Konflikt

Der Feind im Nachbarbett

Ein Verletzter wird in die Notaufnahme des Hadassah-Krankenhauses in Ein Kerem eingeliefert. Foto: Flash 90

Sobald jemand die Schwelle des Krankenhauses übertritt, ist er nur noch Patient.» Nach dieser Devise behandeln israelische Ärzte jeden – auch die palästinensischen Attentäter der vergangenen Wochen. Als der Hamas-Terrorist Abdelrahman al-Shalud und eines seiner Opfer, eine junge Frau, am Abend des 22. Oktober zu gleicher Zeit ins Jerusalemer Krankenhaus Shaare Zedek eingeliefert wurden, beschlossen die Ärzte, den Attentäter als Erstes zu operieren.

Er hatte lebensgefährliche Schussverletzungen, die keinen Aufschub duldeten. Fünf Chefärzte kämpften fünf Stunden um das Leben des Palästinensers aus Hebron, der zuvor mit seinem Auto in eine Gruppe Wartender an einer Straßenbahnhaltestelle in Jerusalem gefahren war. Sieben Menschen wurden dabei schwer verletzt, die erst drei Monate alte Chaya Zissel-Braun starb.

Auch al-Shalud erlag seinen Verletzungen. Trotz aller Anstrengungen, wie der Leiter des Krankenhauses, Ofer Merin, erklärte. «Er bekam 30 Blutkonserven. Wir taten alles für ihn, genauso wie wir es für den Ministerpräsidenten oder den Staatspräsidenten getan hätten», so der Arzt.

Das stößt nicht bei allen Israelis auf Verständnis. In sozialen Netzwerken und Chatrooms fragen sich dieser Tage viele, warum Menschen, die andere ohne mit der Wimper zu zucken ermorden, überhaupt Hilfe bekommen. «Warum muss der israelische Steuerzahler für die Behandlung von Terroristen geradestehen?», schreibt einer. Andere plädieren gar dafür, sie ihrem Schicksal zu überlassen.

Diskussion Es ist eine Diskussion, die in den Krankenhäusern im Land – unter Medizinern und dem gesamten Fachpersonal – niemals geführt wird, unterstreicht Mosche Salia, Leiter der Orthopädie im Ichilov-Krankenhaus in Tel Aviv. «Weder ich noch irgendjemand hier denkt darüber nach, wer das ist oder was er getan hat, wenn ein Mensch Hilfe braucht», sagt er. Der Arzt hat vergangene Woche den Palästinenser Nur al-Din Haschija behandelt, der den 20-jährigen Soldaten Almog Schiloni am Bahnhof Hahagana in Tel Aviv niedergestochen hat. Schiloni erlag seinen Verletzungen, nachdem die Ärzte stundenlang versucht hatten, sein Leben zu retten. Der 18-jährige Attentäter aus Nablus, der bei seiner Festnahme am Handgelenk verletzt worden war, ist dagegen am Wochenende entlassen worden, teilt Salia der Jüdischen Allgemeinen mit. Er werde zur Kontrolluntersuchung wiederkommen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Mosche Salia einen Attentäter behandelt hat. Viele natürlich in Zeiten der ersten und zweiten Intifada, wo ein Cousin des Orthopäden 1996 bei einem Bombenanschlag in der Dizengoff-Straße in Tel Aviv getötet wurde und ein anderer seine Beine verlor. Aber auch ohne diesen Hintergrund gehört es in Israel fast zur Tagesordnung, Menschen zu behandeln, die sich selbst als Feinde des Staates betrachten.

Oder deren Angehörige. So unterzieht sich derzeit die krebskranke Schwester des ranghohen Hamas-Vertreters Mussa Abu Marsuk einer Behandlung in Israel. Im vergangenen Monat ließ sich eine Tochter des früheren Premierministers der Hamas in Gaza, Ismail Hanije, in Tel Aviv behandeln. Und auch die Ehefrau von Palästinenserführer Mahmud Abbas war mit einem Beinbruch in ein israelisches Krankenhaus eingeliefert worden. «Die Behandlung ist bei allen gleich», sagt Salia.

Natürlich sei die Situation manchmal schwierig, weil Patienten wie der Attentäter Haschija unter Polizeischutz stehen. Dann werde versucht, sie in einem Einzelzimmer unterzubringen. «Wenn das nicht möglich ist, liegen sie eben zusammen mit anderen.» Er selbst habe auch in solchen Fällen noch nie eine negative Reaktion von Mitpatienten oder deren Angehörigen gehört.

Wut Es gibt jedoch immer wieder Fälle, in denen Wut, Ohnmacht und Schmerz zu anderen Reaktionen führen. Nicht alle können gelassen bleiben, wenn der Attentäter im gleichen Krankenhaus behandelt wird wie das von ihm attackierte Familienmitglied. Auch Avi Rivkind weiß, dass medizinische Hilfe für Terroristen besonders in diesen Tagen umstritten ist. Trotzdem hat der Leiter der Unfallabteilung des Hadassah-Krankenhauses in Jerusalem keinen Zweifel daran, dass es richtig ist, jedem zu helfen: «Wir haben als Ärzte einen Eid geschworen. Wie kann man da anders reagieren?»

Nach Aussage von Rivkind ist das Hadassah-Krankenhaus ohnehin beispielhaft hinsichtlich der Koexistenz von Juden und Arabern. «Hier arbeiten jede Menge arabische Ärzte und Pfleger. Das gilt auch für die Patienten. Wir haben kein Problem, wir sind eine Insel des Friedens», betont der 65-Jährige, der weltweit als Spezialist für Notfallmedizin und besonders für die Behandlung von Terroropfern gilt und bekannt dafür ist, auch in den aussichtslosesten Fällen um das Leben seiner Patienten zu kämpfen. Freilich bedeute «helfen» nicht, dass man den Patienten sympathisch findet. «Aber das geht einem ja mit allen Menschen so, egal welcher Herkunft.» Zu den negativen Reaktionen mancher Israelis meint Rivkind schlicht: «Ich teile deren Ansicht nicht.» Er ist zudem überzeugt, dass die Mehrheit der Israelis so denkt wie er.

Vergangene Woche wurde Maher Hamdi al-Haschalmun mit schweren Schussverletzungen ins Hadassah eingeliefert. Der 30-jährige Palästinenser wurde blutend in die Notfallabteilung gebracht und von 18 Fachärzten untersucht, bevor die lebensrettende Operation erfolgte. Neben ihm im selben Raum kümmerten sich Ärzte um einen anderen Verletzten – einen jungen Mann. Stunden zuvor hatte al-Haschalmun an einer Bushaltestelle im Westjordanland versucht, ihn mit einem Messer zu ermorden.

Doha/Gaza

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