Geiseln

Blind, allein, dem Tode nah

Am Abend des 6. Oktober 2023 waren Guy Gilboa-Dalal und Alon Ohel zwei junge Israelis, mit Plänen und Träumen und voller Leben. Doch dann überfielen Horden der Hamas das Nova-Musikfestival, auf dem die beiden tanzten. Sie wurden von Terroristen verwundet und nach Gaza verschleppt. 700 Tage nach ihrer brutalen Entführung hat die Hamas ein Propagandavideo veröffentlicht, das die beiden vorführt. Gilboa-Dalal und Ohel wirken darin ausgemergelt und extrem schwach.

Von dem 24-jährigen Alon Ohel, der auch die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, ist es die erste Aufnahme, seitdem er vor fast zwei Jahren verschleppt wurde. Zwar überbrachten freigelassene Geiseln seiner Familie Lebenszeichen, doch zu sehen war er nie.

Erschütternde Erinnerung

Für die Familien ist das Video eine erschütternde Erinnerung und ein Hoffnungsschimmer zugleich. Es wurde vermutlich Ende August aufgenommen. Guy Gilboa-Dalal ist in einem Auto zu sehen, das durch Gaza-Stadt gefahren wird. Hinter ihm sind Trümmer von Gebäuden zu erkennen. Der 22-Jährige aus Kfar Saba spricht sichtlich verzweifelt eine eindringliche Bitte aus: »Alles, was wir wollen, ist, zu unseren Familien zurückzukehren. Bitte holt uns zurück!« Er sagt weiter, dass er in Gaza-Stadt festgehalten werde und dass er vor Angst Albträume habe, in der sich ausweitenden israelischen Offensive getötet zu werden. Außer ihm seien acht weitere Geiseln in der Stadt. Ihr aller Leben sei in Gefahr, so Gilboa-Dalal in dem offensichtlich von der Terrorgruppe diktierten Video.

»Guy, Alon und andere Geiseln wurden nach Gaza-Stadt gebracht, und wir sind in großer Sorge um ihr Leben. Sie müssen nach Hause geholt werden«, erklärte die Familie von Gilboa-Dalal nach der Veröffentlichung des Clips. Ein Freund der Familie sagte: »Er hat nicht nur Angst davor, durch die Hände seiner Entführer zu sterben, sondern auch durch die Bomben, die ihn eigentlich retten sollen.«

»Mein Matan ist in unmittelbarer Todesgefahr. Das hat man mir mitgeteilt.«

Einav Zangauker

Alon Ohels Eltern Kobi und Idit sagten, nachdem sie der Veröffentlichung eines Bildes ihres Sohnes aus dem Video zugestimmt hatten: »Wir waren schockiert über seinen Zustand. Nach Rücksprache mit Augenärzten in Israel und im Ausland ist klar, dass er auf dem rechten Auge nicht sehen kann. Früher war er voller Licht. Jetzt wissen wir nicht, ob er das Licht überhaupt noch sehen kann.«

Das Völkerrecht verpflichte die Hamas, die in Gefangenschaft befindlichen Zivilisten medizinisch zu versorgen, fuhren die Eltern fort. Doch die Hamas erlaubt weder eine medizinische Versorgung noch Besuche von Hilfsorganisationen. Aussagen von freigelassenen Geiseln zeichnen immer wieder ein unvorstellbar grausames Bild der Bedingungen, unter denen die Gefangenen überleben müssen: angekettet in engen feuchten Tunneln, ohne Sonnenlicht oder frische Luft, bei katastrophalen hygienischen Zuständen, fast verhungert sowie physisch wie psychisch gefoltert.

Anschließend brach sie zusammen

Am selben Tag meldete sich auch die Mutter der jungen Geisel Matan Angrest zu Wort: Vor einigen Tagen habe sie einen Anruf der israelischen Armee erhalten. Anschließend sei sie zusammengebrochen. »Sie sagten, mein Sohn könnte sehr bald sterben«, so die Mutter des 22-Jährigen. »Das war nicht mehr nur ein Gefühl. Es war real. Offiziell. Dringend.«

Ihr Sohn, ein IDF-Soldat, wurde am 7. Oktober 2023 von der Hamas aus seinem Panzer in Nahal Oz entführt. Er wurde dabei schwer verwundet, mit Verbrennungen, war bewusstlos und allein. Seitdem erleidet er durch die Hamas extremen Hunger und regelmäßige Folter. Auf X wandte sich Anat Angrest an Premier Benjamin Netanjahu: »Herr Ministerpräsident, haben Sie letzte Nacht geschlafen? Ich habe die 700. Nacht ohne Schlaf verbracht. Mein Matan ist in unmittelbarer Todesgefahr. Das hat man mir mitgeteilt.«

Diese Nachricht und das Video von Gilboa-Dalal und Ohel lösten in Israel erneut emotionale Reaktionen aus: Das Forum für die Familien von Geiseln reagierte mit der Forderung, jeder, der wirklich alle 48 noch in Gaza gefangen gehaltenen Geiseln zurückbringen wolle, müsse an den Verhandlungstisch zurückkehren. »Die Vereinbarung, die auf die Antwort der israelischen Regierung wartet, muss vorangetrieben und für ein umfassendes Abkommen zur Freilassung aller Geiseln genutzt werden.«

Sie bezeichnete Netanjahu als »Verräter«

Einav Zangauker, deren Sohn Matan ebenfalls in der Gewalt der Hamas ist, warf Netanjahu beim Massenprotest in Jerusalem am vergangenen Samstag vor, die Geiseln für seine Politik zu opfern, und bezeichnete ihn als »Verräter«. Sein einziges Vermächtnis seien die Massaker des 7. Oktober. Auch Ora Rubinstein, Tante der Hamas-Geisel Bar Kuperstein, wandte sich direkt an den Premier: »Wir sind keine Anarchisten, keine Rechten, keine Linken – wir sind Familien! Und unsere Forderung ist, dass Sie alle Geiseln sofort zurückholen.«

Netanjahu selbst verurteilte das Video als »grausame Propaganda«. Er habe mit den Eltern von Guy Gilboa-Dalal und Alon Ohel gesprochen, teilte sein Büro mit. Der Krieg könne unter den von Israel gestellten Bedingungen sofort beendet werden, hob er hervor: der Freilassung aller lebenden und toten Geiseln, der Entwaffnung der Hamas, der Entmilitarisierung Gazas und der Einrichtung einer israelischen Sicherheitskontrolle. »Kein teuflisches Propagandavideo wird uns entmutigen oder von unserer Entschlossenheit abbringen, diese Ziele zu erreichen.« Oppositionsführer Yair Lapid plädierte für neue Verhandlungen und erklärte: »Wir müssen alles tun, um sie nach Hause zu holen.«

»Früher war er voller Licht. Jetzt wissen wir nicht, ob er das Licht überhaupt noch sehen kann.«

Kobi und Idit Ohel

US-Präsident Donald Trump richtete am Sonntag seine »letzte Warnung« an die Hamas. Er fügte hinzu, dass Israel seinen Vorschlag für einen Waffenstillstand und die Freilassung der Geiseln akzeptiert habe, was die Koalition in Jerusalem allerdings nicht bestätigte. Kanal 12 berichtete, dass der aktuelle US-Vorschlag die Freilassung aller Geiseln am ersten Tag einer Feuerpause vorsehe und, falls die anschließenden Gespräche erfolgreich seien, das Ende des Krieges in Gaza.

»Jeder will die Geiseln zu Hause. Jeder will, dass dieser Krieg endet!«, postete Trump. »Es ist Zeit, dass auch die Hamas (meine Bedingungen) akzeptiert. Dies ist meine letzte Warnung. Es wird keine weitere geben.« Im März hatte er bereits ein ähnliches Ultimatum gestellt und der Hamas mit der »Hölle« gedroht. Zudem sagte er zweimal, dass einige der 20 als lebend geltenden Geiseln »kürzlich gestorben« seien.

Die Cousine von Alon Ohel sagte nach der Veröffentlichung des Videos: »Die Aufnahmen sollten uns zeigen, dass sie noch leben. Aber ich sehe nur, dass der Tod näherkommt.«

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