Türkei

Die Neo-Osmanen

Die guten Beziehungen aus den 90er-Jahren sind Vergangenheit: Botschaft der Türkei in Tel Aviv Foto: Flash 90

Türkei

Die Neo-Osmanen

Das Streben Ankaras nach regionaler Vorherrschaft ist auch gegen Jerusalem gerichtet

von Tal Leder  10.08.2020 16:11 Uhr

Während des ersten Golfkrieges hieß der iranische Schlachtruf »Der Weg nach Jerusalem führt durch Kerbala«. Mittlerweile ist der Mullahstaat eine ernst zu nehmende Hegemonialmacht im Nahen Osten, und sein Atomprogramm bedroht die Existenz Israels.

Ähnlich feindselige Töne hört man heute vom Bosporus, wo der türkische Präsident Erdogan seine Massen mit der »Befreiung von Al-Aksa« anstachelt. Das seit über einem Jahrzehnt angespannte Verhältnis zwischen der Türkei und dem jüdischen Staat sorgt nicht nur wegen der antiisraelischen Haltung Ankaras in Jerusalem für Beunruhigung.

herausforderung »Trotz diplomatischer Beziehungen sieht Israel in der aggressiven Politik des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in der Region mehr als nur eine Herausforderung«, sagt Victor Azuelos, ehemaliger Offizier beim Militärgeheimdienst der israelischen Streitkräfte (IDF).

Der aus Istanbul stammende Spionageexperte ist pessimistisch angesichts der Entwicklung in seinem Geburtsland. »Die zunehmenden antiisraelischen Äußerungen, insbesondere wenn es um die Vermischung religiöser und nationalistischer Rhetorik bei der Regierungspartei AKP geht, wird zu einer wachsenden Bedrohung für Israel und die regionale Stabilität«, erklärt er.

Ankaras Rhetorik erinnert an die antiisraelische Haltung des Iran seit der Islamischen Revolution 1979.

»Nach der Umwandlung des Museums Hagia Sophia in Istanbul in eine Moschee hat Erdogan angekündigt, auch die Al-Aksa-Moschee in Jerusalem zu befreien. Mittlerweile hat auch das türkische Ministerium für religiöse Angelegenheiten Botschaften verbreitet, mit denen sie die islamische Gemeinschaft gegen Israel vereinen wollen.«

UMMA Ankaras Rhetorik erinnert an die antiisraelische Haltung des Iran seit der Islamischen Revolution 1979. Wie deren religiöse Herrscher unterteilt auch sie die Welt in eine islamische und eine kriegerische »Umma« (arabisch: Gemeinschaft). Mit dem Anstieg des religiösen Extremismus verfolgen beide Staaten das Ziel, die Region gegen Israel zu mobilisieren.

Als Erdogan 2002 durch demokratische Wahlen an die Macht kam, waren die diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Israel stabil, und der türkische Regierungschef kam auf Staatsbesuch. Vor allem die militärischen Verbindungen waren hervorragend. Auch versuchte sich der Premier als Vermittler zwischen Israel und den Palästinensern.

Mit dem Gaza-Krieg 2008/09 verschlechterten sich aber die Beziehungen. So kam es während der Konferenz in Davos zu einer öffentlichen Konfrontation zwischen Erdogan und dem damaligen israelischen Präsidenten Schimon Peres, in der der türkische Ministerpräsident die IDF als »Kindermörder« bezeichnete.

Mavi Marmara Dies führte zu einem rasanten Anstieg des Antisemitismus in der Türkei und der Verbreitung judenfeindlicher Verschwörungstheorien. Rechtsextreme religiöse Netzwerke mobilisierten sich, wie jene hinter der Mavi-Marmara-Flottille, die die von Israel verhängte Seeblockade über den Gazastreifen brechen wollte.

Der Zwischenfall am 31. Mai 2010, als die israelische Marine sechs Schiffe enterte, bei dem neun Aktivisten getötet wurden, brachte das Fass zum Überlaufen.

Mit Zypern, Griechenland und Ägypten steht Israel der Türkei gegenüber.

»Beide Länder wissen, dass die guten Beziehungen aus den 90er-Jahren vorbei sind«, sagt Gallia Lindenstrauss, Türkei-Expertin am Institut für nationale Sicherheitsstudien in Tel Aviv. »Nach dem gescheiterten Putschversuch im Juli 2016 wandelt Erdogan sein Land immer mehr zur Autokratie um, und zahlreiche Kritiker verschwinden hinter Gittern. In vielerlei Hinsicht ist die Türkei eine gespaltene Gesellschaft, aber die palästinensische Frage vereint die meisten Schichten. Die israelischen Annexionspläne von Teilen des Westjordanlandes werden zu einer weiteren Krise in den bilateralen Beziehungen beider Staaten führen.«

anfeindungen Trotz Anfeindungen sind Erdogan die wirtschaftlichen Verbindungen zu Israel wichtig, denn er weiß, dass nur eine starke Ökonomie ihn an der Macht halten wird. Dennoch hat der Mavi-Marmara-Zwischenfall das Kräfteverhältnis im Nahen Osten verändert: »Zypern und Griechenland haben seitdem ihre Beziehungen zu Israel verstärkt, und zusammen mit Ägypten stehen sie der Türkei gegenüber.«

Andererseits hat er aber auch zunehmende Spannungen in der Region ausgelöst. Der Vorfall ereignete sich, als gerade Erdgas im Mittelmeer entdeckt wurde und wirtschaftliche Interessen auf relativ kleinem Raum entstanden. »Das östliche Mittelmeer ist dadurch zu einem Problembereich geworden«, sagt Lindenstrauss. »Zuletzt hat Ankara seinen Expansionismus verstärkt und will dieses Gebiet politisch und militärisch kontrollieren.«

Neben Militäroperationen im benachbarten Syrien will die Türkei eine Gaspipeline nach Libyen errichten, obwohl dies die Hoheitsgewässer Griechenlands verletzen würde. »Sollten sie mit ihrer Kanonenbootdiplomatie Athen in die Enge treiben, könnte die Türkei für Israel zu einer Bedrohung werden.«

ISLAMISMUS Ein weiterer Faktor ist das Streben nach mehr Einfluss im Nahen Osten und in der gesamten muslimischen Welt. Arabische Kritiker sprechen von einer Renaissance der osmanischen Expansion. Tatsächlich spielen in der Außenpolitik Erdogans die muslimische Identität und sein regionaler Machtanspruch eine große Rolle.

»Seine Bemühungen, eine islamistische Agenda zu fördern, und seine militärischen Aktivitäten in arabischen Ländern belasten nicht nur das Verhältnis zu Israel«, sagt Soner Cagaptay, Autor von Erdogan’s Empire. Er erklärt, dass auch die politische Rivalität mit Ägypten und Saudi-Arabien um die regionale Führung innerhalb der sunnitisch-muslimischen Welt die Feindschaft geschürt hat und die Wahrnehmung der Türkei als imperialistisch und islamistisch stärkt.

Mittlerweile baut die Türkei ihren Einfluss über religiöse Wohltätigkeitsorganisationen am Tempelberg aus.

»Erdogan sieht sich als Führer der islamischen Welt und Vertreter der Palästinenser«, erklärt der Politologe. »Die AKP-Regierung ist ein enger Verbündeter der Hamas. Wie Teheran unterstützt sie auch Ankara, und die Türkei hat Jerusalem ebenfalls zum Zentrum ihrer Außenpolitik gemacht.«

moscheen Mittlerweile baut die Türkei ihren Einfluss über religiöse Wohltätigkeitsorganisationen am Tempelberg aus. Zahlreiche Moscheen und islamische Einrichtungen wurden in Ost-Jerusalem erworben.

Der Kampf um die türkische Identität ist noch nicht vorbei. Schon bei den letzten Wahlen stimmte die Hälfte aller Türken gegen die AKP. »Im Nahen Osten gibt es außer Israel und dem Iran nur wenige Länder, die es sich leisten können, sich Erdogan zu widersetzen«, sagt Ex-IDF-Offizier Victor Azuelos. Ankara und Teheran sind historische Rivalen, und ihre Spannungen gehen auf das sunnitisch-schiitische Zerwürfnis zurück. Noch kooperieren sie gegen den kurdischen Nationalismus.

»Die Türkei könnte zu einer Bedrohung für den jüdischen Staat werden«, so Azuelos. »Wenn sich aber ihre Beziehungen zum Iran aufgrund dessen Expansionspolitik verschlechtern, gibt es vielleicht eine Entspannung im Verhältnis zu Israel. Die internationale Realität verändert sich andauernd, und Jerusalem muss sich alle Optionen offenhalten.«

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