Lebenslauf

Wie aus Rosa Shoshana wurde

Shoshana Lasowski (81): »Ich bin in Hamburg und in Tel Aviv zu Hause.« Vincent Ruchor kommt regelmäßig zum Unterricht zu ihr. Foto: Heike Linde-Lembke

Der Aufstieg ist mühsam. 60 Stufen muss Shoshana Lasowski zu ihrer Wohnung hinaufsteigen. Dafür liegt die Wohnung auch im angesagten Hamburger Stadtteil Eppendorf. Zwar hat sie darum gebeten, eine Wohnung im unteren Teil des Hauses zu erhalten, sollte etwas frei werden. Doch wurde ihr angedeutet, dass die Farbe ihrer Haare und ihre Nase nicht dazu passen würden. Shoshana Lasowski lächelt wissend. Sie ist Jüdin. Sie kennt das. Der Antisemitismus ist ihr Lebensbegleiter. Seit 81 Jahren.

Dabei möchte sie doch nur eine Wohnung im unteren Stockwerk, weil diese Wohnungen ein Zimmer mehr haben. Nicht etwa wegen der 60 Stufen. Shoshana ist in ihrem Leben immer gelaufen. Vor allem als Kind. Damals, als sie noch Rosa Fischer hieß. Von Czernowitz durch die Ukraine via Budapest bis Wien kreuz und quer durch Europa.

UNGEWISSHEIT »Meine Mutter kam aus Bessarabien, mein Vater war Ungar, und sie haben wohl bei Czernowitz gelebt, kann sein, dass ich dort geboren bin, aber das ist alles nicht gewiss«, sagt Shoshana. Sie erinnert sich nur, dass die Familien ihrer Großeltern orthodox waren und viele Kinder hatten.

Es gibt keine Dokumente, sie sind auf der langen Flucht verloren gegangen. Shoshana vermutet nur, dass sie 1937 in Czernowitz geboren wurde, der damaligen Hauptstadt der Bukowina. »Meine Eltern haben mich wahrscheinlich älter gemacht, damit ich zur Schule gehen konnte, denn dort bekamen die Kinder etwas zu essen«, erzählt Shoshana. Bei ihrer kleinen Schwester Lea Rachel ist das Geburtsdatum bekannt: 27. Oktober 1939 in Bukarest. Auch die Daten ihrer Eltern sind es: Ihre Mutter Tatjana, genannt Toni, wurde 1918 geboren, ihr Vater Saul 1909.

Sie war also drei oder vier Jahre alt, als Hitler‐Deutschland am 22. Juni 1941 Russland überfiel. Ihr Vater befand, dass Europa für Juden nicht mehr sicher war, und floh mit seiner kleinen Familie in die Ukraine. »Nur dort bleiben wir am Leben, sagte mein Vater, und er hatte leider recht«, erinnert sich Shoshana. Leider. Denn alle anderen Angehörigen, die das Fortgehen der Fischers für ein Hirngespinst hielten, wurden in Auschwitz ermordet. Nur ein Bruder ihres Vaters überlebte. Und eine Schwester. Sie wollte einen polnischen Juden heiraten, die Familie war nicht einverstanden, und das Paar emigrierte in die USA.

»Ich wusste nicht, wohin wir flüchteten, ich weiß nur, dass wir in ein Lager kamen, dort wurde auch meine Schwester geboren«, sagt Shoshana. Es war ein Arbeitslager, die Eltern mussten bis zu 18 Stunden am Tag arbeiten, sieben Tage in der Woche. Die kleine Rosa wurde krank. Hunger und Kälte setzten dem Mädchen hart zu. Es erblindete. Doch ein Junge kümmerte sich um sie, brachte ihr Rote Bete und Weißkohl. »Eines Tages konnte ich meine Hand wieder sehen, das war wie ein Wunder«, erinnert sich die 81‐Jährige heute. Wenn ihre Mutter sie auf der Krankenstation besuchte, brachte sie ihr immer etwas Brot mit. »Wenn sie nicht kam, musste ich hungern.«

Mangelernährung führte bei dem kleinen Mädchen zur Erblindung.

Als 1944 der Zweite Weltkrieg zuerst in der Ukraine beendet war, nutzte die Mutter eine Gelegenheit, mit den Töchtern aus dem Arbeitslager zu fliehen. Nur der Vater blieb zurück, um die Verfolger ab zulenken. »Er wurde streng verhört und geschlagen, aber er rettete uns, weil er sagte, seine Frau hätte ihn verlassen«, erzählt Shoshana.

ARBEITSLAGER Sie entkamen dem Lager in einem Kohlezug, wollten zurück nach Czernowitz und konnten sich im Dorf, in dem die Großeltern lebten, bei einem alten Ehepaar verstecken. Von ihnen erfuhr die Mutter, dass ihre Eltern deportiert und ermordet worden waren. Mutter und Töchter hausten in Czernowitz in einem Keller, hatten aber ständig Angst vor Verfolgung. Als die Mutter eines Tages auf der Straße von einem Mann angesprochen wurde, hielt sie ihre Töchter ganz fest und wollte weglaufen. »Aber ich habe gesehen, dass es unser Vater war«, sagt Shoshana, und noch heute blitzen ihre Augen glücklich auf.

Die Flucht gen Westen ging weiter. Zwei Jahre lang. Ohne Ausweispapiere oder andere Dokumente wie Aufenthaltsgenehmigungen oder Ausreisebewilligungen. Die Familie Fischer existierte quasi nicht mehr. Sie liefen nachts und versteckten sich tagsüber. »Einmal hat mich ein Hund aufgespürt, dadurch entdeckte mich ein Soldat, verriet mich aber nicht«, erinnert sich Shoshana. Doch immer wieder wurden sie aufgespürt, landeten in Gefängnissen, die aber Kuhställe waren und angenehm warm. Sie konnten sich waschen, ihre Mutter machte sie hübsch, flocht ihr Zöpfe. Aber der Hunger blieb.

ERFRIERUNGEN Bei der nächsten Gelegenheit flohen sie wieder. Einmal liefen sie mit einer Gruppe, und als ihr Vater ein Huhn fing, es aber nicht töten konnte, zog er sich den Zorn aller Mitflüchtlinge zu. »Aber schlimmer als der Hunger war die Kälte, ich hatte keine Schuhe, meine Füße erfroren, ich hatte blutende Wunden, keinen Mantel, lief in Lumpen, was mich aber nicht störte, nur die Kälte.« Einmal wurden sie von russischen Soldaten entdeckt. Die sagten, sie würden sie auf Lastwagen zur Grenze bringen. Aber der Vater ahnte, dass das Ziel wieder ein Arbeitslager sein würde, und sie gingen zu Fuß weiter.

Eines Tages erreichten sie die ungarische Grenze. Der Vater erklärte auf Ungarisch, er sei Ungar. Die Grenzsoldaten glaubten ihm nicht und verhörten die kleine Rosa. Auf Russisch. Doch sie schwieg. Die Angst verschloss ihr den Mund.

Herbst 1947. Endlich Österreich. Endlich Wien. Dort, wo noch vor wenigen Jahren der Rassenwahn der Nazis Millionen Juden in den Tod trieb, fanden sie Rettung in einem Lager für Displaced Persons, in Arzberg. Rosa musste ins Krankenhaus. »Als ich 2012 in Wien nach Dokumenten über unseren Aufenthalt fragte, schienen die Menschen nicht einmal zu wissen, dass es überhaupt einen Holocaust, einen Krieg gegeben hat«, sagt Shoshana sarkastisch.

Fischer wollte weiter nach Budapest zu seinem Bruder. Dort wurden Schoa‐Überlebende auf die Alija ins britische Mandatsgebiet Palästina vorbereitet, doch das dauerte den Eltern zu lange. Die Familie Fischer zog nach München und kam Mitte Dezember 1947 ins DP‐Lager Feldafing. Das war überfüllt. Sie waren verzweifelt, hörten aber, dass eine Familie Fischman das Lager gerade verlassen hatte. Sie nahmen deren Namen an – und erhielten als Josef Fischman mit Tochter Golda Fischman und als Regina Horowitz mit Tochter Rachel Horowitz ein Zimmer. Ein warmes Bett, Wasser zum Waschen, Essen, neue Kleidung.

»Zum ersten Mal ein Kleid, einen Rock mit Rosen drauf, ein Paar Schuhe, Lackschuhe. Und weiße Söckchen. Ich entdeckte, wie viel Freude es mir machte, mich hübsch anzuziehen«, erzählt Shoshana.

Am 16. Dezember 1947 wurde Rosa Fi­scher in Feldafing registriert. Eine amerikanische Hilfsorganisation spendete Spielzeug für die Kinder. »Ich erhielt einen Tennisball, Papier und Stifte und lernte sogar Fahrrad fahren«, sagt Shoshana.

SPAZIERGÄNGE Der Vater ging mit seiner Tochter Rosa auch am Starnberger See spazieren. Und durch das zerbombte München. Sie sahen, wie die Münchner hungerten. Und brachten ihnen, was sie im Lager übrig hatten. Dafür erhielten sie Äpfel und Birnen.

»Mir hat eine Frau als Dank für die Konserven, die wir ihr gaben, einen bunten Pullover gestrickt«, sagt Shoshana. Doch ihr Vater wurde im Camp angefeindet, »weil er den Tätern half«. Er lehrte seine Töchter auch Deutsch, schließlich könne man nicht genug Sprachen sprechen, war seine Meinung. Sie lernten aber auch ein bisschen Hebräisch im Lager, und zu Hause wurde seit jeher Jiddisch gesprochen.

Trotz allem wollte der Vater nur eines – weg. Weg nach Israel, in einen eigenen jüdischen Staat, dorthin, wo sie sicher seien vor Antisemitismus und Verfolgung. Die Gründung Israels am 14. Mai 1948 erlebte die Familie Fischer noch in Feldafing. »Endlich hatten wir ein eigenes Land, wir erhielten israelische Fahnen und feierten.«

Endlich! Am 27. Dezember 1948 bestiegen sie mit anderen Displaced Persons eine Transportmaschine. Sie landeten in Israel – und waren wieder mitten im Krieg, diesmal im Krieg des kleinen, jungen Staates gegen die ihn überfallenden arabischen Nachbarn. Soldaten holten sie aus dem Flugzeug, und die kleine Rosa konnte sich gar nicht sattsehen an ihnen. Soldaten? Jüdische Soldaten? Keine deutschen, keine ukrainischen, keine russischen Soldaten? »Wir waren endlich im Paradies angekommen, von dem uns unser Vater immer vorgeschwärmt hatte«, sagt Shoshana mit leuchtenden Augen.

JAFFO Ein Bus brachte sie nach Jaffo. »Wir hatten gute arabische Nachbarn«, sagt Shoshana. Sie ging zur Schule, und da die Schule für Neueinwanderer überfüllt war, kam sie in eine Klasse mit israelischen Kindern. Und verstand kein Wort. Das nervte. Shoshana lernte im Turbo‐Tempo. Und übersprang prompt eine Klasse.

Als 20‐Jährige war sie bereits diplomierte Lehrerin und unterrichtete erst Kinder, dann Erwachsene im Ulpan. Sie heiratete, hieß fortan Shoshana Lasowski, bekam zwei Töchter und einen Sohn. Heute hat sie auch vier Enkelsöhne und eine Enkeltochter. »Sie studiert Japanisch«, sagt sie stolz. Doch 30 Jahre Ehe reichten ihr. Sie ließ sich scheiden, orientierte sich auch beruflich neu, ging als Lehrerin nach Russland und bereitete Juden in Moskau und Czernowitz, Charkow und St. Petersburg auf ihre Alija nach Israel vor.

»Während der Perestroika war das Leben schwer in Russland, und ich flog oft nach Israel zurück«, sagt Shoshana. »Als dann die Jüdische Gemeinde Hamburg anrief und fragte, ob ich bei ihnen eine Schule aufbauen und Hebräisch und Religion unterrichten würde, sagte ich zu.«

Der Vater wollte nur eines – weg nach Israel.

1993 landete sie in Hamburg. Und blieb. Noch heute unterrichtet Shoshana Lasowski Hebräisch und Religion in der Stadt an der Elbe, bei den liberalen Gemeinden ebenso wie bei Chabad Lubawitsch und in den Gemeinden des liberalen Jüdischen Landesverbandes Schleswig‐Holstein.

Als 2002 der Grundstein für die Synagoge Mishkan Ha’Zafon, die Synagoge des Nordens, in Bad Segeberg gelegt wurde, spendete Shoshana nur einen Cent. Sie glaubte nicht daran, dass die Synagoge entstehen würde. Bei der Einweihung 2007 freute sich niemand mehr als Shoshana selbst über ihren Irrtum.

»Ich bin in Hamburg und in Tel Aviv zu Hause, dort lebt meine Familie, hier kann ich mit meinem Unterricht viel für das Judentum bewirken, und das ist gut so«, sagt Shoshana und öffnet ihrem Schüler Vincent Ruchor die Tür. Der nimmt die 60 Treppenstufen im Nu. Zu seiner Lehrerin Shoshana würde der Junge auch 160 Stufen steigen.

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