen besser zu werden.

Talia:Wir verändern uns auch als Frauen sehr, und es ist schön, das als Gruppe zu erleben und zu wissen, dass wir viel Freiraum brauchen, uns aber miteinander verbunden fühlen. Wir machen neben der Musik ja noch viele andere Dinge, drehen Videos, haben einen Podcast, machen Workshops.

Ihr bezeichnet euch als Kollektiv, nicht als Band. Weshalb?

Talia: Wir sind mehr als nur eine Band. Es ist einfach das Gefühl, dass wir diese Gruppe von Menschen sind, die sich bei sich selbst sicher fühlt, die Trost spendet, die einfach einzigartig ist. Klar könnten wir den Weg allein gehen, aber es ist besser, ihn gemeinsam zu gehen.

»Die Kraft des Zusammenseins als Frauen besteht darin, einander mit weiblichen Augen zu betrachten.« Yifat Balassiano

Wie ist es, in einer ausschließlich weiblichen Band zu spielen?

Yifat: Es ist das, was mich mit den anderen verbindet. Heutzutage ist es ja nicht selbstverständlich, eine Gruppe in der Welt zu sein. Es gibt viel Trennendes, und jeder geht seinen eigenen Weg. Gerade deshalb denke ich, dass es vor allem ein Statement ist. Ich habe kürzlich ein Interview mit der Sängerin Yael Deckelbaum gelesen, deren »Prayer of the Mothers« mir wirklich gut gefällt. Sie setzt sich sehr für Frauen und für den Frieden ein. Und sie sagte, dass sie bemerkt hat, dass sie sich selbst lange Zeit aus einer männlichen Perspektive betrachtet hat. Denn Sprache basiert auf männlichen Regeln. Also betrachten wir uns selbst mit diesen Augen. Deshalb denke ich, dass die Kraft des Zusammenseins als Frauen darin besteht, einander mit weiblichen Augen zu betrachten. Wir wissen, wie emotional und physisch anstrengend es ist, jeden Monat den Zyklus zu erleben. Dass wir eine weibliche Band sind, hilft uns sehr, einander zu verstehen und uns so weiterzuentwickeln.

Wie seid ihr, wenn ihr auf Tour geht? Und wie danach?

Talia: Das Touren ist komplett anders als alles andere, was ich zuvor in meinem Leben gemacht hatte. Es gibt zwei Aspekte: zum einen die Beziehung zum Publikum, zu den Veranstaltungsorten, zu Interviews und alldem. Zum anderen gibt es auch noch unsere Beziehung innerhalb der Band. Das beeinflusst sich gegenseitig. Ich habe während dieser Tourneen viel über mich selbst gelernt.

Was genau?

Yifat: Zu touren ist wie eine Reise. Alles ist sehr intensiv und mit vielen Emotionen verbunden. Innerhalb von zwei, drei Wochen fühlt man sich superglücklich und gleichzeitig supertraurig und gestresst und einfach alles. Besonders in den vergangenen beiden Jahren war es eine ganz andere, einzigartige Erfahrung, über Monate nicht in Israel zu sein, eine andere Realität zu erleben, andere Menschen kennenzulernen, andere Erfahrungen zu machen, und dann zurück nach Israel zu kommen in diese Realität.

Ihr wart unter anderem in Regensburg und Bremen während eurer Tour. Wie waren die Konzerte?

Yifat: Wie eine Umarmung vom Publikum. Man muss immer daran denken, dass viele unsere Texte auf Hebräisch ja nicht unbedingt verstehen. Aber Musik ist einfach etwas sehr Tiefes, Emotionales, sogar Spirituelles. Für mich ist das etwas ganz Einzigartiges.

Gibt es etwas, was euch während der Tour erstaunt hat?

Talia: Wir haben so viele Freunde und tolle Menschen getroffen, die uns manchmal nur für eine Nacht bei sich aufgenommen haben. Sie haben uns in ihrem Haus wohnen lassen, für uns gekocht, mit uns gesprochen. Das gilt besonders für Deutschland. Als wir mit dem Touren angefangen haben, hatten wir mehrere Auftritte in ganz Europa. Aber in Deutschland gab es eine besondere Verbindung. Ich denke, das liegt auch daran, weil die Punk-Szene wirklich cool und großartig ist. Übrigens ist eine der spannendsten Geschichten für mich, dass Rock im Park in Nürnberg so nahe an den ehemaligen Nazi-Bauten ist. Und wir als jüdische Frauen kommen dahin und machen unser Ding – ist das nicht unglaublich? Ja, ich denke, dass die Verbindung zwischen Israel und Deutschland eine ganz besondere ist.

»Durch die Musik haben wir einander beschützt in diesem ganzen Chaos.« Talia Ishai

Einer eurer Songs heißt »Schmetterling« – nicht auf Hebräisch, sondern auf Deutsch. Was hat es denn damit genau auf sich?

Talia: Das ist ein wirklich schönes Wort. Ich kann ja auch etwas Deutsch, und ich habe mich in diese Sprache einfach verliebt.

Und eure neue Single heißt »Scoop«.

Yifat: Ja, das ist so ein Mini-Album, das wir vor etwa vier Monaten in unserem Mamad, dem Schutzraum, aufgenommen haben. Wir haben es innerhalb von etwa fünf Tagen geschrieben. Es ist voller Humor – und sehr, sehr anders.

Talia: Es war für uns ein Weg, auf die Situation zu reagieren. Die Zeit des Iran-Kriegs war sehr beängstigend – Tage mit vielen Raketen. Uns war klar, dass wir alle zusammenbleiben wollen, in einer Wohnung. Ich glaube, sonst wären wir durchgedreht. Durch die Musik haben wir einander beschützt in diesem ganzen Chaos. Das hat jeder von uns wirklich geholfen, diese verrückte Woche durchzustehen. Ich bin wirklich froh, dass wir diese Single als Erinnerung haben.

Yifat: Es klingt vielleicht seltsam, aber so ist aus dieser Situation nicht nur Angst und Unsicherheit hängen geblieben, sondern auch etwas Schönes und Authentisches entstanden.

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