Wahl

Die Unentschiedenen

Strahlender Sieger: Likud-Chef Benjamin Netanjahu am Wahlabend Foto: Flash 90

Es ist die Woche danach. Und viele Israelis fragen sich, wie es zu diesem Wahlergebnis kommen konnte. Die meisten Prognosen sahen Premierminister Benjamin Netanjahu und seinen Kontrahenten Isaac Herzog wochenlang gleichauf. Herzog schien zum Schluss sogar mit riesigen Schritten davonzuziehen.

Auch der Großteil der Medien sah den Chef der Arbeitspartei schon von der Treppe der Regierungsresidenz winken. Die Wahl schien bereits vor der Stimmabgabe entschieden. Und dann kam alles anders. Die Mehrheit der Wähler stimmte für den Likud oder eine der Rechtsparteien.

Fakt ist, dass Israel schon oft für Überraschungen gut gewesen ist. 2009 etwa konnte Zipi Livni die meisten Stimmen für ihre »Tnua« sammeln, doch am Ende war es wieder Netanjahu, der auf dem Chefsessel Platz nahm. Im Jahr 1996 gingen die Israelis nach den ersten Hochrechnungen mit Schimon Peres als (vorausgesagtem) Premierminister schlafen und wachten mit einem jubelnden Netanjahu auf.

Umfragen Politikexperten meinen, die fehlerhaften Voraussagen lägen zum Großteil an den rund 30 Prozent der Wahlberechtigten, die bis zur eigentlichen Stimmabgabe unentschieden sind. Sie würden in den Umfragen vorab keine Meinung abgeben und fallen so komplett durch das Vorhersageraster. Doch dieses Drittel der Bevölkerung hat einen großen Einfluss. Wie die Rechtswähler.

Die leben überall im Land. In Jerusalem und den Golanhöhen, in Sderot und in Aschkelon. Besonders in der Peripherie und den schwächeren sozialen Gesellschaftsschichten erhielt der Likud großen Zuspruch, 40 Prozent und mehr.

Liran Misrachi aus Bat Yam im Süden von Tel Aviv gehört dazu: »Ich habe erst zwischen Netanjahu und Herzog geschwankt. Doch am Ende konnte ich nicht für Herzog stimmen. Ich hatte Sorge, dass er eine Koalition mit den Arabern eingeht. Und denen traue ich einfach nicht. Bibi ist bestimmt nicht perfekt. Doch das geringere Übel allemal.«

Araber Der Likud sammelte sogar dort Stimmen, wo man es am Wenigsten erwartet hätte: bei den arabischen Israelis. Der Eigentümer des Humus-Ladens in Kafr Kassem, der nicht identifiziert werden möchte, gibt unumwunden zu, dass er Netanjahu unterstützt hat. »Ich stimme immer für den Likud. Da weiß ich, woran ich bin. Die arabische Liste wähle ich nicht, weil ich nicht weiß, was kommen könnte. Ich will nicht am Ende zu einem Palästinenserstaat gehören. Hier in Israel geht es mir viel besser als in Ramallah oder Hebron.«

In der Negevwüste hat fast ein ganzes Beduinendorf für den Likud gestimmt. Trotz bitterer Armut und am Rand der Gesellschaft war für 76 Prozent der Einwohner von Arab-Al-Naim klar, sie wollen Netanjahu wieder. Denn die Häuser, in die sie in Kürze ziehen werden, sind unter der bisherigen Regierung gebaut worden.

Sicherheit Ebenfalls traditionelle Likud-Wählerin ist Galit Zur aus Rischon Lezion. »Ich bin mit meiner Entscheidung allerdings nicht sehr glücklich. Denn sozial hat Netanjahu nicht viel auf die Beine gestellt. Aber er verteidigt uns, wenn sich die ganze Welt gegen uns verschwört. Dafür hat er einen Bonus bei mir, der letztlich den Ausschlag gegeben hat.«

Die Attitüde »Alle sind gegen uns« ist in Israel weit verbreitet, vor allem unter Rechtswählern. »Schluss mit den Rechtfertigungen« war ein Wahlslogan der nationalreligiösen Partei Jüdisches Haus von Naftali Bennett, der auf riesigen Plakaten im ganzen Land an den Wänden stand.

Gali Levy findet diese Haltung destruktiv. »Wir sollen ein Teil der Welt sein, keine einsame Insel. Man muss sich in einer Gemeinschaft doch auch anpassen.« Die Mutter von zwei Söhnen aus Tel Aviv hat zum ersten Mal für die Arbeitspartei gestimmt, sonst machte sie ihr Kreuz stets bei Meretz. »Ich wollte, dass wir nicht dort steckenbleiben, wo wir waren und war dieses Mal optimistisch, glaubte mit ganzem Herzen an einen Wandel. Und dann das.«

Angst
Levy ist sicher, dass Angst eine große Rolle gespielt hat. »Das ist Netanjahus Strategie. Er redet uns ständig Angst ein. Wegen der Hamas, dem Iran und jetzt sogar wegen unserer arabischen Landsleute, die es wagen, zur Wahl zu gehen. Ich schäme mich, dass so eine Person zum vierten Mal an der Spitze unserer Regierung sitzt.«

Ihre Freundin Maya Meiri meint, sie habe das Ergebnis kommen sehen. Wählen war sie aus Protest nicht. »Statt an die Urnen zu gehen, müssen wir wieder auf die Straßen, um unsere Wut zu zeigen«, ist die Programmiererin sicher.

Internet Einige Wähler, die einen Wandel gewünscht hatten, lassen ihrem Frust im Nachhinein freien Lauf. In den sozialen Netzwerken läuft derzeit eine Kampagne mit Namen »Lo Latet« (Gebt nichts) als Gegenaktion zu »Latet«, einer der größten Hilfswerke in Israel, die traditionell zu Pessach die Bedürftigen unterstützt. »Lo Latet« beschuldigt Wähler in der Peripherie, Schuld an ihrer Misere zu sein, weil sie wieder und wieder für Netanjahu stimmen.

»Einwohner von Aschdod, Aschkelon, Beer Schewa und dem Rest der südlichen Peripherie – ihr, die am meisten unter der Regierung Bibis gelitten habt, der euch Kassams, Kriege und Arbeitslosigkeit und Verlust gebracht hat –, ihr habt wieder ja gesagt.« Die Facebook-Seite ruft Israelis auf, keine Spenden für die unterprivilegierten Gemeinden zu geben, weil »40 Prozent und mehr für den Likud gestimmt haben. Die Solidarität ist vorbei«.

Die Organisatoren der Seite sind anonym, geben an, dass es sich um einen »privaten Protest von Leuten der Mittelschicht« handelt. Innerhalb weniger Tage wurden einige Tausend Likes registriert. Doch auch Hunderte von kritischen Posts nannten die Aktion »beschämend«, »ekelhaft« oder »rassistisch«.

Israel scheint so kurz vor Pessach desillusioniert und ernüchtert. Selbst jene, die für den Wahlsieger oder eine der Rechtsparteien gestimmt haben, frohlocken wenig. Denn auch sie wissen, wie schwierig es werden wird, die im Wahlkampf noch größer gewordenen Gräben in der Gesellschaft wieder zu schließen.

Westjordanland

Schin-Bet-Chef streitet mit Rechtsradikalen

David Zini fordert von Ministerin Orit Strock eine klare Verurteilung jüdischer Siedlergewalt – und droht mit der Rückkehr zur Verwaltungshaft

von Sabine Brandes  06.10.2026

Jahrestag

Israel warnt vor Angriffen auf Juden am 7. Oktober

Am 7. Oktober jährt sich das Massaker von Hamas-Terroristen in Israel. Bei dem Überfall 2023 wurden rund 1.200 Menschen getötet. Israel warnt nun Israelis im Ausland und Juden weltweit vor Angriffen

 06.10.2026

Gedenken

»Berlin steht fest an Israels Seite«

Regierender Bürgermeister Kai Wegner besucht zum Jahrestag des 7. Oktobers den Geiselplatz in Tel Aviv und erhält die Medaille der Stadt

von Sabine Brandes  06.10.2026

Grausamer Plan

Der Professor, der Massenmörder werden wollte

Der Akademiker plante, Hunderte Araber zu töten und viele Unterstützer zu gewinnen. Die Bar-Ilan-Universität zeigt sich »zutiefst entsetzt«

von Sabine Brandes  06.10.2026

Gaza

Hamas: Sinwars »rechte Hand« überlebt israelischen Angriff

Bei einem israelischen Luftangriff in dem Palästinensergebiet sollen am Wochenende mehrere Menschen getötet worden sein. Israel zielte auf den ranghöchsten Hamas-Führer in dem Küstenstreifen ab – doch der hat wohl überlebt

 06.10.2026

Be’eri

»Ich musste ihre Geschichte erzählen«

Dafna Gerstner hat die Hamas-Massaker überlebt und wagt einen vorsichtigen Blick in die Zukunft

von Geneviève Hesse  06.10.2026

Geiseln

Überlebt

505 Tage war Omer Shem Tov in der Gewalt der Hamas in Gaza. Seine Schilderungen zeigen, wie leicht es sich all jene machen, die bei der Bewertung des Krieges die perfide Taktik der Terroristen ausblenden

von Sabine Brandes  06.10.2026

Interview

»Wir haben Angst, dass Shani und Carolin vergessen werden«

Sonja Bohl-Dencker und Ricarda Louk leben seit dem 7. Oktober mit einer unvorstellbaren Wunde – dem Tod ihrer Töchter, die von Hamas-Terroristen ermordet wurden

von Sophie Albers Ben Chamo  06.10.2026

7. Oktober

»Ich hatte keine Ahnung, wie sehr wir gehasst wurden«

Unsere Autorin ist an der Grenze zu Gaza aufgewachsen und lebt heute in Berlin. Hier beschreibt sie, wie das Hamas-Massaker ihr Leben verändert hat – und was es mit ihr macht, dass sie und ihr Land plötzlich weltweit als genozidal verleumdet werden

von Adi Kaslasy-Way  06.10.2026