Sport

Blau-Weiß trifft Schwarz-Rot-Gold

Bayern-Spieler Uli Hoeneß gegen Mönchengladbachs Shmuel Rosenthal: Der FC Bayern gewann die Partie am 21. Oktober 1972 mit 3:0. Foto: imago

Uli Hoeneß war der Erste. Zusammen mit Paul Breitner, Rolf Rüssmann und anderen damaligen Junioren-Nationalspielern lief der spätere Welt- und Europameister Ende 1968 zum ersten Spiel einer Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) auf israelischem Rasen auf; als Trainer war Udo Lattek mitgereist. Aber öffentlich beworben wurde das Spiel nicht. Als es in Israel bekannt wurde, kam es zu einer kleinen Protestdemonstration.

Israelischerseits war Shmuel Rosenthal der Erste. 1971 wechselte der Nationalspieler in die deutsche Bundesliga zu Borussia Mönchengladbach. Als er 1973 zurück in Israel war, berichtete Rosenthal, nach dem Olympiaattentat von München 1972 hätten sich seine Kollegen geweigert, mit ihm im selben Flugzeug, Zug oder Bus zu reisen. Borussia nannte den Vorwurf »absurd«. Rosenthals Vertrag sei aufgelöst worden, »weil seine Leistungen nicht ausreichten«.

bewertung Bis heute herrscht Uneinigkeit, wie die Rolle des Fußballs in der Entwicklung der deutsch-israelischen Beziehungen zu bewerten ist. Ein Experte wie der Kölner Sporthistoriker Robin Streppelhoff spricht von einem »gelungenen Brückenschlag«.

Andere jedoch verweisen auf Boykotterfahrungen, die gerade Israelis erleben mussten. Etwa, als sich 2007 der U21-Nationalspieler Askan Dejagah weigerte, gegen Israelis zu spielen. Oder 2004, als der iranische Bayern-München-Profi Vahid Hashemian nicht zu einem Champions-League-Spiel nach Tel Aviv fliegen wollte – der Club erklärte das mit »Rückenschmerzen«. Oder 1989, als der damalige niedersächsische Verbandsligist Kickers Emden ein Freundschaftsspiel gegen Hapoel Rehovot boykottierte – man sei schließlich politisch neutral, also weder projüdisch noch proarabisch.

Freundschaftsspiel
Doch auch Fakten, die eine Erfolgsbilanz nahelegen, lassen sich aufzählen. Im Sommer 1969, ein halbes Jahr nach Hoeneß’, Breitners und Rüssmanns Pioniertat, flog der Regionalligist Bayern Hof offiziell nach Israel. Ein Dokumentarfilm über die historische Reise schaffte es 2010 in deutsche Kinos. Zur gleichen Zeit lud Borussia Mönchengladbach zu einem Freundschaftsspiel gegen eine israelische Auswahl auf den heimischen Bökelberg.

Das Rückspiel 1970 in Tel Aviv löste Begeisterung um Günter Netzer und Berti Vogts aus. Historiker Streppelhoff: »Angesichts der Tatsache, dass Günter Grass während der Deutschen Kulturwoche im Jahr darauf mit Tomaten beworfen wurde, erscheint es umso erstaunlicher, dass seine Trikot tragenden Landsleute mit Jubelrufen verabschiedet wurden.«

Wie bedeutend Sportkontakte sein können, war allen Beteiligten klar. Die Deutsche Botschaft sprach von einer »Durchführung des Spiels als Prestigefrage«, und als es Probleme mit dem Flug gab, sprang die Bundeswehr mit einer Maschine ein.

Dass es ausgerechnet der Verein Borussia Mönchengladbach war, der sich um das deutsch-israelische Verhältnis verdient machte, ist eng mit dessen langjährigem Trainer Hennes Weisweiler verknüpft. In den 50er-Jahren war Weisweiler in der Trainerausbildung des DFB an der Sporthochschule Köln tätig, an der etliche Israelis sich ausbilden ließen.

Austausch Ein enger Austausch erwuchs daraus nicht. Erst zwei deutsche Trainer waren in Israel tätig: Uwe Klimaschewski war für die Saison 1971/72 bei Hapoel Haifa, nachdem der zuerst angefragte Georg Dulz abgesagt hatte. Und im Jahr 2008 kam Lothar Matthäus zu Maccabi Netanya, aber der frühere Weltfußballer schied noch vor Saisonende aus dem Vertrag.

Einen israelischen Coach im deutschen Profifußball hat es, anders etwa als in der englischen Premier League, nie gegeben. Auch von vielen Länderspielen zwischen Deutschland und Israel kann man nicht berichten: 1971 im rheinischen Frechen trafen die Olympiateams aufeinander; 1987 und 1997 spielte man in Ramat Gan, und 2002 trat in Kaiserslautern Israel erstmals auf deutschem Boden an; es folgte ein Freundschaftsspiel 2012 in Leipzig.

Vor Peinlichkeiten war man da nie gefeit. Im Programmheft von Kaiserslautern hieß es, nach zuletzt schlechten Spielen der DFB-Elf sei »gegen Israel zunächst einmal Wiedergutmachung angesagt«. Als die Nationalelf 1997 die Schoa-Gedenkstätte Yad Vashem besuchte, wurde Franz Beckenbauer mit dem Satz zitiert: »Der Besuch brachte mir nichts Neues.« Und Mario Basler wandte sich an Trainer Berti Vogts: »Hat es so etwas wirklich gegeben, Trainer?« Vogts antwortete: »Doch, so war es.«

Nachwuchsteams
Im Jahr 2009, unter der Ägide des damaligen DFB-Präsidenten Theo Zwanziger, einigten sich der deutsche und der israelische Verband darauf, dass jedes Jahr Nachwuchsteams Freundschaftsspiele gegeneinander austragen. Besuche deutscher Mannschaften in Yad Vashem sind obligatorisch. Die deutsch-israelischen Sportbeziehungen gehören zur Normalität und tun dem Fußball in beiden Ländern gut.

Ob es den Pionieren Uli Hoeneß und Shmuel Rosenthal auch guttat, ist eine Frage der Perspektive. Uli Hoeneß jedenfalls wurde Manager und Präsident des FC Bayern München; heute sitzt er wegen Steuerhinterziehung im Gefängnis. Rosenthal musste nach seiner Karriere für 13 Jahre wegen Kokainschmuggels ins Gefängnis; später arbeitete er in Tel Aviv in einer Elektronikfirma.

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