Geiseln

»Die Liebe hat gesiegt«

Sie hat »Ja« gesagt: Matan Zangauker und Ilana Gritzewsky bei ihrer Verlobung Foto: Screenshot

Geiseln

»Die Liebe hat gesiegt«

Die Israelis wählen »Habaita« zum Wort des Jahres. Es enthält ein Versprechen: zurück »nach Hause«. Dort geht für die Entführten das Leben weiter. Zwei Paare, die der Terror trennte, haben sich nun verlobt

von Sabine Brandes  18.01.2026 09:01 Uhr

Drei einfache Silben wurden von den Israelis zum Wort des Jahres gewählt: »Habaita«. Wörtlich bedeutet der hebräische Ausdruck »nach Hause«. Doch im vergangenen Jahr wurde er zu viel mehr als einer Ortsangabe. Er stand für die Sehnsucht eines Landes nach der Rückkehr seiner Geiseln – und zugleich für die Hoffnung, dass Heimkehr nicht nur ein Ende, sondern auch ein Anfang sein kann.

Sie erfüllte sich in konkreten Momenten, bei Verlobungen, erneuerten Eheversprechen und Entscheidungen von ehemaligen Geiseln, das Leben dort wiederaufzunehmen, wo es von den Terroristen der Hamas brutal unterbrochen worden war.

Die Akademie für Hebräische Sprache hatte die Öffentlichkeit um Vorschläge für Wörter gebeten, die das vergangene Jahr zusammenfassen, und zehn Kandidaten ausgewählt. Anschließend wurde über diese Wörter abgestimmt, wobei »Habaita« den ersten Platz belegte. Der Begriff symbolisiere die Rückkehr fast aller Geiseln aus Gaza sowie die Heimkehr der Bewohner in ihr Zuhause nahe der Grenze zum Gazastreifen und zum Libanon, das im Zuge des Krieges verwüstet oder evakuiert wurde, schrieb die Akademie in einem Facebook-Beitrag. Gleichzeitig beinhalte der Begriff die Hoffnung auf die Rückkehr auch der letzten Geisel in Gaza, Ran Gvili. Auf dem zweiten und dritten Platz landeten »Künstliche Intelligenz« und »Hoffnung«.

»Habaita« bekam eine greifbare Bedeutung

Am 13. Oktober des vergangenen Jahres, kurz nach sieben Uhr morgens, bekam »Habaita« eine greifbare Bedeutung. Die Meldung lief über alle Kanäle: Sieben israelische Geiseln waren nicht mehr in den Händen der Hamas. Kommentatoren berichteten atemlos, sie seien auf den Beinen, sie lebten. Bilder von Übergaben an das Rote Kreuz gingen um die Welt. Wenige Stunden später folgten weitere Eilmeldungen, weitere Freilassungen. Zum ersten Mal seit mehr als zwei Jahren befand sich keine lebende israelische Geisel mehr in Gaza. Ein Moment, in dem ein ganzes Land aufatmete. Doch sehr schnell wurde klar, dass diese Heimkehr kein abgeschlossener Prozess sein könnte. Manche Geiseln kehrten lebend zurück, andere nur noch in Särgen.

Denn solange nicht alle von ihren Familien zumindest beerdigt werden können, bleibt das Wort »Habaita« unvollständig. Denn es steht auch für Verantwortung. Für die Israelis ist das Nach-Hause-Kommen aller Geiseln, der Lebenden wie der Toten, keine nebensächliche Frage, sondern moralisches Leitprinzip. Es besteht darin, niemanden – wirklich niemanden – zurückzulassen. Und gleichzeitig bedeutet diese Verantwortung, nach vorn zu blicken, trotz der traumatischen Erfahrungen weiterzumachen und das Leben zu schätzen.

Diese Haltung zeigt sich nicht nur in politischen Debatten oder Demonstrationen, sondern auch in ganz persönlichen Entscheidungen. Etwa bei Matan Zangauker und Ilana Gritzewsky. Das junge Paar lebte im Kibbuz Nir Oz, als Hamas-Terroristen am 7. Oktober 2023 die Gemeinde überfielen. Beide wurden voneinander getrennt verschleppt. Ilana kam nach 55 Tagen frei, Matan blieb 738 Tage in Geiselhaft.

»Gemeinsam können wir alles erreichen. Nichts und niemand kann uns aufhalten.«

Doch Ende Dezember stehen sie nebeneinander vor einem großen weißen Herz, geschmückt mit roten Rosen und dem Satz: »Will you marry me?« (»Willst du mich heiraten?«) Matan und Ilana gießen Champagner ein und lächeln. Das, was für viele ein selbstverständlicher »nächster Schritt« ist, war für sie ein Moment, der mehr als zwei Jahre lang in völliger Ungewissheit lag.

Die Verlobung wurde mit einem Foto in den sozialen Netzwerken von Matans Mutter Einav Zangauker bekannt gegeben. Die alleinerziehende Mutter ist durch ihren oft lautstarken Kampf für die Freilassung ihres Sohnes weltweit zu einer Berühmtheit geworden. Sie postete das Foto als Symbol für den Triumph der Liebe über den Horror der Hamas und kommentierte es schlicht: »Mein Siegerfoto – Matan & Ilana«. Daneben setzte sie ein Herz.

»Wir haben es geschafft«

Auch Eliya Cohen, selbst monatelang Geisel der Hamas, ist mit seiner Liebsten wiedervereint. Acht Monate nach seiner Freilassung machte er seiner langjährigen Partnerin Ziv Aboud einen Heiratsantrag. Zuvor hatte er öffentlich erklärt, nicht heiraten zu wollen, solange andere Geiseln noch festgehalten würden. Erst nach der Rückkehr von Alon Ohel und Elkana Bohbot änderte er diesen Entschluss. Vor Familien und Freunden kniete er vor Ziv, auch sie Überlebende des Nova-Festivals, nieder. »Wir haben es geschafft«, rief Cohen und lachte, als er mit seiner Verlobten an der Hand durch die jubelnde Menge ging.

Auch eine andere Geschichte zeigt, wie das Versprechen von »Habaita« sich erfüllt. Ohad und Raz Ben-Ami, beide von der Hamas aus dem Kibbuz Be’eri verschleppt, erneuerten nach ihrer Rückkehr ihr Eheversprechen. Ihr Haus wurde zerstört, ihr vertrautes Leben ausgelöscht. In einem Text auf Facebook schrieb Ohad, er habe in der Geiselhaft seine Frau immer wieder leise beim Namen genannt, um mit ihr verbunden zu bleiben.

Außerdem habe er, der völlig unschuldige Zivilist, dafür gebetet, eine zweite Chance zu erhalten. Er wollte ein besserer Mensch, Ehemann, Vater und Teil der Gesellschaft werden. Nach 491 Tagen kam er zurück, verändert, aber entschlossen, dieses Versprechen in die Tat umzusetzen. An seine Frau schrieb Ben-Ami dazu auf Facebook: »Razi, meine Geliebte, meine Schöne, mein Schutzengel. Wir lernten uns vor 35 Jahren kennen. Es war Liebe auf den ersten Blick, zwei junge Rettungsschwimmer im Wasserpark. Wir heirateten vor 30 Jahren.« Heute sei ihre Bindung stärker denn je, resümierte er. »Gemeinsam können wir alles erreichen. Nichts und niemand kann uns aufhalten. Denn die Liebe hat gesiegt.«

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