Nahost

»Das hat nichts mit Liebe zu tun«

Israels Verteidigungsminister Benny Gantz traf sich mehrmals mit Mahmud Abbas und setzt auf Verständigung. Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Nahost

»Das hat nichts mit Liebe zu tun«

Verteidigungsminister Benny Gantz setzt bei der Kooperation mit Mahmud Abbas auf Pragmatismus

von Sabine Brandes  27.08.2022 21:18 Uhr

Natürlich blieben die unsäglichen Äußerungen zum Holocaust von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas auch im Nahen Osten nicht ungehört. Ministerpräsident Yair Lapid und Verteidigungsminister Benny Gantz, beide Söhne Schoa-Überlebender, machten unmissverständlich klar, wie angewidert sie sind. Und gingen dann zur Tagesordnung über. Die lautet: »Wir leben hier schließlich im Nahen Osten.«

Die Aussagen von Abbas in Berlin, dass Israel »50 Holocauste« an den Palästinensern begangen habe, führte zu Entsetzen in Deutschland und der ganzen Welt. Auch Gantz, Vorsitzender der zentristischen Blau-Weiß, bezeichnete dies als »sehr ernsten Vorfall«. Allein die Leugnung der Schoa, nicht zuletzt in Deutschland, sei empörend, wahnhaft und falsch. »Nichts ist vergleichbar mit dem Holocaust.«

Während viele im Ausland meinen, Abbas habe damit lediglich sein wahres Gesicht gezeigt und müsste nun Persona non grata sein, beschloss Gantz, über sein Büro zu verlangen, dass er die Bemerkungen zurücknimmt. »Und es ist gut, dass er das getan hat.«

In den Monaten zuvor hatte er regelmäßig mit dem Chef der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) kommuniziert und sich mit ihm persönlich getroffen. Einmal sogar in seinem Privathaus im Tel Aviver Vorort Hod Hascharon, wo Medienberichten zufolge Gantz’ uniformierter Sohn, der derzeit in der Armee dient, ins Wohnzimmer gekommen sei, als die Unterredung zwischen den beiden Politikern gerade stattfand. Angeblich habe Abbas darauf gesagt: »Ich hoffe, dass aus diesem Haus Frieden kommt.«

zusammenkunft Ob sich die Geschichte tatsächlich so zugetragen hat, ist unklar. Eins aber ist sicher: Gantz macht aus den Zusammenkünften keinen Hehl. Im Gegenteil: Immer wieder hebt er hervor, wie wichtig die Aufrechterhaltung der Kooperation mit Abbas und dem Sicherheitsapparat der PA für Israel und die gesamte regionale Stabilität ist. Doch nicht alle stimmen mit ihm überein. Als Reaktion auf die Kritik gegen ihn, wie man sich mit einem Holocaust-Leugner an einen Tisch setzen könne, konterte er: »Ich muss Soldaten auf das Schlachtfeld schicken und alles tun, um zu verhindern, dass dieser Kampf überhaupt stattfindet. Wir müssen die Stabilität aufrechterhalten, wir müssen bei der Sicherheitskoordinierung vorsichtig sein. Ich arbeite nicht mit Mutter Teresa zusammen. Ich arbeite, mit wem auch immer ich muss. Das ist die Natur der Dinge.«

Für alle, die es nicht verstanden hatten, fügte er hinzu: »Ich verkünde hiermit, dass wir hier bleiben werden, ebenso wie die Palästinenser.« Daher müsse man mit ihnen reden. »Ja, ich habe mich mit Abbas getroffen, einmal in seinem Haus, einmal in meinem und einmal in seinem Büro. Das hat nichts mit Liebe zu tun.«

Wohl eher mit Pragmatismus. Auch bei anderen Stabschefs, Verteidigungsministern und der Regierung unter dem ehemaligen Premierminister Benjamin Netanjahu gab es permanente Absprachen zwischen Ramallah und Jerusalem. Wenn auch nicht so öffentlich gemacht wie unter Gantz‘ Leitung des Ministeriums. Lediglich wenn die Stimmung zwischen beiden Seiten ganz miserabel war, »drohte« die PA mit einem Abbruch aller Beziehungen. Tatsächlich kam es so gut wie nie dazu. Denn die Zusammenarbeit ist eine bedeutende Säule der Sicherheit. Das weiß Gantz, das weiß Netanjahu und auch Abbas.

Mob Denn oft entscheidet sie über Leben und Tod. Wie zum Beispiel im Dezember des vergangenen Jahres, als sich zwei religiöse Israelis bis auf den Mangerplatz in Ramallah verirrten. Ein wütender Mob tobte um ihr Auto herum, doch palästinensische Polizisten schützten das Leben der beiden Männer und übergaben sie unversehrt an die israelische Armee. Vorfälle wie dieser sind keine Seltenheit. Auch IDF-Soldaten sind mehrfach von der PA sicher über die grüne Grenze gebracht worden.

Die Zusammenarbeit mit der PA ist eine Säule der Sicherheit.

Spätestens seit dem grausamen Lynchmord an zwei Reservesoldaten, die sich zwei Jahrzehnte zuvor in dieselbe Stadt verirrt hatten, weiß man, dass so etwas tödlich ausgehen und sich zu einer großen diplomatischen Krise im sprichwörtlichen Pulverfass Nahost entwickeln kann. Dabei ist die Sicherheitskooperation alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Denn nach jedem Vorfall hetzt die Terrororganisation Hamas, die im Gazastreifen regiert, und ruft auf zu weiteren gewalttätigen Taten gegen Israelis.

Taten Die Vereinbarung sorgt auch auf palästinensischer Seite für mehr Ruhe, darin stimmen beide Seiten überein. Nachdem im Jahr 2018 zwei uniformierte israelische Soldaten von PA-Beamten gerettet und sicher an Israel übergeben wurden, führte ein palästinensischer Angestellter in einem Interview mit der Jerusalem Post die Begründung der PA aus: »Wir haben eingegriffen, weil wir nicht wollen, dass jemand stirbt, unabhängig von seinem Hintergrund. Wir glauben, dass die Rettung der Soldaten eine humanitäre Angelegenheit war«, so der Beamte. »Doch natürlich wollen wir auch unsere Leute schützen. Wenn Soldaten getötet werden, käme die israelische Armee sofort und würde Chaos anrichten. Wir haben aber kein Interesse daran, zu den Tagen der Zweiten Intifada zurückzukehren.«

Trotz der Unbeliebtheit von Abbas in Israel und auch beim eigenen Volk hat die PA unter seiner Führung an einer engen Sicherheitskoordinierung mit Israel festgehalten. Und diese Taten zählen in der Realität des Nahen Ostens mehr als Worte.

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