Was bleibt, sind Namen und Erinnerungen. Elf Menschen, die bis vor wenigen Tagen noch Teil eines gewöhnlichen Alltags waren, sind die ersten zivilen Todesopfer dieses Krieges. Zehn wurden durch direkte Einschläge von iranischen Raketen getötet, ein Mann starb auf dem Weg in den Sicherheitsraum.
In Tel Aviv begann alles mit einem dumpfen Einschlag in der Nacht. Bewohner berichteten von einer Explosion, die in unterirdischen Schutzräumen hunderte von Metern weit zu hören war. Eine Rakete schlug neben einem Wohngebäude ein, Glasscheiben zerbarsten, Rauch zog durch die Straßen. Eine Frau starb, 20 Menschen wurden verletzt.
Mary Anne Velasquez de Vera, eine Pflegekraft aus den Philippinen, war zu Hause, als die Warn-App auf ihrem Telefon schrillte. Wie Millionen von Israelis in diesen Kriegstagen bereitete sie sich vor, in den öffentlichen Bunker zu eilen. Sekunden entscheiden dann über Leben und Tod. Doch Velasquez de Vera ging nicht allein. Sie half der älteren Dame, für die sie sorgte, in Sicherheit zu kommen. Doch keine der beiden schafften es in den Schutzraum. Die Frauen wurden durch den Einschlag schwer verletzt, Mary Anne Velasquez de Vera starb später an ihren Verletzungen.
Die 32-Jährige hatte erst kurz zuvor geheiratet und war zu diesem Zeitpunkt schwanger mit ihrem ersten Kind. Die Familie, für die sie zuvor gearbeitet hatte, bezeichnete sie als »einen Engel auf Erden«.
Menschen starrten auf die Überreste des Gebäudes
Am Morgen darauf war Tel Aviv, sonst laut und rastlos, still. Cafés blieben geschlossen, die Straßen waren fast menschenleer. Vor dem Haus standen einige Wenige schweigend und starrten auf die Überreste des Gebäudes, als müssten sie sich vergewissern, dass das Geschehene real ist. Es war der erste Einschlag im Großraum Tel Aviv seit Beginn der iranischen Vergeltungsangriffe. Ein 102-jähriger Mann starb am selben Tag, als er in seinem Haus beim Ertönen des Alarms in seinen Schutzraum eilte und fiel.
Schwerer traf es am nächsten Tag die Stadt Beit Schemesch westlich von Jerusalem. Dort durchbrach eine iranische ballistische Rakete die Luftabwehr und traf mitten auf einen öffentlichen Schutzraum unter einer Synagoge. Neun Menschen wurden dabei getötet, Dutzende verletzt.
Die Geschwister Yaakov (16), Avigail (15) und Sara Biton (13) hatten gemeinsam Schutz gesucht. Drei Teenager, deren Leben sich bis dahin um Schule, Freunde und Pläne für die Zukunft drehte. Ihre Namen wurden zuerst in WhatsApp-Gruppen verbreitet, lange bevor offizielle Bestätigungen kamen. In ihrer Schule galt das Biton-Trio als »unzertrennlich«, wie Freunde es beschrieben.
Roni Cohen: »Mein Sohn hätte heute seine Barmitzwa feiern sollen. Stattdessen beerdigen wir meinen Mann und meine Schwiegermutter.«
Freiwillige Sanitäterin
Auch Ronit Elimelech, eine freiwillige Sanitäterin, starb — gemeinsam mit ihrer Mutter Sara. Kollegen erinnerten sich an Ronit als Frau, die ihr Telefon nachts nie ausschaltete, falls jemand Hilfe brauchte, und die bei jedem Notfall als Erste erschien. Dass sie nun selbst zu den Opfern gehört, traf viele Rettungskräfte besonders hart.
Unter den Getöteten waren außerdem Bruria Cohen und ihr Sohn Yosef, die zusammen im Schutzraum Zuflucht gesucht hatten, sowie der 16-jährige Gavriel Baruch Ravach.
Auch Oren Katz, Vater von vier Kindern, wurde tödlich verwundet. Auf der Beerdigung am nächsten Tag sagte sein Sohn: »Du solltest nicht hier sein, sondern bei der Arbeit. Du hast uns immer gesagt: ‚Ich sorge dafür, dass ihr immer etwas zu essen habt‘. Und dein Essen war fantastisch. Ich hoffe, dein Blut ist nicht umsonst vergossen.«
Bei einem Besuch im Hadassah-Krankenhaus in Jerusalem am Montag traf Präsident Isaac Herzog Pnina Cohen, die mit ihrem Sohn bei dem Raketenangriff verletzt wurde während ihr Ehemann und die Schwiegermutter ums Leben kamen.
Der Einsturz des Bunkers erschüttert das Vertrauen der Menschen
Cohen erzählte Herzog, dass sie und ihre Familie sich in der Synagoge befanden, als die Sirene ertönte, und sofort in einen Schutzraum rannten: »Wir saßen da, und plötzlich passierte es. Mein kleiner Sohn saß neben mir und wurde ebenfalls verletzt. Meine Kinder und ich haben überlebt, aber mein Mann und meine Schwiegermutter wurden ermordet.« Am nächsten Tag hätte ihr Sohn seine Barmitzwa feiern sollen. »Stattdessen müssen wir meinen Mann und seine Großmutter beerdigen.«
Der Einschlag war so stark, dass er mehrere Gebäude einstürzen ließ. Rettungskräfte mussten zu Fuß zum Ort laufen, weil Straßen durch Trümmer blockiert waren. Stundenlang suchten sie nach Überlebenden, bargen Verletzte und Tote.
Beit Schemesch gehört zu den schnell wachsenden, vergleichsweise ärmeren Städten Israels. Viele Familien leben dort dicht gedrängt, Schutzräume sind oft überfüllt. Dass ausgerechnet ein öffentlicher Bunker direkt getroffen wurde, erschüttert das Vertrauen vieler Israelis in die Sicherheit des Landes. »Alles ist weg«, sagte ein Bewohner tränenüberströmt im öffentlich-rechtlichen Fernsehen anschließend. »Es gibt nur noch Trümmer und Staub.«
Am Montag traf ein weiteres Geschoss aus dem Iran ein Wohnhaus in der Wüsten-Großstadt Beer Schewa. Die Einsatzkräfte des Rettungsdienstes Magen David Adom brachten 19 Personen ins Krankenhaus, die durch geborstene Glasscheiben verletzt wurden.