Sozialproteste

Das »Rothschild-Team«

»Eretz jekarah«: Demonstranten beklagen am Samstagabend das zu »teure Land«. Foto: Flash 90

Noch vor einer Woche hatten Politiker der regierenden Likud-Partei sie verächtlich als »Sushi-Esser« und »Wasserpfeifenraucher« bezeichnet – symbolisch für eine junge, hedonistische Generation von Israelis, die sich für nichts als sich selbst interessierte und politisch nicht mobilisiert werden konnte. Das entpuppte sich als Fehleinschätzung. In der größten Demonstration seit Jahren protestierten rund 300.000 Israelis Samstagabend gegen die Wirtschaftspolitik Benjamin Netanjahus. Alle Schattierungen der israelischen Gesellschaft marschierten in den Straßen Tel Avivs: Junge, säkulare Familien, Religiöse, Großeltern und Studenten, Juden und Araber.

Die Forderungen auf der Demonstration waren divers: Hier wollten Vegetarier einen Fleischbann durchsetzen, dort protestierten Bewohner eines armen Vororts gegen die Gentrifizierung ihres Stadtviertels. Doch immer wieder skandierten Zehntausende gemeinsam die Parole: »Das Volk fordert soziale Gerechtigkeit.« Sie haben es satt, dass die Schere zwischen Arm und Reich in Israel immer größer wird.

Konzept Nach den Revolutionen in der arabischen Welt entdeckt Israels gebeutelte Mittelschicht ihre Macht und fordert sie ein. »Die Arbeitsaufteilung in Israel ist einfach«, erklärt Politikprofessor Dan Schüftan von der Haifa-Universität ein altes Diktum: »Ein Drittel forscht und treibt die Wirtschaft voran, ein Drittel dient in der Armee und in der Reserve, und ein Drittel zahlt die Steuern. Das Problem dabei ist nur: Es ist dasselbe Drittel.«

Dazu ist man nun nicht mehr bereit. Noch hat die Führung der Proteste kein einheitliches Konzept vorgelegt. Sie fordert sozialen Wohnungsbau und einen Abbau regressiver Steuern, während Experten empfehlen, die verbleibenden Monopole im Land zu zerschlagen.

Komitee Er sei sich »der Schwierigkeiten bewusst, die das hohe Preisniveau in Israel verursacht«, gab Premier Benjamin Netanjahu am Sonntag nach den überraschend großen Demos zu. Statt die Protestler zu diskreditieren, will er sie für sich gewinnen. Er schöpft Mut daraus, dass nur ein kleiner Teil der Demonstranten seinen Rücktritt verlangt. Die meisten wollen von ihm, dass er ihren Forderungen nachkommt. Die Proteste seien deswegen »ein Ausdruck des Vertrauens der Bevölkerung«, meinte Finanzminister Juval Steinitz hoffnungsvoll. Tatsächlich haben die Demonstrationen keine politische Stoßrichtung: Keiner der Oppositionsparteien gelang es, aus dem weiten Unmut Profit zu schlagen.

»Wir werden zwar nicht allen Forderungen nachkommen können. Aber wir werden alle anhören«, versprach der Premier. Umweltminister Gilad Erdan zeigte seine Solidarität mit den Demonstranten, indem er die Aussage des Bürgermeisters von vo
riger Woche kritisierte: »Ich esse auch gern Sushi«, outete sich Erdan. Doch kulinarische Geständnisse werden die erhitzten Ge-
müter kaum beruhigen. Am Sonntag ernannte Netanjahu fast das halbe Kabinett zu einem Komitee unter der Führung des Finanzministers, das bis Anfang September Lösungsvorschläge unterbreiten soll. Nach dem Ort der Zelt-Proteste (Rothschild Boulevard) sprechen die Medien schon vom »Rothschild-Team«.

Netanjahu versprach, bürokratische Hürden abzureißen, 20.000 Sozialbauwohnungen zu errichten und Preisnachlässe im öffentlichen Verkehr einzuführen. Die anfänglichen Reformen wurden von der Bevölkerung bisher als unzureichend abgelehnt. Die Organisatoren der Proteste planen für Anfang September einen »Marsch der Millionen«, sollte Netanjahu sein Angebot nicht verbessern.

Medizin

Eine neue Lunge und zur Genesung nur Paracetamol

In Israel ist erstmals eine Lungentransplantation mithilfe eines Operationsroboters gelungen. Für den Patienten bedeutet das eine deutlich schnellere Genesung

von Sabine Brandes  06.11.2026 Aktualisiert

Israel

Was sich mit Eisenkot ändern könnte

Eine Mehrheit der Abgeordneten empfiehlt Gadi Eisenkot für den Auftrag zur Regierungsbildung. Doch der Weg ins Amt ist steinig. Und wie weit könnte ein Kurswechsel unter ihm tatsächlich gehen?

von Sara Lemel  06.11.2026

Interview

Kann Israel ohne Amerikas Waffen bestehen?

Der Politikwissenschaftler Jonathan Rynhold erklärt, was ein Ende der US-Militärhilfe für Israels Sicherheit bedeuten würde und wie sich das Verhältnis zu Washington in Zukunft entwickeln könnte

von Sabine Brandes  05.11.2026

Wahlen

Netanjahus Partner gehen von Bord

Die Charedim erklären sich für ungebunden und entziehen dem Rechtsblock ihre Unterstützung. Herausforderer Gadi Eisenkot hat deutlich mehr Empfehlungen hinter sich

von Sabine Brandes  05.11.2026

Israel

Herzog setzt Gespräche über Regierungsbildung fort

Erst Gespräche mit den kleinen Parteien, am Abend dann mit den stärksten in der neuen Knesset: Präsident Herzog sondiert die Möglichkeiten für eine neue Regierung

 05.11.2026

Israel

Eisenkot plädiert für erneuerte Partnerschaft Israels mit den USA

Noch ist unklar, wer Israels nächste Regierung leitet. Ex-Militärchef Eisenkot unterstreicht seinen Führungsanspruch - und wendet sich an den wichtigsten Verbündeten

 05.11.2026

Straße von Hormus

Iran: Zwei Tanker und ein Schlepper in Brand geraten

In den vergangenen Tagen wurden vermehrt Schiffe angegriffen oder durch Minen beschädigt

 05.11.2026

Knesset-Wahl

Herzog lotet Mehrheiten aus

Nach dem knappen Wahlausgang in Israel hat Präsident Herzog Gespräche zur Regierungsbildung aufgenommen. Ex-Militärchef Eisenkot könnte nach Medienberichten zuerst den Auftrag erhalten.

 04.11.2026

Wahl

Koalitionskampf und Politpoker

Weder Benjamin Netanjahu noch Gadi Eisenkot konnten sich die Mehrheit sichern. Wie geht es weiter?

von Sabine Brandes  04.11.2026