Haifa

Dicke Luft

Metallverarbeitungsbetriebe, Chemie- und Kraftwerke sowie Ölraffinerien sorgen in der Bucht von Haifa für starke Emissionen. Foto: Flash 90

Wird dieser Tage über den Kopfumfang von Neugeborenen gesprochen, denken die meisten sofort an das Zika-Virus in Lateinamerika. Doch auch in Israel ist die Größe von Babyköpfen derzeit ein Thema. Eine neue Studie der Universität Haifa behauptet, dass die Umweltverschmutzung in einigen Teilen der nördlichen Hafenstadt derart gravierend ist, dass Babys mit wesentlich geringerem Geburtsgewicht und kleineren Köpfen geboren werden – bis zu 30 Prozent unter dem Durchschnitt.

In der Bucht von Haifa sind Metallverarbeitungsbetriebe, Chemie- und Kraftwerke, Ölraffinerien sowie der große Hafen angesiedelt. Es ist lange bekannt, dass die vorherrschenden Winde Partikel aus den Haifaer Fabriken in Richtung dieser Ortschaften blasen. Und man weiß auch nicht erst seit der jetzigen Studie, dass die Umweltgifte gesundheitlich stark bedenklich sind; die Raten für Asthma oder andere Atemwegserkrankungen sind hier außergewöhnlich hoch. Die Haifaer Wissenschaftler meinen, die Luftverschmutzung sei für die Krankheiten verantwortlich oder zumindest mitverantwortlich.

Gewicht In Auftrag gegeben wurde die umfassende Forschung über die gesundheitlichen Auswirkungen der Umweltverschmutzung vom Umwelt- und Gesundheitsministerium. Nachdem bereits im April des vergangenen Jahres Zahlen veröffentlicht worden waren, die besagten, dass die Kinderkrebsrate in den betroffenen Ortschaften viel höher sei als im Landesdurchschnitt, wollten die Ministerien es genauer wissen. Die Zahlen stellten sich später als falsch heraus, doch die Wissenschaftler forschten weiter.

Geleitet wurde die Studie von Boris Portnov und Jonathan Dubnov. Obwohl sie noch nicht abgeschlossen ist, wurde sie am vergangenen Sonntag in einem Bericht des TV-Kanals 2 zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt. Und die reagiert entsetzt. Denn die Zahlen sind extrem verstörend: Angeblich kommen Babys in den luftverschmutzten Gegenden mit einem Gewicht zur Welt, das 20 bis 30 Prozent unter dem der Geburten in den weniger verschmutzten Gegenden liegt. Dieselben Zahlen würden für den Kopfumfang gelten.

Ein niedriges Geburtsgewicht bei Neugeborenen kann schwere gesundheitliche Auswirkungen haben und sogar zum Tod führen. Auch Spätfolgen wie Diabetes oder hoher Blutdruck können die Folge sein. Die Forscher kamen auch zu dem Schluss, dass in Kiriat Bialik, Kiriat Chaim und Teilen von Kiriat Tivon bestimmte Krebsarten, etwa Lungenkrebs und Lymphom, fünfmal so oft bei Erwachsenen auftreten wie im restlichen Land.

Bombe Am Tag nach der Veröffentlichung protestierten Bürger aus den am meisten betroffenen Orten vor dem Gebäude der Stadtverwaltung in Haifa, in dem die Wissenschaftler mit dem Bürgermeister Yona Yahav und dem Gesundheitsminister Yaakov Litzman hitzig debattierten, und verlangten Antworten, wieso diese Zahlen der Bevölkerung bisher vorenthalten wurden.

Ein Mitglied des Stadtrates wandte sich direkt an den Umweltminister Avi Gabbai mit den Worten: »Herr Minister, wir haben eine nukleare, eine chemische Bombe. Direkt hier in der Bucht von Haifa. Und die Uhr hat bereits elf geschlagen.« Gabbai hatte zugegeben, dass das Ministerium tatsächlich von sehr hoher Luftverschmutzung ausgeht. Daher gebe es ein Programm zum Verringern der Emissionen, welches streng eingehalten werde. Mittlerweile sei die Luftverschmutzung bereits um elf Prozent gefallen, »ist aber immer noch zu hoch«, wie Gabbai angab. Die Ergebnisse der aktuellen Studie würden nun Phase zwei der Maßnahmen einläuten.

Bürgermeister Yahav erinnerte daran, dass er persönlich vor einiger Zeit sämtliche Ölraffinerien hatte schließen lassen, doch die Gerichte ihn gezwungen hätten, sie wieder zu öffnen. »Wir kämpfen hier 24 Stunden am Tag«, so Yahav.

Komitee Obwohl das Gesundheitsministerium am Montag zugab, bereits seit Ende 2014 von der erhöhten Morbiditätsrate aufgrund von Krebs, Asthma und Herzproblemen gewusst zu haben, versucht sich der Gesundheitsminister in Schadensbegrenzung. Er kritisierte die Wissenschaftler für ihre »Methodik« und sagte im Armeeradio, dass die Kopfumfänge von Neugeborenen in der Bucht von Haifa dem nationalen Durchschnitt entsprächen. Auch in verschiedenen Medien wurden die Forscher kritisiert. Die aber verteidigten ihre Ergebnisse und teilten in einer Erklärung mit: »Das Team steht hinter der Studie und der Methodik. Sie war von Anfang an von einem professionellen Komitee bestätigt worden, außerdem gehören Vertreter der Ministerien für Gesundheit und Umwelt zum Team.«

Jetzt will sich die Knesset mit dem Problem beschäftigen. Nach einem Vorschlag der Zionistischen Union soll die Lage in der Haifa-Bucht bald schon durch ein parlamentarisches Komitee untersucht werden. Die Leiterin der parlamentarischen Versammlungen, Merav Michaeli, machte deutlich, dass die Einwohner das Recht auf Information haben. »Sie müssen über das Schicksal ihrer Kinder Bescheid wissen und auch darüber, ob der Staat es zulässt, dass ihre Gesundheit gefährdet wird«, sagte sie.

Umweltminister Gabbai versichert derweil den Bewohnern der Haifa-Bucht, er wolle sich persönlich darum kümmern, dass Fabriken geschlossen werden, bei denen die Umweltschutzmaßnahmen nicht ausreichend seien. »Denn ganz ehrlich, wenn ich ein Bürger in Haifa wäre – auch ich würde das Leugnen der Luftverschmutzung nicht glauben.«

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