Es sind Bilder, die sich in das kollektive Gedächtnis eingebrannt haben: eine junge Mutter, die völlig verzweifelt ihre beiden kleinen Söhne an sich drückt, um sie zu schützen. Sie ist umringt von bewaffneten Terroristen. Die Aufnahme von Shiri Bibas mit ihren Kindern Ariel und Kfir wurde zum Symbol der unfassbaren Brutalität des 7. Oktober 2023. Am Freitag jährt sich ein weiterer schmerzhafter Moment: Vor einem Jahr wurden die Leichen der Kinder aus Gaza nach Israel überführt. Die ihrer Mutter kam zwei Tage später nach Hause – und die Hoffnung auf ein Wunder wurde zu Grabe getragen.
Vor dem blutrünstigen Massaker der Hamas war die Geschichte der Bibas eine Geschichte von Liebe, Freude und Alltag in einem typischen israelischen Kibbuz. Doch innerhalb weniger Stunden wurde all das auf grausamste Weise zerstört. Die vierköpfige Familie lebte im Kibbuz Nir Oz im Süden Israels nahe der Grenze zum Gazastreifen. Am Morgen des 7. Oktober drangen Terroristen aus Gaza in den Kibbuz ein und richteten ein Blutbad an.
Auch Shiris Eltern wurden von der Hamas ermordet
Der Vater, Yarden Bibas, versuchte, seine Familie zu schützen, wurde jedoch überwältigt und getrennt von Frau und Kindern verschleppt. Wenig später wurden auch Shiri und der vierjährige Ariel sowie Kfir, der damals gerade einmal neun Monate alt war, entführt. Auch Shiris Eltern und die Großeltern der Kinder, Yossi Silberman und Margit Shnaider, wurden von der Hamas ermordet. Drei Generationen ausgelöscht.
Freunde und Verwandte erinnern sich an ein normales und fröhliches Familienleben: Ausflüge, Lachen, kleine Rituale des Alltags. Ariel ging in den Kindergarten, war ein großer Fan von Batman und tobte am liebsten im schwarz-gelben Kostüm durch den Kibbuz. Kfir war ein Baby, das es liebte, gekitzelt zu werden, erzählte seine Familie über den kleinen Jungen.
Über Monate hinweg klammerten sich ihre Liebsten an die Hoffnung, die drei könnten im Gazastreifen noch am Leben sein. Doch später wurde bestätigt, dass Shiri, Ariel und Kfir wohl schon in den ersten Wochen der Geiselhaft brutal ermordet worden waren. Für Israel war diese Nachricht ein kollektiver Schock – auch wegen des Alters der Kinder. Kfir war das jüngste der entführten Opfer. Die Gesellschaft stand vor einer unfassbaren Brutalität, die man nicht verstehen durfte.
Yarden Bibas: »Shiri war meine beste Freundin. Wir haben zusammen eine Familie aufgebaut, waren glücklich. Und dann, in einem Moment war alles weg.«
Als die sterblichen Überreste schließlich nach Israel zurückkehrten, überwältigte die Trauer das ganze Land. Orangefarbene Ballons, in Anlehnung an die roten Haare der Jungen, schmückten Plätze, Brücken und Häuser. Menschen standen schweigend und tränenüberströmt in T-Shirts mit den Gesichtern der Getöteten an Straßenrändern, während die Trauerzüge vorbeifuhren. Privat war der Schmerz kaum zu fassen, doch er wurde auch zu einem nationalen Ereignis.
Besonders erschütternd war der Moment für Yarden Bibas, Ehemann von Shiri und Vater von Ariel und Kfir. Er war kurz zuvor selbst aus der Geiselhaft freigekommen, in der er gefoltert worden war. Nach fast 500 Tagen in der Gewalt der Hamas in den Tunneln kehrte er in die unvorstellbar traurige Realität zurück. Bei der Beerdigung seiner Familie bat er um Verzeihung: »Shiri, es tut mir leid, dass ich euch nicht beschützen konnte«, sagte er unter Tränen. »Ich hätte alles tun sollen, um euch zu retten.«
In einem persönlichen Video erinnerte er sich an seine Frau: »Shiri war meine beste Freundin. Wir haben zusammen eine Familie aufgebaut, waren glücklich. Und dann, in einem Moment war alles weg.« Später beschrieb er den unvorstellbaren Verlust mit wenigen Worten: »Meine Familie war mein ganzes Leben. Ich habe alles verloren. Jetzt muss ich lernen, ohne sie weiterzumachen, einen Tag nach dem anderen.«
Die Welt hat die Bibas auf grausamste Weise kennengelernt
Auch Angehörige erinnerten an die beiden Kinder als »Licht ihres Lebens«. Dana Silberman, die Schwester von Shiri, sagte in ihrer Trauerrede: »Ariel war ein Kind voller Energie und Lachen, und Kfir war ein Baby, das vorher nur Liebe erlebte. Aber die Welt hat sie auf die grausamste Weise kennengelernt.«
Mutter und Kinder wurden gemeinsam bestattet – so, wie Shiri ihre Söhne auch im letzten bekannten Moment festgehalten und schützend umarmt hatte. Ein Familienmitglied sagte später: »Sie waren im Leben zusammen, und auch jetzt sie werden sie zusammenbleiben – für immer.«
Heute, ein Jahr nach der Rückkehr der Leichen, bleibt die Geschichte der Bibas-Familie ein offener Schmerz in Israel. Sie steht nicht nur für das persönliche Leid eines Mannes, der innerhalb weniger Stunden seine Frau und Kinder verlor, sondern auch für die vielen zerstörten Familien des 7. Oktobers. Es ist eine Wunde, die niemals ganz heilen wird.