Interview

»Der erste und wichtigste Schritt«

Theodor Herzl (1860–1904), Begründer des politischen Zionismus Foto: Marco Limberg

Von Theodor Herzl über Jesus, über den jüdischen Aufklärer Moses Mendelssohn, über Jacques Offenbach, Bob Dylan und Leonard Cohen bis zu Albert Einstein und den »Vater der Atombombe«, Robert Oppenheimer: In seinem neuen Buch »222 Juden verändern die Welt« hat Mario Markus bahnbrechende Leistungen und entscheidendes Wirken von Juden unterschiedlichster Professionen zusammengetragen. Darüber, wie es zu der Auswahl kam, warum nicht nur »gute« Erfindungen in dem neuen Buch vorkommen und was der Band zu aktuellen gesellschaftlichen Debatten beitragen kann, hat der in Dortmund lebende Physiker Mario Markus im Interview mit Leticia Witte gesprochen.

Herr Markus, wie kamen Sie auf die Idee zu Ihrem Buch?
Es gab zwei Gründe. Der eine ist: Ich habe meine Eltern in Chile beobachtet. Sie sind dort sehr arm angekommen, nachdem sie zur Zeit der Nationalsozialisten alles in Deutschland verloren hatten. Sie sind durch zwei Eigenschaften aufgestiegen: die Emsigkeit meiner Mutter, und mein Vater war ein »Lichtblitzfänger«. Also einer, der Ideen hatte, sie umsetzte und damit unserer Familie einen gewissen Wohlstand ermöglichte und unsere Schulbildung finanzierte. Das war auch bei unseren Freunden, die ebenfalls Flüchtlinge waren, zu beobachten. Diese Eigenschaften habe ich bei Juden in aller Welt wiedergefunden. Juden haben sich durch Leistung und Ideen integriert und es in den USA, aber auch in anderen Ländern steil nach oben geschafft. Sie sind Teil einer Gesellschaft geworden. Das sehe ich als Vorbild für Flüchtlinge allgemein.

Und der zweite Grund?
Mir ist aufgefallen, dass man Juden oft nur unter dem Aspekt Holocaust sieht. Es ist natürlich wichtig, daran zu erinnern, damit so etwas nicht noch einmal passiert. Und man gedenkt der Toten. Ein anderer Aspekt sind jüdische Rituale und Unmengen an Objekten, die man in Museen entdeckt, zum Beispiel Toravorhänge, »Gebetsmäntel« und Leuchter. Sie werden nicht von allen Juden benutzt – wenn sie aber so ausgestellt werden, dann habe ich immer den Eindruck, wir Juden werden als anthropologische Objekte dargestellt. Wir werden als Exoten vorgeführt. Beides passiert sehr häufig. Das Judentum ist aber viel mehr.

Was meinen Sie genau?
Für eine Antwort wäre ich wieder bei Integration und Leistung. Knapp ein Viertel der Nobelpreisträger sind Juden – aufgrund ihres Mutes zum »Lichtblitzfang«, und weil sie hart arbeiten. Sie haben zum Beispiel die Tuberkulose besiegt, unter der Millionen Menschen gelitten haben. Diese Leistungen sind auch etwas, das man zeigen sollte. Juden sind nicht nur Opfer des Holocaust und nicht nur Exoten, sie sind auch kooperative Figuren unserer Gesellschaft. Das wird oft unter den Teppich gekehrt.

Angesichts dieses Ansatzes: Was kann Ihr Buch vielleicht zu aktuellen Debatten beitragen? Sie haben die Flüchtlinge angesprochen. Es wird auch viel über Antisemitismus diskutiert.
Ich hoffe, dass mein Buch etwas zu gesellschaftlichen Debatten beitragen kann. Es würde schon reichen, wenn die Menschen in dem Band blättern und etwa sehen: Oh, Andre Citroen, der Entwickler des Elektrostarters und der Ente, war Jude, das wusste ich gar nicht! Und das ist nur ein Beispiel. Ich hoffe, es entsteht ein Gefühl von Brüderlichkeit, wenn jemand die Autos oder andere Leistungen von Citroen bewundert und feststellt, dass er Jude war. Ein anderer Weg: Man macht sich klar, dass das Christentum aus dem Judentum entstanden ist. In meinem Buch geht es um Jesus und Paulus und Evangelisten, die Juden waren.

Sie führen in Ihrem Buch auch Menschen auf, deren Wirken umstritten war.
Der ehemalige Außenminister der USA, Henry Kissinger, ist so jemand. Mit Vietnam hat er nicht das erreicht, was er wollte. Er hat viel Mist gebaut, zum Beispiel die Bombardierung von Kambodscha. Ich habe ihn aber in meinem Buch, weil ich finde, Juden sollten sich nicht zu stark selbst beweihräuchern.

Ihr Buch ist thematisch sehr breit aufgestellt: Wissenschaft, Kultur, Religion, Politik und vieles mehr. Es fehlen aber Leute wie David Ben Gurion, erster Ministerpräsident des Staates Israel. Nach welchen Kriterien haben Sie ausgewählt?
Bei Politikern wie Ben Gurion ist es immer eine schwierige Entscheidung. Ich habe in meinem jetzigen Buch Theodor Herzl für den Zionismus aufgenommen. Dies war der erste und wichtigste Schritt zur Gründung des Staates Israel. Es fehlen auch der erste Präsident Israels, Chaim Weizmann, und andere politische Pioniere in dem Staat. Ich war nicht immer überzeugt davon, dass bestimmte Juden die Welt verändert haben, obwohl sie Wichtiges gesagt und getan haben. Ich habe im aktuellen Buch Juden aufgenommen, die die Welt entscheidend verändert haben. Ich plane übrigens noch ein zweites Buch, in das Schauspieler, Regisseure, Komponisten eingehen werden, die in dem jetzigen nicht auftauchen: »222 Juden unterhalten die Welt«.

Sie stellen auffällig viele Naturwissenschaftler vor. Zum Beispiel Albert Einstein und seine Relativitätstheorie oder Jonas Salk und Albert Sabin für die Entwicklung der Polio‐Impfungen, Selman Waksman und Albert Schatz mit ihrem Sieg über die Tuberkulose.
Ein Großteil der bekannten jüdischen Persönlichkeiten, darunter Nobelpreisträger, sind Naturwissenschaftler. Sie haben vor allem in der Medizin große Leistungen vorzuweisen, für die man sie kennt und für die sie ausgezeichnet wurden.

Das Interview mit dem Autor führte Leticia Witte.

Mario Markus: »222 Juden verändern die Welt«. Olms Presse, Hildesheim 2019, 436 S., 29,80

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