Get

Am Pranger

Rabbiner Shimon Yakobi, Vorsitzender des Obersten Rabbinischen Gerichts, erläutert Journalisten den Fall Oded G. Foto: Flash 90

Oded G. ist Physiker. Rational ist er aber offenbar nicht in allen Belangen. Seit vier Jahren verweigert der Wissenschaftler seiner Frau die Scheidungspapiere, den Get im jüdischen Gesetz. Als Folge verlor er jetzt seinen Job als Lehrbeauftragter an der Bar-Ilan-Universität. Außerdem verbannte ihn das Oberste Rabbinische Gericht aus der Religionsgemeinschaft und rief zum ersten Mal explizit zum »Public Shaming« mithilfe der sozialen Netzwerke im Internet auf.

Um das zu verhindern, war G. bis zum Obersten Rabbinischen Gericht gegangen. Doch ohne Erfolg. Der Post einer Freundin der Noch-Ehefrau samt G.s Namen und Foto auf Facebook, Twitter und Whatsapp verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Während es nicht der erste Fall von »Public Shaming« ist, so ist es doch das erste Mal, dass die Rabbiner es initiierten.

Extrem Dass es ein extremer Schritt sei, gibt der Vorsitzende des Obersten Rabbinischen Gerichts, Rabbi Schimon Yakovi, zu. Er betont jedoch, dass das Gericht überzeugt ist, dies sei die richtige Methode. »Wir sind uns bewusst, dass er vielleicht in eine andere Gemeinde zieht. Und dass es Gemeinden gibt, die ihn aufnehmen, trotz unseres Banns. In jedem Fall haben wir dem Mann damit eine Warnung gegeben und gezeigt, dass er für seine Handlungen die Verantwortung übernehmen muss.«

Dem Rabbinischen Gericht sitzt Oberrabbiner David Lau vor, der sich auf die Fahnen geschrieben hat, etwas gegen das Problem der Agunot zu unternehmen. »Aguna« bedeutet »angekettete Frau«, es handelt sich um Frauen, deren Ehemänner nicht in die Scheidung einwilligen. Ohne Get können sie nicht erneut heiraten. Rabbinische Gerichte haben in Israel in Familienangelegenheiten dieselbe Autorität wie zivile Gerichte.

Laut rabbinischem Gesetz muss ein Ehemann den Get aus freiem Willen geben. Es liegt nicht in der Macht der Rabbiner, die Ehe zu annullieren. Um den Druck auf G. zu erhöhen, entschied sich Lau zu der ungewöhnlichen Methode, die Arbeitgeber – die Bar-Ilan- und die Tel-Aviv-Universität – in den Prozess einzubeziehen. Er bestellte vier Akademiker ein und bat sie, G. zu beeinflussen.

Als das nicht funktionierte, suspendierte die Bar-Ilan-Uni den Physiker und warf ihn nach dem endgültigen Urteil sogar komplett hinaus. Auf ihrer Website verkündet sie, dass sie »keinerlei Verbindungen – weder beruflicher noch anderer Art – mit Oded G.« hat. Doch nicht nur an den Universitäten wurde G. zur Persona non grata. Auch aus dem Gemeindeleben ist der religiöse Mann verbannt.

Isolation Denn zusätzlich erließ das Gericht in seinem Urteil einen »Rabbeinu-Tam-Bann« – verbreitet ganz modern im Internet. Der Bann untersagt dem Betreffenden, eine Synagoge zu betreten, er darf keine Besuche erhalten, wenn er krank ist, man soll ihn nicht grüßen oder mit ihm sprechen, keine Geschäfte mit ihm tätigen und anderes – »bis er seine Sturheit hinter sich lässt, den Rabbinern nachgibt und seiner Ehefrau in der Tradition von Moses und Israel eine Scheidung gibt, die sie von ihrem angeketteten Zustand befreit«, heißt es im Urteil. Die Rabbiner hoffen, dass die soziale Isolation ihn zum Umdenken zwingt. Ein umstrittenes Prozedere. Gerade in Zeiten, in denen Public Shaming vermehrt diskutiert und kritisiert wird. Immer wieder begehen Opfer von Internet-Mobbing Selbstmord.

G. ist nicht der einzige Get-Verweigerer. Derzeit gibt es 209 laufende Fälle von Agunot in Israel, gibt das Rabbinische Gericht an. Mithilfe dieses Präzedenzfalls sollen viele von ihnen gelöst werden. Public Shaming im Sinne der Gerechtigkeit? Viele Israelis finden das richtig. Unter ihnen sind Journalisten, Aktivisten und sogar mehrere Knessetabgeordnete, die den Post über G. teilten und dazu aufriefen, »Agunot auf diese Weise zu befreien«.

Doch nicht alle sind mit dem Urteil der Rabbiner einverstanden. Die Bloggerin Rachel Stomel schrieb in der »Times of Israel«, was sie davon hält. Zwar meint Stomel, dass die Veröffentlichung der Namen von »Hardcore-Get-Verweigerern« richtig und wirkungsvoll sei. Im Fall von G. aber sieht sie das anders.

Haftstrafen Die Oded-G.-Kampagne sei kein Fall einer empörten Gemeinde, die den Verweigerer verdammt, sondern eine peinliche Farce des rabbinischen Gerichts und Oberrabbinats. »Denn dem Gericht stehen sämtliche echten juristischen Mittel zur Verfügung, um den Mann zu einem Get zu zwingen. Es darf Haftstrafen verhängen und hat immense Macht. Allerdings hat es sich wiederholt geweigert, den leidenden Frauen zu Hilfe zu kommen. Das ist verantwortungslos und grausam.«

Dass die Rabbiner nach vier Jahren die Öffentlichkeit einspannen, um den Fall zu lösen, und das »als modern und kreativ verkaufen«, hält sie für »erbärmlich«. Sogar die Ehefrau von G. ist zwiegespalten. Einer Tageszeitung nannte sie ihre Sorgen: »Ich habe Angst, dass er sich das Leben nimmt oder vielleicht mit den Kindern wegläuft. Doch leider habe ich nach dieser ganzen Zeit keinen anderen Ausweg mehr gesehen.«

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