Israelische Presseschau

Banger Blick nach Osteuropa

Muttersprachliche Lektüre: russischer Kiosk in Jerusalem (2008) Foto: Copyright (c) Flash 90 2008

Über eine Million Israelis stammen aus der ehemaligen Sowjetunion. Auch wenn sich viele von ihnen mittlerweile auf Hebräisch informieren, bleiben russischsprachige Onlinenachrichtenportale, Radio- und Fernsehsender ein fester Bestandteil der israelischen Medienlandschaft.

Ob »CursorInfo« oder »NewsRu.co.il«: Die russischsprachigen Nachrichtenportale räumen der sich zuspitzenden Krise rund um die Ukraine einen ebenso prominenten Platz ein wie den aktuellen Meldungen aus der israelischen Innenpolitik. Sie berichten größtenteils sachlich und lassen alle Seiten zu Wort kommen. Eine Präferenz oder Parteinahme lässt sich aus den Meldungen dieser Portale nicht herauslesen.

Einen russlandfreundlichen Ton schlägt unterdessen der Radiosender »Perwoe Radio« an. Auf seiner Webseite werden Wladimir Putins Äußerungen vom Montagabend ohne jegliche Einordnung übernommen. Stimmen aus der Ukraine und den westlichen Staaten fehlen gänzlich. Bezeichnend ist auch der Leserkommentar unter dem Artikel: »Putin macht einen tollen Job, er ist unser Präsident.«

BOTSCHAFTER Im russischsprachigen Programm des öffentlichen-rechtlichen Radiosenders »KAN REKA« waren die neuesten Entwicklungen rund um den Donbass Gegenstand der Dienstagsausgabe der morgendlichen Sendung »Thema des Tages«. Dort sprach unter anderem Zwi Magen, ehemaliger Botschafter Israels in der Ukraine sowie in Russland.

Zu den Folgen von Putins Entscheidung, die sogenannten Volksrepubliken in der Ostukraine als unabhängig anzuerkennen, sagte er: »Die erwartete Annexion der Volksrepubliken in das russische Staatsgebiet ist erstaunlicherweise nicht geschehen. Putin hat sich dafür entschieden, die Gebiete zwar der Ukraine wegzunehmen, sie aber nicht zum russischen Staatsgebiet zu erklären, sodass der Westen nicht reagieren muss und der Verhandlungsprozess fortgesetzt werden kann.«

Ex-Botschafter Zwi Magen sieht keinen großen Krieg zwischen Russland und der Ukraine heraufziehen.

Aus ukrainischer Perspektive seien die Gebiete, Annexion hin oder her, entwendet worden. Dies sowie die Anwesenheit der russischen Streitkräfte bedeute, dass das auch weiteren ukrainischen Regionen geschehen könne, sagte der Ex-Botschafter auf Russisch. Dieselbe Taktik sei von Russland in Georgien angewandt worden, erinnerte Zwi Magen. Er bezeichnete diese Taktik als »vorsichtig«.  

KOMPROMISS Die Vorbereitung eines Krieges seitens Russland dauere schon seit mehreren Monaten. Gleichwohl gehe die Suche nach einem Kompromiss mit der Ukraine, dem Westen und der NATO weiter, sagte Magen. Es gehe nicht um die Ukraine, sondern um Ansprüche Russlands gegenüber der NATO und den USA, den eigenen Einfluss in der postsowjetischen Sphäre wieder auszuweiten und um die NATO-Präsenz in den ehemaligen Staaten des Warschauer Pakts.

Die einzige Möglichkeit, sich zu einigen, sei eine Zusage, die Ukraine aus der NATO herauszuhalten. Magen sieht keinen großen Krieg zwischen Russland und der Ukraine heraufziehen. Auch der jüngste Schritt des Kremls zeige, dass Russland zwar keinen großen Krieg wolle, aber auf seinen Ansprüchen bestehe.

»Die russische Armee betritt seit acht Jahren erstmals offen souveränes ukrainisches Staatsgebiet.«

Zu der Rolle Israels in dem Konflikt sagte Magen, das Kabinett müsse darüber entscheiden. Die Äußerungen einzelner Minister seien ihre Privatmeinung. Israel agiere schon seit Jahren vorsichtig gegenüber Russland. Zwi Magen verwies auf Israels Militärschläge in Syrien, die keine Reaktion Russlands nach sich zögen. Es gebe ein beidseitiges Abkommen. Israel habe sich ja auch nicht in Russlands Konflikte mit seinen Nachbarländern eingemischt. Dies habe sich jedoch geändert, seitdem Russland Israels Vorgehen in Syrien öffentlich kritisiere.

TELEGRAM Der russischsprachige Fernsehsender »Channel 9 Israel« berichtet ebenfalls umfassend über die jüngsten Ereignisse. Die Meldung vom Dienstagmorgen, Russland verlege eigene Militäreinheiten in die »Volksrepubliken« im Donbass, wird in der Online-Präsenz des Senders mit Videomaterial aus prorussischen Telegram-Kanälen ergänzt.

Telegram dient auch als Quelle für Äußerungen des ukrainischen Journalisten Anriy Tsaplienko, der dort unter anderem feststellt: »Die russische Armee betritt seit acht Jahren erstmals offen souveränes ukrainisches Staatsgebiet.« Auf seinem Facebook-Kanal überschrieb »Channel 9 Israel« die dazugehörige Meldung mit: »Russland verlegt Streitkräfte in die Gebiete der Volksrepubliken«. Ein Nutzer kommentiert den Beitrag daraufhin mit dem Hinweis: »Verlegt auf ukrainisches Territorium. Oder hat Israel schon irgendetwas offiziell anerkannt?«

Mentale Gesundheit

Die Einsamkeit wiegt am Schwersten

Fast eine Million Israelis suchten seit Kriegsbeginn Hilfe bei der psychischen Notfall-Hotline Eran

von Sabine Brandes  07.10.2026

Porträt

Nach der Musik das Essen

Der Norden war von Terror und Krieg besonders geschunden. Aber auch Absagen aus dem Ausland beendeten Shachar Bers Karriere als Drummer. Mit einer eigenen Aufstrich-Marke wagt er den Neuanfang

von Sabine Brandes  07.10.2026

Nachrichten

Massage, Kibbuz, Opposition

Kurzmeldungen aus Israel

von Sabine Brandes  07.10.2026

Kommentar

Wenn Chuzpe Leben rettet

Die bemerkenswerte Abwesenheit von Scham, Vorsicht und Selbstzweifel ist eine israelische Eigenart. Im Fall des Flydubai-Fluges half sie, eine Katastrophe zu verhindern

von Sabine Brandes  07.10.2026

Kfar Aza

»Die Angst steckt noch immer im Rucksack«

Shachar Tzuk überlebte das Hamas-Massaker. Drei Jahre später hat sie ein Zuhause, eine Verlobte und ein neues Leben – aber noch immer eine gepackte Fluchttasche

von Sabine Brandes  07.10.2026

Terror

Flydubai-Copilot wollte offenbar Tel Aviver Flughafen treffen

Was war das Ziel des mutmaßlichen Angreifers beim Flydubai-Flug nach Tel Aviv? Die Ermittlungen dazu laufen noch, doch immer mehr Informationen sickern an die Öffentlichkeit

 07.10.2026

Libanon

Hisbollah bezeichnet Hamas-Massaker als »Akt des Widerstandes«

Die Hisbollah hält am dritten Jahrestag an ihrer Rechtfertigung des Angriffs vom 7. Oktober 2023 fest. Seitdem haben die Kämpfe auch im Libanon Tausende Menschen das Leben gekostet

 07.10.2026

Krieg

Israels Armee hat seit Hamas-Massakern 100.000 Ziele angegriffen

Vor drei Jahren ermordeten Hamas-Terroristen rund 1.200 Menschen in Israel. Der Überfall löste den Gaza-Krieg aus. Israel hat seither Zehntausende Ziele in der Region angegriffen

 07.10.2026

Jahrestag der Massaker

Israel gedenkt der Opfer des 7. Oktober

Drei Jahre nach den blutigen Massakern im Süden Israels gedenkt das Land der Opfer. Präsident Herzog findet berührende Worte. Am Abend sollen Zehntausende in Tel Aviv zusammenkommen

 07.10.2026 Aktualisiert