Porträt

Der Realist und sein Wunder

Hatte oft einen guten Riecher für die richtigen Momente: Israels erster Ministerpräsident David Ben Gurion (1886–1973) Foto: Ullstein

Vater der Nation» ist vielleicht eine etwas angestaubte Ehrenbezeichnung. Zudem ließen sich schon manche üble Figuren aus Politik und Zeitgeschichte gern so nennen. Doch im Falle David Ben Gurions trifft dieser Titel durchaus zu. Und zwar im positiven Sinne. Nicht zuletzt, weil er einen guten Riecher für die richtigen Momente hatte.

«Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es eine einzigartige internationale Konstellation, die die Schaffung eines jüdischen Staates überhaupt erst möglich machte», erklärt der Historiker Walter Laqueur. «Es ist wahr, dass die meisten Politiker von Washington bis Moskau nicht gerade enthusiastisch, wenn nicht sogar feindselig dieser Idee gegenüberstanden. Und auch die Mehrheit der zionistischen Führung zog es eigentlich vor, weiter abzuwarten.»

jischuw Nur ein Jahr später hätte es vielleicht nicht geklappt, einen Staat Israel zu gründen. Doch Ben Gurion ergriff die Chance. Angesichts der Schwäche des Jischuw, der vorstaatlichen jüdischen Gemeinschaft in Palästina mit ihren gerade einmal 500.000 Menschen, wirkte diese Entscheidung wie ein Vabanquespiel. Aber Ben Gurion war alles andere als ein Glücksritter. Er wusste einfach nur, was möglich war, um das Unmögliche zu erreichen. Und natürlich, wie man einen Staat richtig auf die Beine stellt.

All das hat viel mit seiner politischen Karriere zu tun, die immerhin die Zeitspanne vom zaristischen Russland bis zum Vietnamkrieg abdeckte. So besaß er beispielsweise schon früh ein Bewusstsein für die Bedeutung von Sprache. Die erste Sprache seiner Wahl war Russisch – schließlich gehörte das 60 Kilometer von Warschau entfernte Plonsk, in dem er 1886 als David Grün zur Welt kam, zum Zarenreich. Polnisch zu lernen, betrachtete der junge Ben Gurion daher als völlig «überflüssig».

sprache Als er 1906 nach Palästina auswanderte, konnte er bereits fließend Hebräisch. Und die Aufforderung an Einwanderer, ihre Namen zu hebraisieren, so wie er es 1906 tat, gehörte bis zuletzt zu seinem Mantra. Zionsliebe, jüdische Arbeiterbewegung und Aufklärung – all das waren die Zutaten, die Ben Gurion zum Vertreter eines Sozialismus machten, wie er nur in Eretz Israel zu finden war. «Von Anfang an war unsere Bewegung eine Rebellion der Pionierjugend gegen das Elend des jüdischen Lebens, der beschämenden Realität der Diaspora, der Sinnlosigkeit des jüdischen Sozialismus und der Sterilität des deklaratorischen Zionismus», schrieb er 1933 in seinem Buch Wir und unsere Nachbarn.

In Vorahnung der Katastrophe, wie sie ab 1939 über die Juden in Europa hereinbrach, plädierte er 1937 im Unterschied zu anderen Zionisten für die Akzeptanz eines Ministaats, wie ihn die Peel-Kommission in ihren Empfehlungen für eine Teilung Palästinas vorschlug. Vielleicht hätte man noch ein paar 100.000 Juden aus Europa retten können, so seine Rechnung.

Informalität und ein fast familiärer Umgang prägten den Stil der politischen Eliten sowohl in den Tagen des Jischuw als auch in den ersten Jahrzehnten nach 1948. Ben Gurion bildete da keine Ausnahme.

pioniergeist Doch im Unterschied zu anderen verkörperte er selbst im hohen Alter diesen Pioniergeist mit jeder Faser seines Körpers. Man sah ihn häufig in kurzen Hosen und Sandalen, was auf Europäer reichlich unkonventionell wirkte.

Symptomatisch ist ebenfalls sein Haus. Wer es auf dem heute nach ihm benannten Ben-Gurion-Boulevard in Tel Aviv besichtigt, möchte kaum glauben, dass dort ein Staatsgründer und langjähriger Ministerpräsident residierte. Von Luxus keine Spur, alles ist von einer funktionalen Schlichtheit. Pantoffeln, Bücherregale und einfachste Möbel prägen das Ambiente. Rosé-Champagner von Moët & Chandon, wie ihn Netanjahu sich kistenweise von Gönnern hat liefern lassen, wird man wohl vergebens suchen.

So unprätentiös sein Wohnumfeld auch wirkt, er selbst war es nicht. «Verbalschlachten und keine Dialoge, genau das war seine Art der Kommunikation», so der Schriftsteller Amos Oz. «Ein angespannter und schroffer Mann mit einem Heiligenschein aus silbernem Haar und einem Kinn, das Ehrfurcht auslöste und auf ein vulkanisches Temperament hindeutete.»

terror Aber Ben Gurion war ein Gegner des Terrors. Arafat, Abbas & Co. hätten von ihm eine Menge lernen können, was man alles besser nicht machen sollte, um einen eigenen Staat zu bekommen.

Als die revisionistische Irgun mit dem Schiff Altalena 1948 versuchte, Waffen für ihre Milizen ins Land zu bringen, gab Ben Gurion den Befehl, das zu verhindern. Für ihn konnte es nur eine einzige Armee geben, und die wurde von der Regierung kontrolliert. Die Existenz diverser Milizen, die einer Partei oder Bewegung nahestanden, war für ihn völlig unakzeptabel. So etwas heißt staatliches Gewaltmonopol.

Und er zögerte nicht, dieses rigoros durchzusetzen. Etwas, das die Palästinenser versäumt haben. Der Wildwuchs des Milizwesens war einer der Gründe, warum sie zum Scheitern verurteilt waren. Nicht umsonst schrieb ein palästinensischer Journalist einmal: «Wir bräuchten unsere eigene Altalena-Affäre, um die Situation in den Griff zu bekommen.» Und natürlich einen Politiker wie David Ben Gurion.

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