Terror

Angst im Süden

Protestaktion von Einwohnern der Eschkol-Region gegen einen vorzeitigen Waffenstillstand Foto: Flash 90

Die Anwohner des Aschkeloner Stadtteils Shimshon sind an diesem Dienstagvormittag besonders verärgert. Nicht nur, weil hier in der Nacht eine Rakete ein Wohnhaus traf, eine Frau schwer verletzte und einen Mann tötete – einen Palästinenser, der in Israel arbeitete. Die Menschen fühlen sich im Stich gelassen. »Politiker kommen nun wieder und beteuern, dass sie an uns denken«, beschwert sich einer der Nachbarn lautstark.

Wie andere Anwohner ist er gekommen, um sich das Ausmaß der Zerstörung in der Jabotinsky‐Straße anzusehen: Das eingerissene oberste Eck des dreistöckigen Gebäudes, die heraushängenden Kabel, die schwarze Fassade, die zersprungenen Fensterscheiben. Viele Journalisten sind hier, später am Tag wird noch die Oppositionsführerin Tzipi Livni vorbeischauen und Live‐Interviews geben. Auch der Chef der Arbeitspartei, Avi Gabbay, ist an diesem Tag in der Stadt. Doch irgendwann gehen sie wieder. »Und es ändert sich nichts«, schimpft der Nachbar.

Bunker Nichts daran, dass seit Jahren immer wieder Raketen aus Gaza auf seine und andere Städte, Dörfer und Kibbuzim entlang des Gazastreifens abgefeuert werden. Und nichts daran, dass sie hier, in Shimshon, einem der ärmsten Viertel Aschkelons, in alten, heruntergekommenen Wohnungen ohne Schutzräume wohnen. In Neubauten sind diese Pflicht – selbst in Tel Aviv. In Shimshon bleiben den Menschen 30 Sekunden, um nach draußen in den öffentlichen Bunker zwischen den Gebäuden zu rennen. Zu wenig Zeit für Senioren und Kinder, für all jene, die im dritten Stock wohnen, die längst im Bett waren und schon geschlafen haben.

Viele ältere Häuser haben keine Schutzräume – vor allem in ärmeren Wohnvierteln.

Zwar haben die Menschen in Israel immerhin noch den Raketenabfangschirm »Iron Dome«, der in diesen Tagen rund 100 Geschosse vom Himmel holte. Doch bei den rund 460 Raketen, die innerhalb von gut 24 Stunden auf Israel abgefeuert wurden, bietet auch er keine 100‐prozentige Sicherheit. In Aschkelon, in Sderot und Ofakim schlugen Geschosse ein. Was eine Rakete aus Gaza anrichtet, wenn sie denn trifft, zeigt sich vor allem im Inneren des Wohnhauses in Aschkelon.

Beim Betreten der verlassenen Wohnungen knirscht die Verwüstung unter den Schuhen: haufenweise Schutt, zerbrochenes Glas, dazwischen Kinderschuhe, Haarbürsten, Fotos, eine Fernbedienung, ein Kartenspiel. Wind zieht durch die geborstenen Fenster, durch die Löcher in der Wand. Das Zuhause von rund zwölf Familien – zerstört. 30 Menschen waren zum Zeitpunkt des Raketenalarms in dem Wohnhaus. Sie seien nun in einer Schutzunterkunft der Stadt untergebracht, wo sie einen Schlafplatz und Essen bekommen, berichtet Polizeisprecher Micky Rosenfeld. In ihre Wohnungen werden sie nicht wieder zurückkehren können.

Sirenen Insgesamt sind in Israel 70 Menschen verletzt worden, erklärt Rosenfeld. Mindestens zwei von ihnen schwer. Unter ihnen ein 19‐jähriger Soldat, der getroffen wurde, als ein Bus der Armee nahe der Grenze mit Panzerabwehrraketen beschossen wurde. Rund 500.000 Israe­lis, die nahe dem Gazastreifen leben, sind vom jüngsten Dauerbeschuss betroffen. Die Sirenen heulten aber auch weiter weg, in Beer Sheva und am Toten Meer.

Israels Armee reagierte umgehend und griff rund 150 militärische Stellungen der Hamas und des Islamischen Dschihad an, darunter auch einen Fernsehsender der Hamas und ein Geheimdienstgebäude. Anwohner in Gaza wurden per Telefon vor den Luftschlägen gewarnt, damit sie fliehen konnten. Es ist für die Menschen in Gaza die einzige Möglichkeit, sich zu schützen. In Bunkeranlagen, Schutzräume oder Sirenen wurde dort nie investiert. Sieben Palästinenser starben, wird aus Gaza berichtet.

Es ist eine Eskalation, wie sie der Süden des Landes schon lange nicht mehr erlebt hat – und das ausgerechnet jetzt, da eine langfristige Waffenruhe in greifbarer Nähe schien. Seit Wochen wurde im Hintergrund unter Vermittlung von Ägypten verhandelt. 15 Millionen Dollar in Koffern wurden aus Katar vor einigen Tagen in den Gazastreifen transportiert – unter den Augen der Israelis. Damit sollten zivile Hamas‐Mitarbeiter bezahlt werden, die seit Monaten auf ihr Geld warteten. Zum ersten Mal seit Langem floss der Strom in Gaza wieder länger als vier Stunden am Tag. Und Premier Benjamin Netanjahu versicherte bei einer Pressekonferenz in Paris am Sonntag: »Ich tue alles, was ich kann, um einen unnötigen Krieg zu vermeiden.«

ALARM Doch dann lief am Sonntagabend eine Geheimdienstoperation in Gaza schief: Eine Spezialeinheit, die getarnt in Khan Junis im Gazastreifen unterwegs war, geriet in eine Schießerei mit Hamas‐Kämpfern. Sieben Palästinenser sowie ein israelischer Soldat starben. Die israelische Spezialeinheit konnte nur mithilfe der Luftstreitkräfte den Streifen wieder verlassen. Die Hamas begründet ihren Raketenbeschuss nun als Reaktion auf diesen Vorfall. Verhandlungen über eine langfristige Waffenruhe scheinen weiter entfernt denn je.

Eine kurzfristige sollte aber schon am Dienstagnachmittag ausgehandelt werden. Ab 15.30 Uhr sollte der Raketenbeschuss eingestellt werden – doch schon Minuten später gab es im Süden Israels erneuten Alarm. Kurz darauf dann die Meldungen über eine neue Waffenruhe. Ob sie diesmal länger hält? Viele bezweifeln das.

Der 65‐jährige Daniel Edri, einer der Nachbarn in Aschkelon, hält nichts von solchem Vorgehen. Immer wieder würde man nach Kämpfen an denselben Ausgangspunkt zurückkehren. »Der Staat muss aufwachen«, sagt er. »Es ist die letzte Chance, das Ganze ein für alle Mal zu beenden.« Soll heißen: die Hamas zu zerstören – und dafür notfalls auch in Gaza einzumarschieren. Er ist wütend, das sagt er selbst – nicht nur heute, sondern seit Jahren schon.

Manche Einwohner fordern, in Gaza einzumarschieren und die Hamas zu zerschlagen.

Netanjahu scheint einen Krieg mit Bodenoffensive aber vermeiden zu wollen – wohl auch, weil er weiß, was das für Israel bedeuten könnte: Ein Ende der Hamas könnte noch radikaleren Gruppen zur Macht verhelfen. Und selbst die Verantwortung für den Küstenstreifen zu übernehmen – daran hat Israel kein ernsthaftes Interesse. Doch der Druck auf ihn wird immer größer – nicht nur von rechts, wo vor allem Bildungsminister Naftali Bennett von der Partei »Jüdisches Haus« ein härteres Vorgehen fordert. Auch vom Zentrum, von Politikern wie Tzipi Livni: Abschreckung reiche nicht aus, sagte sie in Aschkelon. Wenn es einmal ruhig ist, müsse die Regierung diplomatische Schritte einleiten.

Doch wenn es erst einmal ruhig ist, wird wohl das geschehen, was einer der Nachbarn prophezeit: Politiker ziehen wieder ab. Und nichts ändert sich.

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