Attentat

»Dafür werden sie bezahlen«

Nach dem Anschlag in Jerusalem ist vielen Israelis der Schrecken ins Gesicht geschrieben. Foto: Flash 90

Die Linie 74 wäre ihre gewesen. Nun steht Jeannie auf Zehenspitzen am rot-weißen Absperrband, versucht, über die Köpfe der Polizisten und Soldaten hinweg einen Blick auf den Bus zu erhaschen, in dem sie hätte sitzen sollen. Und der wenige Minuten zuvor von einer Explosion erschüttert wurde. »Ich war zu spät«, sagt sie und schluchzt. »Gott sei Dank war ich zu spät.« Die 20-jährige Kanadierin ist aufgelöst: Vor Glück, dass sie dem Anschlag entkommen ist, der am Mittwochnachmittag Jerusalem erschüttert hat und bei dem eine Frau getötet und 35 Menschen verletzt wurden. Und auch vor Sorge, dass ihren Freundinnen dieses Glück nicht zuteil wurde. »Wir wollten zusammen mit dem Bus zur Arbeit fahren, ausgerechnet mit der Linie 74, und ich kann sie nicht erreichen«, sagt Jeannie und hält ihr Mobiltelefon fest in der Hand. Die Leitungen brechen immer wieder zusammen. Es müssen Tausende Telefongespräche sein, die in diesen Minuten von dem Ort der Explosion vor dem Internationalen Kongresszentrum aus geführt werden. Die immer gleichen Satzfetzen schwirren in der Luft: »…geht es gut«, »Nein, mach dir keine…«, »Wo bist du, ist alles…«.

Gerüchte Direkt nach der gewaltigen Detonation waren Hunderte Schaulustige zum Tatort geeilt. Nun hat die Polizei Probleme, die Situation unter Kontrolle zu halten. Gerüchte von einer möglichen zweiten Explosion machen die Runde, andere wollen etwas von einer Schießerei in der Nähe des Kongresszentrums gehört haben. Jerusalems Bürgermeister Nir Barkat kommt vorbei, spricht in die Fernsehkameras. »Wir werden niemanden unser Leben ruinieren lassen«, sagt er kämpferisch. Der für Freitag angesetzte Jerusalem-Marathon finde wie geplant statt. Die Polizei räumt die Straße, drängt die Schaulustigen an den Rand zurück. »Das ist nur der Anfang«, sagt ein älterer Herr verschwörerisch.

Eine Straße weiter, neben dem zentralen Busbahnhof, sammeln sich Passanten vor der Snackbar »Omelett«. In dem Fernseher, der hinter der Theke hängt, sind auf Kanal 2 die Live-Bilder aus Jerusalem zu sehen. Ein junger Mann steht vor dem Eingang und starrt gebannt auf den Bildschirm, seine gehäkelte Kippa hält er zusammengedrückt in der Hand. Ob er dabei gewesen ist? »Ja, ich war im Busbahnhof«, erzählt er langsam. »Wir haben den Knall gehört und alle Leute sind rausgerannt. Ich bin dann dorthin und habe zwei, drei Menschen auf der Straße liegen sehen, voller Blut.« Er sei Arzt und wollte helfen. Vor seinem Medizinstudium habe er schon als Sanitäter gearbeitet, er wisse also, wie Verletzte aussehen. Trotzdem ist der Mann bleich, wirkt fahrig, als stünde er unter Schock. »Ich muss meine Hände waschen«, sagt er und verschwindet.

Bushaltestelle Snackbar-Mitarbeiter Ya’akov hat die Explosion von seinem Grill aus beobachtet. »Ich wusste gleich, dass das ein Anschlag ist«, sagt er. Zum nur wenige Meter entfernten Tatort ist er jedoch nicht gerannt. »Ich habe schon einmal Körperteile von der Straße aufgehoben, vor einigen Jahren nach einem Anschlag in Bnei Brak«, erinnert er sich. »Das hat mich traumatisiert. Und ich hätte dort eh nicht helfen können.« Nun steht er gemeinsam mit seiner Kollegin Naama aus dem benachbarten »Holy Bagger«-Laden auf der Straße und schaut durch die Bäume zu der Bushaltestelle hinüber, an der das Unglück passierte. »Es ist schlimm«, sagt Naama. »Jetzt wird man wieder bei jedem Araber, den man sieht, zusammenzucken und aus dem Bus aussteigen, weil man Angst hat, er könnte der nächste Attentäter sein.« Als am Straßenrand laut knatternd ein Motorrad startet, zuckt Ya’akov zusammen. »Siehst du«, sagt Naama, »sogar vor so etwas hat man jetzt Angst, im ersten Moment zumindest.« Beide sind sich einig: Israel muss nun handeln. »Der Anschlag heute war das Streichholz, mit dem die Palästinenser das Öl entzündet haben«, sagt Ya’akov. »Dafür werden sie bezahlen.« Bis dahin solle man jedoch stark frequentierte Plätze meiden, gibt er noch mit auf den Weg. »So ein Quatsch«, sagt Naama. »Du musst nicht Plätze meiden, du musst einfach beten.«

Jeannies Gebete wurden erhört. Eine Dreiviertelstunde nach der Explosion erreicht die 20-Jährige ihre Freundinnen, die sie in einem der betroffenen Busse vermutet hatte. »Sie waren auch zu spät«, jubelt sie und springt in die Luft. »Sie stehen auf der anderen Seite hinter der Absperrung.«

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