Israel

Die Kosten des Krieges

Seit Beginn des Krieges gegen den Iran sind die Einkaufszentren leer. Kreditkartenzahlungen gingen um fast 20 Prozent zurück. Foto: Flash 90

Ein neuer Werbespot im israelischen Fernsehen zeigt einen Mann, der an der Supermarktkasse steht und seine Münzen zählt. Es reicht nicht für den Einkauf. Unsicher steht er da. Bis ein Mann aus der Schlange das restliche Geld hinüberreicht. »Der Krieg kommt uns alle teuer zu stehen«, erscheint auf dem Bildschirm. Ein Satz, der eine Realität beschreibt, die sich längst durch alle Lebensbereiche zieht. Die Folgen des Krieges sind überall im Land zu spüren.

In der aktuellen militärischen Auseinandersetzung mit dem Iran sind bis Redaktionsschluss 16 Israelis getötet worden, und laut Gesundheitsministerium wurden bisher mehr als 5000 Menschen in Krankenhäuser eingeliefert. Der Großteil von ihnen ist leicht verletzt. Aktuell befinden sich noch 124 Personen in Behandlung, darunter 17 in ernstem Zustand und 36 mittelschwer Verletzte. Einschläge iranischer Raketen, viele mit Streumunition, verursachten erhebliche Schäden in Wohngebieten. Tausende Menschen mussten ihr Zuhause verlassen.

417 Millionen Euro pro Kampftag

Auch auf makroökonomischer Ebene steigen die Kosten weiterhin. Der Krieg gegen den Iran und die erneuten Kämpfe an der Nordfront haben das Verteidigungsministerium zu erheblichen Budgeterhöhungen veranlasst. Erst im Dezember 2025 hatte die Regierung den Verteidigungshaushalt in Höhe von 31,1 Milliarden Euro festgelegt. Doch das wird nicht ausreichen. Die Regierung schätzt die Militärausgaben auf rund 417 Millionen Euro pro Kampftag, schreibt das Wirtschaftsmagazin »Globes«.

Auch die zivilen Ausgaben sind erheblich: Die Regierung bewilligte 83,3 Millionen Euro für das Nationale Versicherungsinstitut zur Finanzierung unbezahlten Urlaubs für Arbeitnehmer, 27,8 Millionen Euro zur Entschädigung betroffener Kommunen sowie weitere 27,8 Millionen Euro zur Stärkung der Polizei. Hinzu kommen Entschädigungen für Unternehmen, denn zu Beginn des Krieges kam die Wirtschaft fast zum Erliegen. Die Kosten dafür lagen bei mehr als 2,5 Milliarden Euro pro Woche. Die vollständige Schließung des Bildungssystems kostet rund 333 Millionen Euro pro Woche, die Stilllegung ganzer Wirtschaftszweige weitere 667 Millionen Euro wöchentlich.

Gleichzeitig hat der Krieg spürbare Folgen für die gesamte Wirtschaft. Doch während die direkten Kosten zunehmend beziffert werden können, bleiben die langfristigen Folgen, etwa für Wachstum und Staatsdefizit, schwer absehbar. Erste indirekte Auswirkungen zeigen sich im Konsumverhalten: Kreditkartenzahlungen gingen in den ersten zehn Kriegstagen um 19 Prozent zurück. Zwar wird nach Kriegsende mit einer Erholung gerechnet, doch Unsicherheiten bleiben – insbesondere hinsichtlich Inflation und der Energiepreise. Laut »Globes« sind die anfänglichen Erwartungen an einen konjunkturellen Aufschwung nach einem möglichen Sieg inzwischen deutlich gedämpft.

Neben den finanziellen Kosten gibt es weitreichende Auswirkungen vor allem im Gesundheitsbereich. Der israelische Experte für öffentliche Gesundheit, Nadav Davidovitch vom Taub Center for Social Policy Studies, beschreibt das als »gleichzeitig akute und langfristige Krise«. Die Belastung treffe nicht nur das Gesundheitssystem, sondern ziehe sich durch nahezu alle gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereiche. Der neue Krieg wirke wie ein Verstärker bereits bestehender struktureller Probleme.

»Krieg ist Teil der Existenzberechtigung islamistischer Regime.«

Miri Eisin über die Mullahs

Besonders sichtbar werde dies bei der psychischen Gesundheit. Der Bedarf an Unterstützung sei massiv gestiegen, gleichzeitig verschärfe sich ein schon zuvor bestehender Fachkräftemangel. »Die Krise im Bereich der psychischen Gesundheit gehört zu unseren größten Herausforderungen«, so Davidovitch. Der steigende Bedarf spiegele sich auch indirekt in einem deutlich erhöhten Medikamentenkonsum wider, etwa gegen Angstzustände oder Schlafstörungen.

Gleichzeitig betont er die Stärken des Systems: Israel verfüge über ein leistungsfähiges Gesundheitssystem bei hoher Lebenserwartung und vergleichsweise niedriger vermeidbarer Sterblichkeit. »Wir haben ein nationales Krankenversicherungssystem, von dem die USA nur träumen können«, so Davidovitch. Doch er warnt davor, sich auf dieser Stärke auszuruhen: »Resilienz ist nicht unbegrenzt – Applaus allein reicht nicht.« Ohne zusätzliche Ressourcen und strukturelle Anpassungen drohe das System an seine Grenzen zu stoßen. »Wir sehen eine beeindruckende Resilienz«, sagt Davidovitch, »aber sie hat ihren Preis.« Die Belastung sei real und langfristig spürbar, sowohl für das medizinische Personal als auch für die Bevölkerung insgesamt.

Diplomatische Lösung denkbar

Darüber, wie lange der Krieg noch andauern könnte, gibt es auch nach fast vier Wochen keine offiziellen Aussagen. Am Dienstag allerdings kündigte US-Präsident Donald Trump an, Gespräche mit dem Iran über eine Beendigung der Kämpfe zu führen. Er halte eine Einigung für möglich. Premierminister Benjamin Netanjahu reagierte darauf vorsichtig optimistisch: Eine diplomatische Lösung sei denkbar, müsse jedoch Israels »vitale Interessen« wahren. Gleichzeitig betonte er, dass die Angriffe gegen den Iran und die Hisbollah fortgesetzt werden. Israelische Experten und Regierungsvertreter gehen davon aus, dass es zumindest indirekte Kontakte zwischen den Seiten gibt, trotz öffentlicher Dementis aus Teheran.

Die Sicherheits- und Geheimdienstexpertin Miri Eisin beschäftigt sich in diesem Kriegsszenario mit der Hoffnung. Und die sieht sie ausgerechnet im Verhalten des Gegners. Sie beschreibt den Iran als ein Regime, das eine gefährliche Phase erreicht habe – eine, in der die eigene Strategie nicht mehr auf Abgrenzung, sondern auf Ausweitung setzt. Lasst uns alle hineinziehen, laute die implizite Logik: möglichst viele Akteure involvieren, möglichst viele verletzen. Was sich derzeit zeige, sei kein Zufall, sondern ein wiederkehrendes Muster islamistischer Regime, das sie bereits bei Hamas und Hisbollah beobachtet habe. Krieg sei nicht nur Mittel zum Zweck, sondern Teil ihrer Existenzberechtigung. Aus ihm speist sich ihre Identität – »Ich bin der Widerstand« –, begleitet von einem tief verankerten Opfernarrativ.

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Diese Erzählung werde durch ein Geflecht aus Falschinformationen gestützt. Seit Wochen, so Eisin, verbreite der Iran offensichtliche Unwahrheiten im großen Stil: Behauptungen über zerstörte israelische Städte, getötete Staatschefs, versenkte Schiffe oder Hunderte gefallener US-Soldaten. Vieles davon wurde weltweit aufgenommen. Doch genau hier liegt für sie ein paradox klingender Hoffnungsschimmer: Denn wer beginnt, an die eigenen Unwahrheiten zu glauben, entfernt sich von der Realität. Diese Selbsttäuschung schwächt die Fähigkeit, die eigene Lage nüchtern einzuschätzen und danach zu handeln.

»Der Iran verfügt zweifellos über militärische Fähigkeiten«, betont Eisin. »Doch gleichzeitig verweigert das Regime die Anerkennung dessen, was ihm tatsächlich widerfahren ist, und hält an einem Selbstbild von Stärke fest, das zunehmend auf Illusionen beruht.« In dieser Diskrepanz – zwischen projizierter Macht und realer Verwundbarkeit – liege eine leise, aber reale Form der Hoffnung. Denn das brauchen die Menschen, macht sie deutlich. »Damit sie wieder nach vorn schauen können.«

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